Die Gefahr kommt aus dem Himmel: Drohnen in Nahost | Nahost | DW | 01.07.2021
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Nahost

Die Gefahr kommt aus dem Himmel: Drohnen in Nahost

Der jüngste US-Angriff auf Stellungen pro-iranischer Milizen im Irak und in Syrien zielte vor allem auf deren Drohnen-Arsenal. Die Attacke zeigt, welche bedeutende Rolle Drohnen in den Machtkämpfen der Region spielen.

Bewaffnete Drohnen

Bewaffnete Drohne der US-Streitkräfte während der Operation "Enduring Freedom" im Irak (Archivbild von 2014)

Yehia Rasool, der Sprecher des irakischen Militärs, zeigte sich empört. Die US-Luftangriffe gegen mit dem Iran verbundene Milizengruppen an der irakisch-syrischen Grenze seien eine "Verletzung der Souveränität" seines Landes, erklärte er. Damit gab er zu verstehen, dass die Regierung in Bagdad vor allem eines nicht möchte: In die Auseinandersetzungen zwischen dem Iran und den USA noch stärker als bislang hineingezogen zu werden.

In Washington gab man sich angesichts des Militärschlags zurückhaltend. Es handele sich um Selbstverteidigung, begründete Pentagon-Sprecher John Kirby den US-Angriff. Bei den Zielen habe es sich um Einrichtungen pro-iranischer Milizen gehandelt. Diese hätten von dort aus Drohnenangriffe auf amerikanische Einrichtungen im Irak gestartet. Präsident Joe Biden selbst habe die Aktion angeordnet. Konkret beschuldigte das Pentagon zwei vom Iran gesponsterte irakische Milizengruppen, die Kataib Hisbollah und Kataib Sayyid al-Shuhada. Vier ihrer Mitglieder sind bei dem Angriff offenbar getötet worden.

Die Angriffe der USA zeigen einmal mehr, welche bedeutende Rolle militärische Drohnen inzwischen nicht nur in der irakisch-syrischen Grenzregion, sondern im gesamten Nahen Osten und in Nordafrika spielen. 

Saudi-Arabien Drohnen-Angriff auf Aramco-Ölaufbereitungsanlage

Verheerend: Rauchwolken über einer saudischen Ölaufbereitungsanlage nach einem Drohnen-Angriff im September 2019

Lukrativer Zukunftsmarkt

Der globale Markt für militärische Drohnen werde in den kommenden zehn Jahren einen Wert von rund 100 Milliarden US-Dollar erreichen, heißt es in einer Studie des Italian Institute for International Political Studies (ISPI). Zu den größten Akteuren auf diesem Markt werden die Länder des Nahen Ostens gehören, prognostiziert die Studie. In Nahost habe der militärische Anteil des gesamten Drohnenmarkts bereits 2019 einen Anteil von 82 Prozent erreicht. Bislang hätten die Staaten der Region - ohne Israel - rund anderthalb Milliarden US-Dollar in diesen Markt investiert. Hauptproduzenten militärisch nutzbarer Drohnen sind laut dem 'Bard Center for the Study of Drones' die USA, China und Israel.

Die Entwicklung in Nahost spiegele einen globalen Trend in der internationalen Staatenwelt, sagt der Politologe Federico Borsari vom ISPI im DW-Interview. Das Interesse an der militärischen Nutzung von Drohnen sei generell gewachsen, denn diese böten Staaten eine Reihe von Vorteilen: "Sie sind vergleichsweise billig. Sie halten sich lange in der Luft. Weil sie keine Besatzung haben, entfällt auch das Risiko von Toten und Verletzten an Bord. Darum ist der Verlust einer Drohne auch nicht im Ansatz mit dem eines Flugzeugs zu vergleichen", so Borsari.

Hinzu komme, dass sich Kriege mit Drohnen auf gewisse Weise unsichtbar machen und in die Ferne verlagern ließen: "Das bringt Staaten in Versuchung, den Einsatz dieser Geräte zu leugnen", meint der Experte. "Mit ihnen lassen sich leichter verdeckte Operationen durchführen, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen."

Neues Kräfteverhältnis?

Drohnen hätten das internationale Kräfteverhältnis inzwischen grundlegend umgestaltet, glaubt der Historiker und Politologe James Rogers vom 'Danish Institute for Advanced Study'. Gerade in Nahost, wo vielfach nicht-staatliche Milizen mit Drohen operierten, sei dies offensichtlich. "Es besteht fast ein Konsens darüber, dass der Westen die Luftüberlegenheit auf taktischer Ebene verloren hat und sich einer Bedrohung von oben gegenübersieht", so Rogers im Gespräch mit der DW.

Zunächst wurden Drohnen meist im Kampf gegen den internationalen Terrorismus eingesetzt, auch in Nahost. So etwa setzten Ägypten und Algerien sie gegen Milizen aus dem Umfeld des so genannten "Islamischen Staats" ein. Dabei setzte Ägypten stark auf das von China gekaufte Modell 'Wing Loong', während Algerien eigene Fluggeräte einsetzte, die es nach dem Vorbild emiratischer 'Yabhon'-Drohnen konstruiert hatte, heißt es in der ISPI-Studie. Beide wurden mit Waffen bestückt, deren Einsatz mit Einsätzen von Bodentruppen koordiniert wurde.

Infografik Nichtstaatliche Akteure, die bewaffnete Drohnen im Nahen Osten einsetzen DE

Proxys und politischer Druck

Seit einiger Zeit setzen jedoch auch immer mehr nicht-staatliche Akteure auf Drohnen. So nutzte der "Islamische Staat" (IS) Drohnen zunächst zu Foto- und Filmzwecken, um attraktiveres Propagandamaterial zu produzieren. Von 2017 an entwickelten Techniker der Terrororganisation den so genannten "Unbemannten Flugapparat der Mudschahidin": eine militärisch umgerüstete Drohne. "Geräte dieser Art setzte der IS etwa in der Schlacht um Mosul ein", sagt Federico Borsari.

Auf Drohnen-Einsätze nicht-staatlicher Akteure setzt allerdings auch der Iran, wenn es darum geht, mit anderen Ländern um Macht und Einfluss in der Region zu ringen. Der Iran sei bereits sehr früh in die Produktion von Drohnen eingestiegen, so Borsari. Begonnen habe er ihre Entwicklung in Form von eher simplen, analogen unbemannten Flugkörpern bereits während des Krieges gegen den Irak in den 1980er Jahren. "Der Iran hat erkannt, dass Drohnen als Teil der Luftwaffe fungieren oder diese in Teilen sogar ersetzen können", so Borsari. Dies sei auch wichtig vor dem Hintergrund,  dass die iranische Luftwaffe seit längerem dem Stand der Technik hinterherhinke. Zudem umgehe Teheran mit dem Bau von Drohnen auch die negativen Folgen der westlichen Sanktionen für die Ausrüstung der Armee.

Mehrere iranische Drohnen vom Typ Gaza stehen in einem Hangar

Der Name als Symbol: Drohne vom Typ "Gaza" der iranischen Streitkräfte

Regulär setze der Iran die Drohnen nur zur Landesverteidigung an den Grenzen ein. "Aber man hat erkannt, dass sich mit ihnen Politik machen lässt - indem man sie nicht-staatlichen Verbündeten zukommen lässt", so Experte Borsari: "Der Umstand, dass der Einsatz von Drohnen relativ schwer nachweisbar ist, ist aus iranischer Sicht insbesondere dann von Vorteil, wenn seine Partner sie einsetzen. Denn so lässt sich militärischer und damit auch politischer Druck ausüben."

Tatsächlich hat der Iran bewiesen, dass er mit Hilfe seiner Proxy-Truppen, wie etwa der libanesischen Hisbollah und zumindest teilweise auch der islamistischen Hamas im Gazastreifen, weit jenseits seiner Grenzen erhebliches Drohpotential, etwa gegenüber Israel, entfalten kann. Auch die vom Iran unterstützten Houthis im Jemen haben wiederholt Saudi-Arabien angegriffen, das an der Spitze einer internationalen Koalition gegen diese kämpft - und das gleichzeitig schon seit längerem mit dem Iran um politische und militärische Vorherrschaft in der Region ringt.

Bevorzugte Angriffswaffe auch hier: Drohnen.