DFB weist Rassismus-Vorwurf zurück | Sport | DW | 23.07.2018
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Nach Özil-Rücktritt

DFB weist Rassismus-Vorwurf zurück

Der Deutsche Fußball-Bund stellt sich nach den Vorwürfen Mesut Özils vor DFB-Chef Reinhard Grindel. Dennoch wird die Luft für den Verbandspräsidenten dünner. Die Rufe nach seinem Rücktritt werden lauter.

Berlin Treffen Özil und Gündogan mit Löw und Grindel (picture-alliance/Getty Images/DFB)

DFB-Chef Reinhard Grindel (3.v.l.) Mitte Mai beim Krisengespräch in Berlin

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat den Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft bedauert und sich gegen dessen Anschuldigungen vor allem gegen Präsident Reinhard Grindel zur Wehr gesetzt. "Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir in aller Deutlichkeit zurück", hieß es in einer Stellungnahme des Verbandes. "Der DFB engagiert sich seit vielen Jahren in hohem Maße für die Integrationsarbeit in Deutschland. Der DFB steht für Vielfalt, von den Vertretern an der Spitze bis zu den unzähligen, tagtäglich engagierten Menschen an der Basis." Vorausgegangen war eine Telefonkonferenz des Präsidiums mit DFB-Chef Grindel, der sich im Urlaub befindet. 

Der Verband bedankte sich bei Özil für dessen Einsatz. "Er hat eine erfolgreiche Ära mitgeprägt, auf und gerade auch neben dem Platz. Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass Deutschland 2014 in Brasilien Weltmeister geworden ist", hieß es. Der DFB respektiere Özils Entscheidung zurückzutreten "und es gehört für uns als Verband auch zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen."

Rufe nach Rücktritt Grindels werden lauter

Das DFB-Präsidium reagierte damit auch auf die wachsende Kritik an Verbandschef Grindel. Nach den heftigen Vorwürfen Özils gegen den früheren CDU-Bundestagsabgeordneten mehren sich die Rufe nach seiner Ablösung. "Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte", sagte etwa Grünen-Politiker Cem Özdemir und wirft dem DFB ein "desaströses" Vorgehen in der Affäre um die Fotos der Nationalspieler Özil und Ilkay Gündagon mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im vergangenen Mai vor. "Grindel muss auch gehen", fordert Özdemirs Parteikollegin Renate Künast nach Özils Abschied aus der Nationalmannschaft.

Keine klare Linie

Dass plötzlich auch der 56 Jahre alte DFB-Präsident am Pranger steht, hat er sich selbst zuzuschreiben. Eine klare Linie in Grindels Aufarbeitung der Affäre war nie zu erkennen. Erst preschte er als Kritiker vor ("Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen."), dann gab er sich wieder gnädig ("Menschen können Fehler machen, und wir müssen das Maß wahren.").

DFB-Präsident Reinhard Grindel (picture-alliance/dpa/F. Sommer)

Mal Druck, mal Nachsicht

Nach der WM-Blamage der Nationalmannschaft in Russland und der Kritik von Teammanager Oliver Bierhoff an Özil legte der DFB-Chef nach, indem er den Weltmeister von 2014 öffentlich unter Druck setzte: Die Fans, so Grindel damals in einem Interview des Fachmagazins "Kicker", erwarteten "zu Recht" eine Antwort Özils auf die Fragen zu seinem Termin mit Erdogan. "Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem Interesse öffentlich äußern sollte."

Eigene politische Ansichten im Vordergrund?

Das hat Özil am Sonntag getan, wenngleich sicher nicht in Grindels Sinne. Er warf dem DFB-Chef vor, ihn, Özil zum "Sündenbock" zu machen "für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen". Schon beim ersten Treffen im Mai habe sich Grindel überhaupt nicht für Özils Sichtweise interessiert. Dem DFB-Präsidenten sei es nur darum gegangen, "über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen". Und schließlich warf Özil Grindel auch noch Opportunismus vor: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren."

Vor allem dieser letzte Vorwurf, sein Fähnchen nur in den Wind zu halten, dürfte Grindel übel aufgestoßen sein. Schließlich fällt im September die Entscheidung, ob Deutschland oder die Türkei die Europameisterschaft 2024 ausrichten darf. Die EM-Kandidatur hat Grindel zur Chefsache erklärt, seitdem er im April 2016 zum DFB-Präsidenten gewählt worden war. Der höchste EM-Bewerber womöglich ein Opportunist, wenn nicht sogar Populist? Das dürfte nicht gut ankommen beim Europäischen Fußballverband UEFA, egal wieviel dran ist an diesem Vorwurf. Allein die Diskussion darüber schadet schon.

Unerfüllte Hoffnungen

Gestartet war Grindel vor zwei Jahren als Hoffnungsträger: Die Politik hoffte, dass einer der Ihren die Affäre um die WM 2006 in Deutschland umfassend und seriös aufarbeiten würde. Die Vertreter des Amateurfußballs hofften, dass Grindel ihre Position im DFB gegenüber den Profiklubs stärken würde. Beide Erwartungen erfüllte Grindel bisher nicht. Und so holen ihn jetzt wieder die Vorbehalte ein, die einige vor seiner Wahl geäußert hatten: Er habe "keinen Stallgeruch" hieß es damals. Er sei ein Fußball-"Laie" und ein "Ankündigungsweltmeister".

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