Die erste gemeinsame Währung Europas | Wissen & Umwelt | DW | 27.01.2021
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Forschung

Die erste gemeinsame Währung Europas

Gleich nach Form und Gewicht: Vor 5000 Jahren nutzten Menschen standardisierte Ringbarren, Armreifen und Axtklingen als eine frühe Form von Geld.

Krahuletzmuseum Eggenburg | Bronzene Armspiralen und Ringbarren ca. 1800 v. Chr.

Bronzene Ringbarren und Armspiralen, entstanden etwa 1800 vor unserer Zeitrechnung

"Was soll das Schwert denn kosten?"

"Vier Armreifen, drei Spangen und eine Axt!"

"Alles Standard?"

"Na klar!"

So ungefähr könnte ein prähistorischer Tauschhandel geklungen haben, ehe Münzen im bronzezeitlichen Europa in Umlauf kamen. Denn zu dieser Zeit waren Armringe, sogenannte Spangenbarren - also Rohmaterialstücke für Schmiede - und Axtklingen wahlweise aus Bronze oder Kupfer die gängige Währung. Und erstaunlicherweise waren diese Objekte in weiten Teilen Europas bereits in Gewicht und Form standardisiert, fanden Forschende der Universität Leiden heraus.

München | 4000 Jahre alte Kupferbarren im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege

4000 Jahre alte Kupferbarren im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege

Dafür untersuchten die niederländischen Forschenden mehr als 5000 Spangenbarren, Axtklingen, und Ösenhalsringe aus der Zeit von etwa 2150 bis 1700 vor unserer Zeitrechnung. Die untersuchten Objekte stammen von unterschiedlichen Fundorten etwa im heutigen Süddeutschland, Österreich, Tschechien, aber auch aus Norddeutschland und dem südlichen Skandinavien. Dort wurden nicht nur einzelne Objekte, sondern ganze Sammlungen (Horten) mit mehreren hundert Teilen gefunden. 

Obwohl die Objekte also aus sehr verschiedenen Regionen und Zeiten stammen, waren diese laut der im Fachjournal "Plos One" veröffentlichen Studie überraschend einheitlich in Form und Gewicht. Rund 70 Prozent der untersuchten Ringe hatten ein Durchschnittsgewicht von rund 195 Gramm.

Wie aber war das möglich, schließlich mussten die Menschen das Gewicht ohne Waagen mit der bloßen Hand vergleichen können?

München | Prähistorische Sammlung - Oesenhalsringe aus Aschering

Dass Ringbarren oftmals in großen Mengen - Horten - gesammelt wurden, spricht für eine Nutzung als frühe Währung

Die niederländischen Forschenden bezogen das  Weber-Fechner-Gesetz  aus dem Bereich der Wahrnehmungspsychologie in ihre Analyse ein. Dies Gesetz beschreibt den Zusammenhang zwischen der objektiven Reizintensität und der subjektiv empfundenen Stärke von Sinneseindrücken.

Demnach erkennt man einen Gewichtsunterschied erst, wenn eine Gewichtszunahme von ungefähr zwei Prozent vorliegt. So müsste bei einem Kilo Spangenbarren, also 1000 Gramm, ein anderer Gegenstand 20 Gramm mehr wiegen, um schwerer zu wirken.

München | 4000 Jahre alte Kupferbarren im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege

4000 Jahre alt: 800 dieser exakt gleich großen und schweren Spangenbarren wurden in Oberbauern gefunden

Die Entwicklung eines solchen vergleichenden Gewichts- und Maßsystems gehöre zu den bedeutendsten prähistorischen Entwicklungen des menschlichen Intellekts, so Maikel Kuijpers und Catalin Popa von der Fakultät für Archäologie der Universität Leiden in ihrer Studie.

Durch eine standardisierte Festlegung von Form und Gewicht ähnelten sich die Gegenstände so sehr, dass sie mit der Hand nicht mehr als unterschiedlich wahrgenommen wurden. Schon in prähistorischer Zeit hatten die Menschen also erkannt, dass alle Objekte eine Standardgröße haben müssen, um als gemeinsame Währung dienen zu können, die auch über große Entfernungen hinweg akzeptiert wird.