Deutsche Drohnen für die Ukraine: Wie gut sind sie?
2. Juli 2026
In einem Waldstreifen montieren zwei ukrainische Soldaten - ein Techniker und ein Elektriker - Flügel an einen großen schwarzen Kasten. Der Bausatz ist eine HX-2-Kampfdrohne des deutschen Herstellers Helsing, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz.
Das milliardenschwere Start-up aus Bayern liefert Tausende davon an die ukrainische Armee, finanziert von der Bundesregierung. Auch die Bundeswehr hat sich vor kurzem für einen Millionenauftrag an Helsing entschieden.
Zu Jahresbeginn gab es kritische Berichte in westlichen, auch deutschen Medien. Sie zitierten ukrainische Soldaten, die bei Test-Einsätzen im vergangenen Jahr technische Mängel festgestellt haben sollen. Laut einem Bericht der Zeitung "Die Welt" seien viele Drohnen nicht startfähig gewesen oder kurz nach dem Start abgestürzt. Auch die Trefferquote sei gering. Dies hätten ukrainische Soldaten der Zeitung berichtet, die an der Front im Osten des Landes kämpfen.
Der Hersteller widersprach. "Angehörige der ukrainischen Armee testen die Drohne HX-2 gemeinsam mit Mitarbeitern von Helsing an der Front", so ein Sprecher gegenüber der DW Ende Januar. Die ersten Resultate der Tests seien "ermutigend", so Helsing weiter.
Die HX-2 ist ein sogenanntes Loitering Munition System, auch Kamikazedrohne genannt. Die ukrainische Armee setzt solche Kampfdrohnen an der Front gegen russische Militärangehörige und Militärtechnik ein. Die HX-2 kann nach Hersteller-Angaben bis zu 100 Kilometer weit fliegen. Eine DW-Korrespondentin war bei einem Kampfeinsatz von Helsing-Drohnen dabei.
Kampfeinsatz bei Pokrowsk
Die Soldaten werfen immer wieder einen Blick auf einen an einem Baum befestigten Detektor. Dieser erfasst russische Drohnen, die über die Stellung fliegen. Im Unterstand bereiten sich zwei weitere Soldaten, ein Pilot und ein Navigator, auf den Start der deutschen Drohne vor. Sie schalten ihre Laptops und Monitore ein, aber auch eine Lichterkette, die für etwas Stimmung sorgen soll. Die Crew ist am Frontabschnitt Pokrowsk im ostukrainischen Kohlerevier Donbass im Einsatz. Die russische Armee rückt vor. "Unsere Aufgabe ist es, ihre Logistikwege zu zerstören", sagt der Pilot und Kommandant mit dem Rufnamen "Black".
Zunächst lieferte Helsing das einfachere Vorgängermodell HF-1, das zusammen mit einem ukrainischen Hersteller entwickelt wurde. Damals ging es um eine Charge von 4000 Drohnen. Anfang 2025 kündigte die deutsche Firma dann die Lieferung weiterer 6000 Drohnen des neuen Typs HX-2 an, der eine Eigenentwicklung ist. Die Crew von "Black", die derzeit mit der HX-2 arbeitet, hatte zuvor auch Erfahrung mit der ersten Drohne von Helsing - der HF-1.
Soldaten berichten über Mängel an den Drohnen
Die HX-2 sei schnell und wendig. "Sie verschafft uns einen großen Vorteil in der Luft - für den Feind ist sie schwieriger abzuschießen", so der ukrainische Kommandant "Black". Zudem kann sich die Drohne dem Ziel in einem Winkel von 45 Grad nähern. Das erleichtere das Erfassen und Treffen des Zielobjekts, denn ein solcher Kamerawinkel sorge für einen optimalen Überblick. Dank der eingebauten LiDAR-Technologie (Light Detection and Ranging) explodiert sie, noch bevor sie das Ziel trifft, wodurch sich ihr Wirkungsbereich vergrößert.
Die Zielerfassung erfolgt durch künstliche Intelligenz. "Normalerweise fliegen wir das Ziel an, das uns die Piloten der Aufklärungsdrohnen zeigen. Das HX-2-System kann jedoch selbständig Ziele erkennen. Allerdings kann es noch nicht unterscheiden, ob es sich um ein bereits zerstörtes Ziel handelt oder nicht", so "Black".
Hat der Pilot das von der künstlichen Intelligenz ausgewählte Ziel bestätigt, steuert die Drohne selbständig weiter. Dem Kommandanten "Black" zufolge ist die HX-2, wie die meisten Drohnen, allerdings anfällig für elektronische Kampfführung.
Die ukrainischen Militärs, mit denen die DW sprechen konnte, haben mehrere Mängel beim Einsatz der Drohne festgestellt, die sie nicht öffentlich machen. "Vertreter des Herstellers werden demnächst kommen und sich das anschauen. Wir haben einen Support-Chat mit ihnen", betont der Kommandant.
In der Antwort des Herstellers Helsing auf eine DW-Anfrage heißt es, die HX-2 Drohnen seien bislang "nicht in einer für eine grundsätzliche Beurteilung der Performance unter Kriegsbedingungen ausreichenden Stückzahl an der Front geflogen worden". Sie würden außerdem derzeit an die Bedingungen an der Front, insbesondere an die sich ständig verändernden Maßnahmen der elektronischen Kampführung, die die Gegenseite verwendet, angepasst, so die Firma weiter. Auf die DW-Anfrage vom Ende April zur aktuellen Trefferquote der HX-2 hat Helsing nicht geantwortet.
Probleme bei dem Start
Den Tag für den HX-2-Flug hat die Crew sorgfältig ausgewählt und dabei Windgeschwindigkeit, Niederschlag und Bewölkung berücksichtigt. Gerade herrscht klares Wetter. Schließlich soll die Drohne mehrere Dutzend Kilometer in den vom russischen Militär besetzten Teil der Region Donezk fliegen.
Einige Stunden später erhält die HX-2-Crew endlich den Startbefehl. Die Drohne hebt jedoch nicht vom Katapult ab. Der Motor starte nicht, meldet der Elektriker über Funk. Gemeinsam mit dem Techniker versucht er es noch einmal und sie hebt schließlich ab. Dies liegt an einem Problem beim Verbinden der Drohne mit der Bodenstation, was bei diesem Typ von Drohnen gelegentlich vorkommt, erläutert Oleksandr Karpjuk, Hauptfeldwebel der Kompanie, zu der die Crew gehört. Er überwacht die Flüge von der Kommandozentrale aus.
"Black" steuert den Flug und der Navigator überwacht die Route. Sobald die Drohne die besetzten Gebiete erreicht, erkennen die Militärs die Orte wieder, an denen sie einst als Infanteristen gelebt und gekämpft haben.
Ein Treffer bei besserem Wetter
Entgegen der guten Wettervorhersage ist der Himmel nun wieder bedeckt und der Drohnenpilot hat Schwierigkeiten bei der Navigation. Der Test muss abgebrochen werden. Beim nächsten Einsatz, als die DW-Reporterin nicht bei der Stellung vor Ort war, gelang der Besatzung ein erfolgreicher Schlag gegen einen Kamaz-LKW. Der Drohneneinsatz wurde von einer Aufklärungsdrohne aufgezeichnet und die Militärs zeigen das Video. Den Erfolg erklären sie mit besseren Wetterbedingungen als beim vorherigen Einsatz.
Hauptfeldwebel Oleksandr Karpjuk berichtet, dass auch das Vorgängermodell HF-1 anfangs schlechte Ergebnisse lieferte, der Hersteller jedoch auf die Rückmeldungen reagierte und das Produkt verbesserte. Daraufhin traf die HF-1 mehr als 50 Prozent der Ziele am Frontabschnitt Pokrowsk.
Unterschiedliche Drohnenmodelle für die Ukraine und die Bundeswehr?
Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete im Januar, dass Deutschland die Bestellung von HX-2-Drohnen bis zum Eingang einer entsprechenden Anfrage des ukrainischen Verteidigungsministeriums ausgesetzt habe. Das ukrainische Verteidigungsministerium äußerte sich auf Anfrage der DW dazu nicht. Auch das Bundesverteidigungsministerium ließ diese Frage unbeantwortet.
Die Bundeswehr werde ein anderes HX-2 Modell erhalten, heißt es in der Antwort des Bundesverteidigungsministeriums auf die DW-Anfrage. Das derzeit in der Ukraine eingesetzte System unterscheide sich "in wesentlichen technischen Einzelaspekten von dem System, das künftig in der Bundeswehr eingesetzt werden soll", so die Pressestelle in Berlin. "Die Bundeswehr steht in engem und kontinuierlichem Austausch mit den ukrainischen Streitkräften. Relevante Erkenntnisse fließen bei allen Beteiligten in die jeweiligen Prozesse und Weiterentwicklungen ein", heißt es in der Antwort weiter. Das Ministerium konnte "aus Gründen der militärischen Sicherheit" keine weiteren Details nennen.
Auf die Frage, ob er weiterhin mit dieser Drohne arbeiten wolle, antwortet Hauptfeldwebel Karpjuk mit Ja. Ihm zufolge haben die Russen derzeit kein vergleichbares Modell zur HX-2. Als Beispiel nennt er die russische Kamikadze-Drohne Lancet. "Bei der Lancet befindet sich der Motor hinten, es handelt sich um einen Schubmotor. Die ebenfalls hinten angebrachten Flügel steuern die Drohne. Nur Helsing hat seine Drohnen mit vier nach vorne gerichteten Motoren ausgestattet. Warum? Weil es ihnen Manövrierfähigkeit und Geschwindigkeit verleiht", so Karpjuk.