Die Konsequenzen aus dem Kundus-Angriff vor zehn Jahren | Politik | DW | 04.09.2019
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Bundeswehr

Die Konsequenzen aus dem Kundus-Angriff vor zehn Jahren

Mehr als 100 Menschen starben in der Nacht vom 3. auf den 4.September 2009 bei dem NATO-Luftangriff auf Kundus. Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig meint, dass Deutschland die falschen Schlüsse daraus gezogen hat.

DW: Herr Ruttig, vor zehn Jahren kam es in der Nähe von Kundus zum blutigsten deutschen Militäreinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg mit mehr als 100 Toten. Was ist damals alles schief gelaufen?

Thomas Ruttig: Der Untersuchungsausschuss des Bundestages ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der damals zuständige. deutsche Kommandeur des dortigen Wiederaufbauteams einen Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklaster angeordnet und sich dabei nur auf eine einzige afghanische Quelle gestützt hat. Diese Tanklaster, die sich in einem sandigen Flussbett festgefahren hatten, seien nur von Taliban-Kämpfern umgeben gewesen. Oberst Georg Klein hat dann zwei dort zur Luftunterstützung kreisende US-Kampfflugzeuge angewiesen, Bomben auf diese Menschen abzuwerfen, obwohl es auf Seiten der Piloten Zweifel daran gab, dass es sich tatsächlich nur um Taliban-Kämpfer handelte. Der Kommandeur hat diesen Angriff also trotz einer sehr dünne Informationslage angeordnet und so dafür gesorgt, dass wohl Dutzende Zivilisten ums Leben gekommen sind.

Können wir heute sagen, dass es damals ohne Wenn und Aber ein Kriegsverbrechen war?

Ein Kriegsverbrechen könnte vorliegen, wenn tatsächlich bewusst Zivilisten angegriffen worden sind oder wenn eben nicht Vorkehrungen getroffen wurden, dies auszuschließen. Das Interessante an der damaligen Situation war, dass gerade der Kommandeur bei den US-Truppen, der gleichzeitig auch Kommandeur der NATO-Truppen in Afghanistan war, gewechselt hatte. Und dieser sagte, man solle unter allen Umständen Luftangriffe unterlassen, wenn auch nur die geringste Gefahr bestünde, dass damit Zivilisten betroffen sein könnten. Diese Anordnung hat der deutsche Kommandeur nicht umgesetzt. Er argumentierte, dass diese Tanklaster als fahrende Bomben gegen sein Bundeswehrlager eingesetzt werden könnten. Dabei war offensichtlich, dass sich diese im Flussbett festgefahren hatten und nicht mehr weiterkamen. Die hohe Zahl ziviler Opfer kam auch dadurch zustande, dass Menschen aus umliegenden Dörfern das in Afghanistan teure Benzin aus den Tanklastern abzapften.

Wir haben über den Skandal der Bombardierung gesprochen, danach begann der zweite Skandal, mit dem Versuch, die Ereignisse von Kundus zu vertuschen.

Thomas Ruttig (picture-alliance/dpa/AAN)

Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network

Am Anfang wollte man an den verantwortlichen Stellen der deutschen Regierung mit dem damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung von der CDU nicht wahrhaben, dass es auch zivile Opfer gegeben hat. Das kann man ja auch verstehen, aber man hätte das sofort untersuchen müssen. Auch vor Ort hat man das anfangs verhindert. Ein Korrespondent der Nachrichten-Agentur Associated Press hat zum Beispiel versucht, dort hinzufahren, aber er wurde davon abgehalten. Auch innerhalb der Bundeswehr gab es damals auf Kommandeurs-Ebene Hinweise, dass es zivile Opfer gegeben haben muss. Es gibt die Aussage eines damaligen Generals, der sagte, dass es ihn sehr überraschen würde, wenn es bei einem solchen Angriff keine zivilen Opfer geben würde. Das alles wurde versucht unter den Tisch zu kehren. Aber letztendlich hat eine sehr umfangreiche Medienberichterstattung dafür gesorgt, dass dies doch herauskam. Der Bundestagsausschuss wurde eingesetzt, der alle Einzelheiten aufklärte. Bedauerlicherweise ist dies alles den afghanischen Opfern kaum zugute gekommen. Es gab zwar geringe Entschädigungen, weitere Forderungen danach sind in Deutschland gerichtlich abgelehnt worden. Im Moment läuft vor dem Europäischen Gerichtshof noch die Klage eines betroffenen Familienangehörigen aus Afghanistan.

In Deutschland herrschte bei vielen die Illusion, die Bundeswehr könne an einem Krieg teilnehmen und gleichzeitig pazifistisch bleiben. War das mit Kundus vorbei?

Ich glaube, dass die Bundeswehr und damit auch die Bundesregierung zu großen Teilen mit dazu beigetragen hat, den Eindruck zu erwecken, dass man pazifistisch bleiben könnte. Über viele Jahre lang wurde ja abgestritten, dass in Afghanistan überhaupt Krieg herrscht und dass damit die Bundeswehr auch eine Partei in diesem Krieg ist. Ich kenne viele Diplomaten in Kabul, die diesen in Deutschland verwendeten Begriff von kriegsähnlichen Zuständen ziemlich lächerlich fanden. Es war aber das Mandat der Bundeswehr, mit anderen Soldaten der NATO die neuen staatlichen Institutionen in Afghanistan zu schützen und dabei natürlich auch Waffengewalt einzusetzen. Insofern hatte die öffentliche Argumentation relativ wenig mit der Realität zu tun. Es war auch nicht Aufgabe der Bundeswehr, dort Entwicklungsaufgaben zu übernehmen. Es wurde ja immer vom Brunnenbohren berichtet oder vom "Technischen Hilfswerk in Uniform" gesprochen. Das war beschönigend. Zwar hätte die Bundeswehr bestimmte Infrastrukturvorhaben unterstützen sollen und sie hat das zum Teil auch getan. Aber Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit ist die Aufgabe anderer Institutionen in Deutschland und auch europaweit.

Würden Sie zehn Jahre nach Kundus sagen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholen kann?

Ich denke schon, dass die Diskussion um Kundus dazu beigetragen hat, dass mancher Befehlhaber jetzt länger über die Situation nachdenkt, bevor er einen solchen Einsatz anordnet. Man kann der Bundeswehr nicht absprechen, dass sie lernt. Aber wir haben auch gesehen, dass deutsche Soldaten weitere zivile Opfer verursacht haben, wenn auch im Vergleich zu den US-Truppen in Afghanistan in einem viel geringerem Umfang. Es gab ja noch einen weiteren Vorfall, der weit weniger Aufmerksamkeit als das Kundus-Bombardement erhalten hat, die sogenannte Operation Halmasag im Jahr 2010. Damals kamen in einem Gefecht drei Bundeswehrsoldaten in der Provinz Kundus ums Leben, ein gepanzerten Fahrzeug der Bundeswehr war in eine Sprengfalle geraten. Bei der Gegenoffensive gegen die Taliban gab es mit ziemlicher Sicherheit wieder zivile Opfer. Auch bei der darauffolgenden Untersuchung wurde dies abgestritten. Es gibt aber Recherchen, die in die andere Richtung weisen. Die Schlussfolgerung aus dem Kundus-Einsatz und dem Befehl Oberst Kleins lautet also, dass die Konsequenzen besonders für die Afghanen eher ignoriert worden sind.

Thomas Ruttig ist Mitbegründer und stellvertretender Direktor des Think-Tanks Afghanistan Analysts Network.

Das Gespräch führte Oliver Pieper.

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