Die Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau: Vom Gotteshaus zum Schwimmbad und zurück | Kultur | DW | 21.09.2016
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Kultur

Die Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau: Vom Gotteshaus zum Schwimmbad und zurück

Die Sowjets sprengten die einst prächtige Christi-Erlöser-Kathedrale. Heute strahlen ihre goldenen Kuppeln wieder über Moskau. In der Zwischenzeit diente der Standort kommunistischen Prestigeprojekten.

Sie war die größte Kirche des orthodoxen Zarenreiches. Seit ihrer Erbauung 1883 stand die Christi-Erlöser-Kathedrale für die enge Verbindung von Religion und Staat im russischen Imperium. Doch bereits 34 Jahre nach ihrer Weihung ergriffen die Sowjets mit der Oktober-Revolution 1917 die Macht. "Religion ist Opium für das Volk", wurde der Leitsatz der Kulturpolitik Lenins und schnell wurde auch danach gehandelt: Fast alle Gotteshäuser wurden geschlossen, Kirchenbesitz beschlagnahmt und tausende Geistliche erschossen. Alles im Auftrag des neuen kommunistischen Staates.

Russland Bolschewiki in russischer Kirche Foto: Russisches Staatsarchiv für Kinodokumente

Reliquien und Ikonen werden von den Sowjets entfernt

Auch baulich sollte sich das neue Gesellschaftsbild, in dem für Religion kein Platz war, widerspiegeln. Nach und nach erhielten immer mehr Kirchen eine neue, säkulare Funktion. Sie wurden als Lagerhallen, Kinosäle, Bibliotheken oder als Wohnhäuser genutzt.

Sowjetische Gigantomanie

Die alte Christi-Erlöser-Kathedrale war 103 Meter hoch. Vom Kreml aus konnte man ihre majestätischen Kuppeln sehen. Genau diese prominente Lage wurde ihr 1931 zum Verhängnis. Staats- und Parteichef Josef Stalin schwebte vor, das Grundstück für ein ganz besonderes Prestigeprojekt zu nutzen: An der Stelle der Zarenkathedrale sollte ein 415 Meter hoher Palast der Sowjets entstehen. Die Pläne sahen vor, das Gebäude mit einer Lenin-Statue zu krönen. Auf diese unübersehbare Weise sollte der monumentale Palast die neue kommunistische Gesellschaft repräsentieren. Um den Platz für diesen Prachtbau zu schaffen, wurde die Kathedrale 1931 gesprengt. Kein großer Verlust in den Augen der damals Mächtigen.

Russland Palast der Sowjets Foto: Palast der Sowjets, nach Angaben des Online-Magazins „moderneREGIONAL“ ist die Abbildung gemeinfrei

Höher als das Empire-State-Building: Der geplante Palast der Sowjets

Wenn Pläne ins Wasser fallen

Doch das Bauprojekt wurde nie verwirklicht. Wegen des Angriffs der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Jahr 1941 wurden die Arbeiten eingestellt. Das höchste Gebäude der Welt zum Ruhme des Kommunismus blieb eine Idee. Nach dem Krieg zeugte nur noch ein graues Fundament von dem großen Plan.

Etliche Jahre später schaffte es aber das nächste Projekt, einen neuen Rekord aufzustellen: Auf einer Fläche fast zweimal so groß wie ein Fußballfeld, entstand das größte Freibad der UdSSR.

Russland Moskau Schwimmbad Moskwa Foto: picture-alliance/Heritage Images

Erholungsort im Zentrum der Hauptstadt

Das Wasser war ganzjährig beheizt, selbst im kältesten russischen Winter konnte man hier schwimmen. Das heiße Wasser tauchte das Areal, an dem einst die Zarenkathedrale gestanden hatte, in eine dichte Nebellandschaft. Und im Sommer war das Schwimmbad in der Moskauer Innenstadt ein beliebter Treffpunkt für Tausende.

Heute denken viele Moskauer mit gemischten Gefühlen an das riesige Schwimmbecken zurück. Einerseits haben sie schöne Erinnerungen daran, etwas wie sie hier schwimmen gelernt haben, wie sie für Schwimmwettkämpfe trainiert, oder einfach nur Freunde getroffen haben. Aber da ist auch ein fast schamhaftes Gefühl und so manch ein Moskauer scheint es heute zu bereuen, sich im Freibad "Moskwa" erholt zu haben, an einem vormals geweihten christlichen Ort.

Allmähliches religiöses Wiedererwachen

Der Plan der sowjetischen Führung ist nicht aufgegangen. Die Religion konnte nicht aus der Kultur der russischen Bevölkerung verdrängt werden. Als sich in den 1980er Jahren die strikte Religionspolitik lockerte, nutzen die christlichen Gemeinden ihre Chance: Im ganzen Land wurden Kirchen restauriert und Gottesdienste wieder aufgenommen.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion wird das orthodoxe Christentum nicht mehr als Feind des Staates betrachtet. Ganz im Gegenteil: Heutzutage nimmt die russisch-orthodoxe Kirche eine entscheidende Rolle im neuen Nationalbewusstsein Russlands ein.

Wladimir Putin Patriarch Kyrill Foto: Getty Images/Y.Lapikova

Wladimir Putin im vertrauten Gespräch mit Patriarch Kyrill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche

Auf der Suche nach einer neuen Identität besinnt sich der russische Staat unter Putin auf seine vorrevolutionäre Vergangenheit. Symbole aus der Zarenzeit stehen wieder hoch im Kurs. Christliche Werte werden hoch gelobt und eine Mehrheit der Russen bezeichnet sich als gläubig. Die Religion dient dem Kreml als Instrument für einen traditionsbewussten Patriotismus. Davon profitiert vor allem die russisch-orthodoxe Kirche. Mit Geldern aus der Staatskasse konnten viele ihrer maroden Gotteshäuser restauriert oder wiederaufgebaut werden.

Disneyland oder Symbol?

Russland Die Christi Erlöser Kathedrale in Moskau Foto: dpa - Report+++ | Verwendung weltweit picture-alliance/ZB/A. Lander

Heute wieder ein Ort der Ruhe: die Christi-Erlöser-Kathedrale

Der Bau der neuen Christi-Erlöser-Kathedrale jedoch, wurde allein mit Spenden finanziert. Umgerechnet 170 Millionen Dollar hat es dafür gebraucht. Fünf Jahre hat es gedauert, dann stand die neue Kirche wieder dort, wo die alte einst auf Stalins Befehl gesprengt wurde. Im Jahre 2000 wurde sie geweiht. Wieder ein Prachtbau, eine perfekte Kopie der alten Kathedrale.

Manche Kritiker sehen in ihr etwas von Disneyland oder bezeichnen sie als eine glänzende Hülle, ohne Seele. Für viele Russen ist die heutige Christi-Erlöser-Kathedrale jedoch ein prachtvolles Symbol für die Religion, die nun wieder einen wichtigen Platz in der russischen Gesellschaft hat.

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