Die Deutsche Bank und der Niedergang einer Zunft | Wirtschaft | DW | 08.08.2016
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Wirtschaft

Die Deutsche Bank und der Niedergang einer Zunft

Aktien der Deutschen Bank und der Credit Suisse werden nicht mehr im prestigeträchtigen Stoxx Europe 50-Index notiert. Wird bald die ganze Branche überflüssig?

Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere an die Zeiten, als Banker noch Bankiers genannt wurden? Bei Geschäften legte man viel Wert auf gute persönliche Kontakte und nicht nur auf gute Quartalsbilanzen. Ein Handschlag war so viel wert wie ein Vertrag. Damals rangierte der Bankier in der Prestigeskala unmittelbar nach dem Hochschulprofessor und dem Chefarzt auf den vorderen Plätzen des Ansehens in der Öffentlichkeit. Und die Deutsche Bank war eine geachtete, ja fast heilige Institution.

Bis das eintrat, was die "ZEIT Online" einmal als "Bankraub von innen" bezeichnet hat. Der begann vor 27 Jahren, 1989, als der Vorstand unter dem damaligen Chef Alfred Herrhausen die britische Investmentbank Morgan Greenfell kaufte. Plötzlich bevölkerten Hunderte Finanzmarktexperten und Wertpapierhändler das Unternehmen, und die begannen, den Charakter der Bank völlig umzukrempeln.

Aus einem soliden Institut, das sein Geld damit verdiente, Kredite an die Wirtschaft zu vergeben, wurde eine Zockerbude, die immer mehr Wertpapiergeschäfte auf eigene Rechnung tätigte. Zehn Jahre später, 1999, kaufte die Deutsche Bank die amerikanische Investmentbank Bankers Trust und stieg damit zeitweilig zur größten Bank der Welt auf. Indes: Gleichzeitig gewannen die Zocker, die Investmentbanker völlig die Oberhand.

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Bankraub von innen

Im Gegensatz zum Vorstand haften sie nicht für ihre Geschäfte, sie gehen höhere Risiken ein und kassieren Milliardenboni - geschätzte 40 bis 50 Milliarden Euro innerhalb von 15 Jahren. Gewinne hat das riskante Investmentbanking unterm Strich kaum eingebracht – im Gegenteil. Die Deutsche Bank rutschte im Ranking von der Spitze auf einen Platz irgendwo in den 40er Rängen, der Börsenkurs ist innerhalb eines Jahres um 66 Prozent von 33 auf elf Euro gefallen, wertvolle Industriebeteiligungen sind verkauft – Bankraub von innen eben.

Vor allem aber veränderten die Investmentbanker die Unternehmenskultur des Frankfurter Geldhauses, das einmal bieder, aber seriös daherkam, in den vergangenen Jahren aber immer mehr an eine Bande von Raubrittern erinnerte. Weltweit werden gegen die Deutsche Bank über 7.000 Prozesse geführt, es geht um Geldwäsche, Zinsmanipulationen, Steuerhinterziehung. Zur Finanzierung von Prozesskosten hält die Deutsche Bank aktuell 5,4 Milliarden Euro vor. Im vergangenen Jahr hatten milliardenschwere Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten einen Rekordverlust von 6,8 Milliarden Euro zur Folge.

Vorläufiger Tiefpunkt

Für den vorläufigen Tiefpunkt im Ansehen des Hauses sorgten im Frühjahr Vorstandschef John Cryan und Finanzvorstand Marcus Schenck mit der Verlautbarung, die Deutsche Bank sei in der Lage, die Zinsen für sehr riskante Anleihen zu zahlen. Wer so etwas öffentlich bekunden muss, steht für gewöhnlich kurz vor dem Offenbarungseid. Das hat Folgen: Pensionsfonds und Investoren, die an einer langfristigen Wertentwicklung orientiert sind, trennen sich von den Aktien der Deutschen Bank, die Ratingagentur Moody's stuft das Frankfurter Geldhaus nur noch zwei Stufen vom Ramsch-Status entfernt ein, was wiederum die Refinanzierungskosten in die Höhe treibt.

Indes: Auch anderen europäischen Banken scheint es nicht besser zu gehen. Am Dienstagnachmittag nach dem Stresstest-Wochenende mussten Bankentitel in ganz Europa Federn lassen: Die italienische Großbank Unicredit mit ihrer deutschen Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank verlor 7,2 Prozent, gefolgt von den beiden spanischen Großbanken Santander (minus 5,3 Prozent) und BBVA (minus 4,9 Prozent) sowie der holländischen ING Group (minus 4,6 Prozent), zu der die deutsche ING Diba gehört.

Ein nie dagewesener Niedergang

Viele Banken in Europa leiden immer noch unter den Folgen der Finenzkrise. Sie haben noch milliardenschwerde faule Kredite in den Büchern, die immer noch die Bilanzen belasten. Der jüngste Stresstest hat zudem gezeigt, dass viele europäische Geldhäuser immer noch eine sehr knapp bemessene Eirgenkapitalsdecke haben, darunter auch die Deutsche Bank und die Commerzbank. Und: Alle Institute leiden unter einer anhaltenden Ertragsschwäche im Umfeld niedriger Zinsen, die wegen des Brexit vermutlich auch niedrig bleiben werden.

Der Bedeutungsverlust der europäischen Großbanken macht sich nun auch in einem der wichtigsten Börsenbarometer für den Kontinent bemerkbar: Die Deutsche Bank und die Schweizer Großbank Credit Suisse werden seit heute nicht mehr im Stoxx Europe 50 geführt, in dem die wichtigsten Börsenwerte Europas vereint sind. Der Index wird zwar nicht ganz so viel beachtet wie der Euro Stoxx 50, der nur Werte aus dem Euroraum vereint. Dennoch kommt der Schritt für die beiden einst so stolzen Häuser dem Abstieg aus der ersten Liga der europäischen Konzerne gleich.

Und die Zukunft der europäischen Banken sieht auch nicht gerade rosig aus. Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank und heute Professor an der Universität Witten/Herdeke, sagte schon vor einem Jahr den "Untergang der klassischen Banken" voraus. Seine Befürchtung: Technischer Fortschritt, die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken und staatliche Regulierung drohen, das bestehende Geschäftsmodell der Banken zu zerstören.

Gefahren für die Zukunft

Die Niedrigzinspolitik, so argumentiert Mayer, drückt auf die Margen im klassischen Bankgeschäft, "und je länger diese Niedrigzinsphase dauert, desto mehr Banken werden ihr Geschäft aufgeben müssen". In die gleiche Richtung wirkt laut Mayer die zunehmende staatliche Regulierung. "Der Zuschlag an Eigenkapital für systemrelevante Banken und die Pflicht, die Abwicklung im Insolvenzfall ohne Inanspruchnahme von Steuergeldern möglich zu machen, lässt das Modell der globalen Universalbank obsolet erscheinen.

Der größte Feind der Banken ist jedoch Mayer zufolge der technische Fortschritt. Denn der könnte dazu führen, dass die Banken den Zahlungsverkehr und die Kreditvermittlung an andere Unternehmen verlieren. Zahlungen "dürften künftig zunehmend über elektronische Bezahlsystem abgewickelt werden, bei denen Firmen der Informationsbranche technologische Vorteile haben." Und auch das klassische Kreditgeschäft könnte unter die Räder kommen: "Die Entstehung des Crowd Funding zeigt, dass man dort, wo man gesellige Unternehmungen organisieren kann, auch Sparer und Investoren zusammenbringen kann."