Die geheime Vermittlerrolle des Papstes | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 18.09.2015
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Amerika

Die geheime Vermittlerrolle des Papstes

Die anstehende Reise des Pontifex nach Kuba und in die USA steht ganz im Zeichen des Tauwetters zwischen den beiden bisherigen Erzfeinden. Die Vermittlermission von Papst Franziskus könnte noch nicht vorbei sein.

Es war eine große Überraschung, als US-Präsident Barack Obama und Kubas Präsident Raúl Castro Mitte Dezember in zeitgleichen Fernsehansprachen einen Annäherungsprozess zur Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten ankündigten. Dem Ende des "Kalten Krieges" in der Karibik waren 18-monatige Geheimverhandlungen vorangegangen. Papst Franziskus, der in dieser Woche zunächst nach Kuba und anschließend in die USA reisen wird, spielte in diesem diplomatischen Spiel eine Schlüsselrolle.

Seitdem die USA im Januar 1961 die diplomatischen Beziehungen zu Kuba abbrachen hat jeder US-Präsident Gespräche mit Havanna geführt - oft über geheime Kanäle oder Mittelsmänner. Substantielle Fortschritte wurden dabei aber selten erzielt. Und da die USA auch nach Ende der Sowjetunion nicht bereit waren, ihre Blockadepolitik gegenüber Kuba aufzugeben, blieb der Konflikt auch lange über den Fall der Berliner Mauer hinaus eingefroren.

Ein Plakat zum bevorstehenden Papstbesuch hängt in einer Straße von Havanna (Foto: Isaac Risco/dpa)

Ein Plakat in Havanna wirbt für den bevorstehenden Papstbesuch auf Kuba

Geheime Gespräche

Bei seinem Amtsantritt hatte US-Präsident Obama seine Bereitschaft zu einem Neuanfang in den Beziehungen zu Kuba bekräftigt. Doch bis auf kosmetische Veränderungen unternahm er in seiner ersten Amtszeit keine ernsthaften Schritte. Vielmehr konnte er dabei zusehen, wie sich das Verhältnis der USA zu Lateinamerika wegen der Kuba-Frage kontinuierlich verschlechterte.

Im Dezember 2012, wenige Wochen nach seiner Wiederwahl, beauftragt Obama schließlich zwei enge Mitarbeiter, einen vertraulichen Gesprächskanal mit der kubanischen Regierung herzustellen. Diese willigt ein; und im Juni 2013 beginnen unter größter Geheimhaltung die Gespräche in der kanadischen Hauptstadt Ottawa.

Anfangs geht es vor allem um die Freilassung des USAID-Mitarbeiters Alan Gross. Dieser war im Dezember 2009 in Havanna festgenommen und wegen Spionage zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Kuba drängt im Gegenzug auf die Freilassung der "Cuban Five", fünf kubanischer Geheimagenten, die 2001 in einem von Unregelmäßigkeiten begleiteten Prozess zu drakonischen Haftstrafen verurteilt worden waren. Obama aber lehnt einen direkten Gefangenaustausch ab; er hält diesen politisch für nicht durchsetzbar. Die Gespräche geraten Ende 2013 in eine Sackgasse.

Barack Obama bei seinem Antrittsbesuch bei Papst Franziskus im Vatikan 2014 (Foto: Reuters)

Obama bei seinem Antrittsbesuch bei Papst Franziskus im Vatikan 2014

Der Papst kommt ins Spiel

In der Zwischenzeit üben verschiedene Abgeordnete, darunter die demokratischen Senatoren Patrick Leahy und Dick Durbin, die von den geheimen Gesprächen nichts wissen, Druck auf Obama aus, sich stärker für eine Freilassung von Gross einzusetzen. Bei einem Treffen im Weißen Haus Ende 2013 schlägt Durbin vor, Papst Franziskus um Vermittlung zu bitten. Der Vatikan hat sich wiederholt gegen die US-Blockade gegen Kuba ausgesprochen und genießt daher in Havanna Glaubwürdigkeit. Zudem erkennt die kubanische Regierung die Katholische Kirche der Insel als Gesprächspartner an.

Senator Leahy schreibt einen Brief an den Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Ortega, mit dem er bei vorherigen Kuba-Reisen zusammengetroffen war, und einen weiteren an Kardinal Sean Patrick O'Malley aus Boston und bittet diese, die Angelegenheit dem Papst vorzutragen.

Als Obama im März 2014 den Vatikan besucht, ist wieder Bewegung in die Verhandlungen gekommen. Ortega enthüllte später in einem Interview einige der Worte, die der Papst und Obama wechselten. "Der Papst sagte ihm [Obama, Anm. d. Red.] einen Satz von großer Bedeutung: 'Das [die Annäherung, Anm. d. Red.] ist nicht nur gut für das kubanische Volk, das so viel gelitten hat, sondern auch für Ihre Regierung und für Sie selbst, für die Politik Ihres Landes gegenüber Lateinamerika. Lateinamerika ist sich einig in der Ablehnung der Blockade. Die Politik Ihres Landes geht durch Lateinamerika. Wenn es keine Lösung gibt, bleiben Sie weiter von Lateinamerika distanziert sein.'"

Ein motivierender Brief

Im Sommer schreibt der Papst vertrauliche Briefe an Obama und Raúl Castro, in denen er beide Präsidenten bittet, "humanitäre Fragen von gemeinsamem Interesse zu lösen, einschließlich der Situation bestimmter Häftlinge, um eine neue Phase in den Beziehungen zu beginnen." Nach einem Auftritt an der Georgetown Universität, der als Coverstory dient, kommt es zu einem geheimen Treffen Ortegas mit Obama im Weißen Haus, bei dem er den Brief übergibt.

"Soweit mir bekannt, haben wir nie Briefe vom Papst erhalten, außer in diesem Fall", zitieren die beiden Autoren Peter Kornbluh und William LeoGrande in einem Artikel in der US-Zeitschrift "MotherJones" einen hochrangigen US-Beamten. "Und das hat, glaube ich, uns mehr Schwung und Dynamik gebracht, weiter zu machen."

Ein Tuk-Tuk-Fahrer wirbt mit einem Plakat an seinem Wagen für den Papstbesuch (Foto: DW/Andreas Knoblauch)

Ein kubanischer Tuk-Tuk-Fahrer freut sich schon auf Franziskus

Einigung im Vatikan

Ende Oktober lädt der Papst die Unterhändler beider Seiten nach Rom ein, wo letzte Details geklärt und die Vereinbarung zwischen den USA und Kuba schließlich unter Dach und Fach gebracht wird. Der Papst erklärt sich bereit, als Garant des Abkommens zu fungieren.

Am 17. Dezember schließlich fliegen Patrick Leahy und Jeff Flake, ein republikanischer Senator aus Arizona, nach Havanna, um Gross abzuholen, den die kubanische Regierung aus humanitären Gründen freigelassen hat. Wenige später werden die drei noch in Haft verbliebenen Cuban Five im Austausch gegen den CIA-Agenten Rolando Sarraff freigelassen und Obama und Castro treten vor die Weltöffentlichkeit.

Wenige Wochen später beginnen die direkten Gespräche über eine Normalisierung der Beziehungen. Diese kann es nicht ohne ein Ende der US-Blockadepolitik gegen Kuba geben, das hat die kubanische Regierung wiederholt klargemacht. Die Aufhebung der Blockade aber liegt in den Händen des US-Kongresses. Ob Papst Franziskus, der als erster Papst vor dem US-Kongress sprechen wird, seine aktive Vermittlerrolle fortsetzen wird, ist eine der spannendsten Fragen seiner Reise.

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