Deutschland: Flüssiggas sucht Hafen-Terminal | Wirtschaft | DW | 18.09.2018
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Energiepolitik

Deutschland: Flüssiggas sucht Hafen-Terminal

Auch wenn Gas flüchtig ist, beim LNG geht es um knallharte politische Interessen. In Deutschland wird nach einem eigenen Terminal für das Flüssiggas LNG gesucht - drei Kandidaten sind im Rennen.

Deutschland Hinweisschild auf eine Tankstelle für Erdgasfahrzeuge (erdgas mobil/Danny Kurz Photography)

Flüssiggas gibt es in mehreren Varianten: CNG etwa ist komprimiertes Erdgas - damit fahren Autos mit Erdgasantrieb

Es spielen eine Menge große Player mit, wenn es um Energiefragen geht und um die künftige Versorgung Deutschlands und Europas. Diskutiert wird zurzeit vor allem um Gas - und Flüssiggas. Russland verbaut Milliarden, die USA schicken Botschafter und Minister vor, Katar kündigt "strategische Investitionen" an. In Deutschland hingegen machen sich kleine Orte wie Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven bereit, bald eine große Rolle zu übernehmen.

Minus 163 Grad

Flüssiggas oder Liquefied Natural Gas (LNG) ist eine verhältnismäßig umweltschonende Energiequelle. Die gute Eigenschaft von LNG: Es wird auf minus 163 Grad herunter gekühlt, verliert damit um das 600-Fache an Volumen und kann so per Tanker, Lkw oder Kesselwagen auf der Bahn transportiert werden. Ein Nachteil: Das LNG muss danach "regasifiziert" werden, also in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden, um es als Treibstoff zu verwenden oder in Gasnetze einzuspeisen.

LNG-Tankschiff (picture-alliance/ANP/L. Van Lieshout)

Tankschiff mit Flüssiggas - im Hafen von Rotterdam, nicht in Deutschland

Das Pipelinenetz für Gas ist in Deutschland recht gut ausgebaut. Allerdings hat kein einziger der Häfen in Deutschland einen Terminal für den Energieträger. Jetzt kommt allerdings langsam Bewegung in die Planungen dafür. Große Konzerne mischen nun bei den Kandidaten in den kleinen Hafenstädten im Norden Deutschlands mit.

Chancen für Brunsbüttel?

Große Chancen rechnet sich vor allem Brunsbüttel unweit von Hamburg aus. Vor wenigen Tagen hatte der Energieriese RWE die Pläne für eine Anlage in Brunsbüttel mit einer Buchungszusage befeuert. Der Konzern schloss mit der Firma German LNG Terminal einen Vertrag, der dem Versorger einen Zugang zu einem erheblichen Anteil an der jährlichen Kapazität des geplanten Terminals garantiere. Das Konsortium aus dem niederländischen Gasnetzbetreiber Gasunie und den Tanklagerunternehmen Oiltanking aus Hamburg sowie Vopak aus Rotterdam will Ende 2019 über die Finanzierung entscheiden und Ende 2022 den Terminal in Betrieb nehmen.

Der Brunsbütteler German LNG Terminal steht als einziger der Standorte im Netzentwicklungsplan "Gas 2018-2028" der Bundesnetzagentur. Die Regierung des Landes Schleswig-Holstein in Kiel wirbt denn auch heftig für das Projekt. "Für das Verschießen von Champagner-Korken ist es aber noch zu früh", betonte Landeswirtschaftsminister Bernd Buchholz.

In Stade, nicht weit entfernt, laufen die Planungen in Kooperation mit dem dortigen Chemie-Werk des US-Konzerns Dow. Die Bauentscheidung für ein Terminal steht noch aus und hängt von Investoren und vor allem von der Wirtschaftlichkeit ab. "Das ist der Schlüssel für die Bauentscheidung", sagt Manfred Schubert, Geschäftsführer der LNG Stade GmbH.

Pluspunkt Tiefseehafen?

Da ist man in Wilhelmshaven schon weiter. Der Ort an der Nordseeküste verfügt über einen Tiefseehafen. "Es ist ein Tiefseehafen, der auch die Anlandung großer Schiffe erlaubt. Er bietet einen direkten Anschluss an das Pipelinenetz", sagte Manager Keith Martin jüngst der Nachrichtenagentur Reuters. "Zudem sind Gasspeicher in der Nähe und etliche Genehmigungsprozesse sind bereits abgeschlossen." Martin sitzt im Vorstand des Energiekonzerns Uniper, der ebenfalls in das Rennen um einen ersten Terminal für verflüssigtes Gas in Deutschland eingestiegen ist.

"Wir wollen das Projekt gemeinsam mit Partnerunternehmen entwickeln. Eine Beteiligung an den Investitionen ist derzeit nicht geplant", sagt Martin. "Unsere Rolle ist die eines Ankäufers und Weiterverteilers von LNG." Hier denkt man an eine schwimmende Anlage, die von den Partnerunternehmen gebaut werden soll. Die Kosten dafür seien erheblich geringer als bei einer stationären Anlage an Land. Zudem könne die Anlage schneller gebaut werden. Der jährliche Durchsatz könne bei zehn Milliarden Kubikmetern liegen - dies entspricht in etwa einem Zehntel des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland.

Deutschland JadeWeserPort in Wilhelmshaven (DW/G. Weyerer)

Kandidat Wilhelmshaven - mit Tiefseehafen Jade-Weser-Port

Schiefergas-Boom und politische Ziele

Zu den Gesprächspartnern von Uniper für eine Anlage am Jadebusen gehören Martin zufolge Interessenten aus Katar und den USA. Vor allem auch die USA streben wegen des Schiefergas-Booms im eigenen Land auf die Weltmärkte. Und sie wollen Bestrebungen Russlands Einhalt gebieten. Durch die Gaspipeline Nord Stream 2 nach Deutschland will der russische Konzern Gazprom seine gewichtige Rolle bei der Energieversorgung Deutschlands weiter ausbauen und Länder wie Polen und die Ukraine, bisherige Transitländer, möglichst weit außen vorhalten.

Die Sache ist also hochpolitisch. Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, wirbt denn auch für mehr Lieferungen von verflüssigtem Erdgas aus Amerika nach Europa. "Die Chance liegt im Bereich der Energie, in der gemeinsamen Ergründung wettbewerbsfähiger Wege, den US-Erdgasreichtum zur Förderung der Energievielfalt in der EU zu nutzen, um so ihre Energiesicherheit zu stärken", schrieb Grenell unlängst in einem Gastbeitrag für das deutsche "Handelsblatt". Co-Autor war der stellvertretende US-Energieminister Dan Brouillette. Flüssiggas (LNG) könne dazu beitragen, den Energiemarkt zu diversifizieren. "Die USA sind in der Lage zu liefern, und die Deutschen und Europäer würden davon profitieren", so die Autoren. 

Der Markt macht‘s…

Die USA hatten zuletzt den Druck in Sachen LNG erhöht. Sie wollen einerseits ihr eigenes Flüssiggas nach Europa verkaufen. Andererseits ist ihnen der Bau der zweiten Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 von Russland nach Westeuropa ein großer Dorn im Auge. US-Präsident Donald Trump und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatten sich im Juli zur Beilegung des Handelsstreits für höhere LNG-Exporte der USA nach Europa ausgesprochen.

Die Bundesregierung äußert immer wieder, sie stehe zum Ziel der Europäischen Union, die Energieversorgung zu diversifizieren, also auf mehrere Energieträger zu setzen und auch auf mehrere Lieferanten. Wie oft, wenn es politisch knifflig wird, beruft man sich gern auf die regelnde Macht des Marktes. So beteuerte auch die deutsche Regierungssprecherin Martine Fietz unlängst: "Der deutsche Gasmarkt ist prinzipiell für alle Marktteilnehmer offen."

ar/hb (dpa, rtr, afp)

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