Die ″Intelligenzaktion″ von Bromberg | Europa | DW | 07.10.2019
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Zweiter Weltkrieg

Die "Intelligenzaktion" von Bromberg

Als die Überreste von Władysław Bieliński in einem Massengrab gefunden wurden, kehrte einer der Täter, Jakob Lölgen, als angesehener Bürger in die deutsche Gesellschaft zurück. Er wurde nie für Taten in Polen bestraft.

Maria wählte den wärmsten Pullover. Den mit Reißverschluss und Kragen. Sie befürchtete, dass es Władysław kalt sein würde. Der Herbst wurde immer ungemütlicher. Sie näherte sich dem Zaun der Bromberger Kaserne an der Danziger Straße, die die Deutschen in Adolf-Hitler-Straße umbenannt hatten. Sie gab ihrem Mann die Kleidung. Sie tauschten ein paar Worte aus. Für mehr war keine Zeit. Die Wärter des von den Deutschen eingerichteten Internierungslagers verjagten die Familie des Inhaftierten Lehrers schnell. Es war der 31. Oktober 1939.

Acht Jahre später schaut Maria auf den mit Lehm verklebten Pullover. Sie erkennt die Jacke. Sie weiß: Es ist die von Władysław. Sein Körper wurde zusammen mit denen anderer Opfern aus der Erde geborgen. Nur 40 der 350 Ermordeten konnten identifiziert werden.

Ein schwarz-weißes Foto

Bis heute hätten Władysławs Angehörige nichts über sein Schicksal wissen können. Nach dem Krieg stießen sie zufällig auf ein Foto, das Władysławs Bieliński kurz vor seinem Tod zeigt.

Auf dem schwarz-weißen Foto steht Władysław und verschränkt seine Hände hinter dem Kopf. Er trägt den Pullover, den Maria ihm gebracht hatte, und eine Jacke. Zwei weitere Männer sind hinter ihm zu sehen. Sie alle sterben durch Kopfschüsse. Die Deutschen verscharrten sie in Gräben im Bromberger Stadtteil Fordon, später Tal des Todes genannt. Es geschah am 1. November 1939.

Deutschland München 1966 | NS-Prozess | Angeklagte Horst Eichler & Jakob Lölgen (picture-alliance/Klaus Heirler)

Freispruch für Jakob Lölgen (Bildmitte) am 1. April 1966.

"Erst als meine Großmutter meinen Großvater auf dem Bild sah, wusste sie, dass er tot ist. Die Deutschen wollten ihr nicht sagen, wo er verscharrt wurde. Sie logen, er sei zur Arbeit nach Deutschland gebracht worden. Ich kenne das letzte Foto meines Großvaters seit meiner Kindheit. Es ist tragisch, schockierend. Bis zum heutigen Tag ruft es große Emotionen in mir hervor. Denn es zeigt das Gesicht eines Mannes, der weiß, was im nächsten Moment mit ihm geschehen wird", sagt Marek Bieliński, Professor an der Universität für Technologie und Biowissenschaften in Bydgoszcz (Bromberg).

Während die Familie um Władysław Bieliński trauerte, beschäftigte sich das Gericht des Internierungslagers im westdeutschen Recklinghausen mit Jakob Lölgen, einem fünfzigjährigen Offizier der deutschen Geheimpolizei. Er wurde wegen Zugehörigkeit zur Gestapo zu einer Geldstrafe von 2000 Mark verurteilt.

Aber er musste nichts bezahlen. Man hielt die einjährige Internierung für eine ausreichende Strafe. Das provisorische Gericht, das unter der Aufsicht der alliierten Besatzungsmächte stand, wusste nicht, dass es Lölgen war, der Władysław Bieliński und über 300 andere unschuldige Einwohner von Bromberg in den Tod schickte.

"Aktion Intelligenz" 

1938 wurde Jakob Lölgen als Kriminalrat der Gestapo nach Danzig geschickt. Im September des folgenden Jahres delegierte man ihn nach Bromberg. Er wurde Kommandeur der dortigen Einheit des Einsatzkommando 16, dessen Aufgabe die Verfolgung und Ermordung der lokalen Führungsschichten war.

Die Führer des Dritten Reiches wollten die polnische Elite liquidieren. Sie wussten, dass diese sie daran hindern würde, die vollständige Kontrolle über Polen an sich zu reißen und die Polen zu Sklaven im Dienst der deutschen "Herrenrasse" zu machen. Daher wurden von den ersten Kriegstagen an im Rahmen der sogenannten Intelligenzaktion Wissenschaftler, Lehrer, Anwälte, Ärzte und Beamte im besetzten Polen getötet. Schätzungen zufolge wurden in den ersten Monaten des Krieges etwa 60.000 Menschen ermordet.

Das von Lölgen in Bromberg geführte Einsatzkommando 16 hat 349 Menschen auf dem Gewissen. Diese Anzahl gab Lölgen in seinen Berichten an. In einem schrieb er über den Zeitraum vom 22. bis 29. Oktober: "Die gegen die polnische Intelligenz eingeleitete Aktion ist so gut wie abgeschlossen. Von der polnischen Intelligenz und als Deutschenhasser und Hetzer gegen das Deutschtum hervorgetretene Personen sind 250 im Laufe der letzten Woche liquidiert worden."

Instytut Pamieci Narodowej, historische Bilder Zweiter Weltkrieg (IPN)

"Aktion Intelligenz" - Polnische Zivilisten auf dem Weg zur Hinrichtung.

Nach dem Krieg kehrte Lölgen nach Deutschland zurück, im Dezember 1949 wurde er entnazifiziert. Er nahm seine Arbeit bei der Polizei wieder auf. Er wurde Leiter der Kriminalpolizei im rheinland-pfälzischen Trier und blieb bis März 1957 im Amt. Danach ging er im Alter von 60 Jahren in Rente.

Verteidigungslinie

Die Justiz der Bundesrepublik Deutschland leitete Mitte der 1960er Jahre in München ein Gerichtsverfahren gegen Jakob Lölgen und seinen Bekannten aus Bromberger Zeiten, Horst Eichler, ein. Sie wurden der Beihilfe zum Mord an 349 Polen beschuldigt.

Lölgen behauptete, er habe nicht an der Aktion in Bromberg teilnehmen wollen und seinen Vorgesetzten Rudolf Tröger wiederholt dazu aufgefordert, ihn nach Danzig oder an die Front zu schicken. Dieser habe das abgelehnt. In einem der Gespräche habe Tröger gesagt, dass Lölgen in ein Konzentrationslager geschickt werde, wenn er die Anweisungen nicht befolge.

Das Urteil: eine Schande!

Lölgen gab zu, dass er wusste, dass die Menschen ohne Gerichtsverfahren oder Verurteilung erschossen worden waren. Er behauptete jedoch, er habe nie an den Hinrichtungen teilgenommen, und die Entscheidung darüber, wer getötet werden sollte, sei von seinem Vorgesetzten Tröger getroffen worden. Er selbst habe nur Befehle weitergegeben.

Das Gericht in München stellte fest, dass keine ausreichenden Beweise vorgelegt wurden, um die Version zu widerlegen. Am 1. April 1966 wurde er freigesprochen. Dieter Schenk, Autor wichtiger Publikationen über Verbrechen der Deutschen an Polen, nennt das eine Schande für die Justiz. Schenk bezieht sich auf die Erkenntnisse der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und bezweifelt, dass Lölgen tatsächlich in Gefahr gewesen wäre, wenn er sich geweigert hätte, den Anordnungen zu folgen.

Opa Jakob

"Ich habe ihn als sehr herzlich empfunden, er hat immer Witze gemacht, ich habe mich immer wohl gefühlt, als ich bei ihm war. Als ich klein war, haben wir mit den Händchen so gespielt, einer legt die Hand drauf, dann der andere usw. bis, unter großem Geschrei, der Turm dann aufgelöst wird", erzählt der Enkel von Jakob Lölgen.

Er bittet, seinen echten Namen im Text nicht zu nennen, deswegen heißt er hier Andreas. "Man möchte nicht damit in Verbindung gebracht werden, in Deutschland nicht und woanders auch nicht", erklärt er.

Andreas hat vor kurzem angefangen, sich mit der Biografie seines Großvaters zu befassen, der für ihn immer nur der liebe Opa war. "Am Anfang war ich schockiert, ich habe versucht nachzuvollziehen, was Befehlsnotstand heißt. Das war diese Konstruktion, auf die sich viele vor Gericht bezogen. Ich versuchte nachzuvollziehen, ob es tatsächlich eine Gefahr für Leib und Leben darstellte, einen Befehl zu verweigern. Wie war die Situation damals? Welchen Einfluss hatte sie auf einen Menschen? Ich glaube, ich habe versucht, Entschuldigungen für ihn zu finden. Aber die Fakten waren deutlich".

Deutschland München 1966 | NS-Prozess | Angeklagte Horst Eichler & Jakob Lölgen (picture-alliance/Klaus Heirler)

Jakob Lölgen (zweiter von links): Nach dem Freispruch eine Polizeikarriere in Trier.

Andreas' Familie hat kaum über den Zweiten Weltkrieg und den Einsatz des Großvaters in Polen gesprochen. "Ich glaube, die Familie hatte immer Angst, dass die Geschichte wieder hochkommt. Deswegen hat man uns Kindern nichts gesagt, wahrscheinlich, damit wir uns nicht verplappern. Die ganze Sache ist ein Makel für die Familie."

Andreas weiß, dass ein Prozess gegen Jakob Lölgen heute anders enden könnte: "Es ist mir klar, dass die damaligen Richter selbst Leute mit Nazi-Vergangenheit waren."

Epilog

Jakob Lölgen wurde nicht bestraft. Nach der Pensionierung führte er ein ruhiges Leben in Nordrhein-Westfalen. Er engagierte sich ehrenamtlich beim Volksbund Deutscher Kriegsgräber-Fürsorge. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in einem Seniorenheim in Brühl bei Bonn, wo er am 5. August 1980 verstarb.

Marek Bieliński hat seinen Großvater nie getroffen. Er hat ein paar Andenken. "Ich habe den Schreibtisch, das Tintenfass und das Siegel mit den Initialen WB geerbt." Die meisten persönlichen Gegenstände Bielińskis, wie die große Bibliothek, verbrannten die Deutschen. Im Jahr 1947 wurde eine Beerdigung für jene organisiert, die im Bromberger Tal der Toten starben. Władysław Bieliński wurde auf dem "Hügel der Freiheit" beigesetzt. 

Aus der Reportage-Reihe "Schuld ohne Sühne". Ein Projekt von DW-Polnisch mit Interia und Wirtualna Polska. dw.com/zbrodniabezkary 

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