Der zu hohe Preis für billige Textilien | Wirtschaft | DW | 31.07.2018
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Globalisierung

Der zu hohe Preis für billige Textilien

In vier Jahren haben Aktivisten mehr als 100 Todesfälle in Indiens Textilindustrie im Bundesstaat Tamil Nadu gezählt. Ihr Vorwurf: Internationale Konzerne entziehen sich ihrer Verantwortung für die Arbeiterinnen.

Nach einer Flut von Todesfällen in Fabriken und Massenunterkünften in Indiens "Tal der Textilien", die auf ausbeuterische Arbeitsbedingungen zurückgeführt werden, wird globalen Einzelhandelsriesen wie Walmart oder H&M vorgeworfen, vor der Not der Schneiderinnen, die für sie arbeiten, die Augen zu verschließen. 

Menschenrechtsgruppen mahnen, dass die Konzerne die Arbeitsbedingungen noch immer nicht verbessert haben. Das hatten sie versprochen, nachdem im Nachbarland Bangladesch beim Brand einer Textilfabrik im Rana-Plaza-Gebäude mehr als 1100 Arbeiterinnen ums Leben gekommen waren. Der Fall hatte die gefährlichen Arbeitsbedingungen deutlich gemacht.

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Bangladesch: Vier Jahre nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza

Textilarbeiterinnen - in den allermeisten Fällen sind es Frauen - in Indien und anderen Ländern, in denen die Textilkonzerne von niedrigen Arbeitskosten profitieren, werden noch immer gezwungen, viele Stunden für eine geringe Entlohnungen zu arbeiten und dabei verbale und sexuelle Erniedrigungen zu erdulden.

"Die Konzerne stellen ihren Zulieferern keine unangenehmen Fragen, weil sie fürchten, die Aufmerksamkeit internationaler Medien zu wecken", sagt Karrupusamy Raman zur DW. Raman ist Direktor von READ,einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um Textilarbeiterinnen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu kümmert.

Mehr als 100 Arbeiterinnen sind in den vergangenen vier Jahren in Tamil Nadu gestorben, viele von ihnen durch Selbstmord. Die Todesfälle werfen ein Schlaglicht auf die Zustände in Indiens Textilindustrie, die für die indische Handelsbilanz so wichtig ist: Ihr Anteil am Export des Landes liegt bei knapp 13 Prozent.

Für die Mitgift arbeiten

Die meisten der Arbeiterinnen sind junge Mädchen aus armen Familien, die in Notunterkünften leben. Sie wurden oft von dubiosen Agenten geködert und haben unseriöse Arbeitsverträge unterzeichnet, von denen Aktivisten sagen, sie erinnerten an "Zwangsarbeit".

Ein Beispiel für einen solchen Vertrag ist der umstrittene "Sumangali Thittam", was frei übersetzt soviel wie "Mitgiftvertrag" bedeutet. Dabei verpflichtet sich der Arbeitgeber, der Angestellten am Ende des Arbeitsverhältnisses (üblicherweise nach drei bis sechs Jahren) eine Summe von 30.000 bis 100.000 Rupien auszuzahlen. Das sind etwa 350 bis 1000 Euro.

"Das Geld wird meist als Aussteuer verwendet, wenn das Mädchen heiratet. Dieses Angebot erscheint den jungen Frauen und ihren Eltern oft so verführerisch, dass sie den Köder bereitwillig schlucken", sagt Thivya Rakini Sesuraj von der Textilarbeiterinnengewerkschaft TTCU zur DW.

Die Fabrikbesitzer fordern die Familienmitglieder dann auf, die Verträge geheim zu halten, weil sie Gegenreaktionen befürchten, so Sesuraj weiter.

Haben sie den Vertrag unterschrieben, werden die Mädchen in Massenunterkünften untergebracht und in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Gesetzlich vorgeschriebene Sozialleistungen werden ihnen meist verweigert und sie bekommen lediglich einen Stundenlohn von 150 - 250 Rupien. Das sind etwa 1,86 bis 3,10 Euro - weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn.

Die Mädchen, Sesuraj nennt sie "Lager-Kulis", werden gezwungen, mehr als 12 Stunden am Tag zu schuften - auch während der Menstruation. Toilettenpausen werden nur widerwillig gestattet.

"In weiten Teilen Indiens", sagt READ-Direktor Karrupusamy Raman, "werden Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt. Fast 99 Prozent der Aufseher in den Fabriken sind Männer. Sie drangsalierein und schikanieren die Mädchen und belästigen sie körperlich und manchmal sogar sexuell."

Ein kurzes Leben

Im Februar hatte ein 14-jähriges Mädchen Selbstmord begangen - angeblich, weil sie dazu gezwungen worden sei, Doppelschichten zu arbeiten. Zwei Monate später starb eine 17-jährige Textilarbeiterin in ihrer Unterkunft. Ihre Familie vermutet, sie sei vergewaltigt und getötet worden.

"Es ist enttäuschend", sagt Gewerkschafterin Sesuraj, "dass es in solchen Fällen nie eingehende Untersuchungen gibt. Wir haben hier im vergangenen Jahr elf Todesfälle verzeichnet. Aber nur in vier Fällen hat die Polizei das überhaupt zu den Akten genommen."

K. Venkatachalam vom Dachverband der dort ansässigen Textilfirmen, der "Tamil Nadu Spinning Mills Association", vertritt mehr als 650 Unternehmen. Er hält die Berichte über die Zustände in der Industrie für "übertrieben". "Es sind nur einige wenige Interessengruppen, die ständig diese Anschuldigungen wiederholen", antwortet er in einer E-Mail. "Ich bestreite die Anschuldigung, dass ein solches System in der Textilindustrie herrscht."

Laut Venkatachalam sei der Stress, der bei den Mädchen zu beobachten ist, häufig auf "familiäre Gründe" zurückzuführen und hätte nichts mit der Arbeit zu tun.

Bekleidungsarbeiter in Südindien (TTCU)

Junge Arbeiterinnen werden oft in Massenunterkünften untergebracht, in denen ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist

Doch die örtliche Verwaltung werden sich des Problems langsam bewusst: So sind Workshops in bis zu 200 Betrieben geplant, die ein Bewusstsein für die Problematik schaffen und die Arbeitsbedingungen verbessern sollen, berichtete Reuters im Mai.

(Un-)ethische Geschäfte

Der schwedische Bekleidungsriese H&M, der 80 Prozent seiner Produkte in Asien fertigen lässt, sagte der DW, das Unternehmen beobachte die Arbeitsbedingungen in den Fabriken seiner Vertragspartner sehr genau.

H&M und andere Einzelhändler wie C&A und Primark stehen unter zunehmenden Druck von Kunden und Regulierungsbehörden, die Sicherheit der Arbeiterinnen während der gesamten Produktionskette verbessern. Ihnen wird vorgeworfen, ihre Verantwortung für die Arbeitsbedingungen auf die Textilfabriken abzuwälzen, zu denen sie keine direkten vertraglichen Bindungen haben.

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Textilindustrie: Noch immer Niedrigstlöhne

"Wir akzeptieren keine Verletzungen der Menschenrechte an irgendeinem Punkt unserer Produktionskette, sei es beim Recht, von Sklaverei verschont zu bleiben, von Knechtschaft oder Zwangsarbeit und dem Recht auf Bewegungsfreiheit." Das sagt der Sprecher von H&M, Inigo Saenz Maestre, und fügt hinzu, sein Arbeitgeber sei Teil der "Ethical Trade Initiative". Diese Initiative für "ethischen Handel" kümmert sich um Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken.

Eine Walmart-Sprecherin sagte DW, die Vorwürfe seien "besorgniserregend" und stünden nicht für die Werte der Firma. "Unsere Zulieferer", so Marilee McInnis, "sind dafür verantwortlich, uns mit Produkten zu beliefern, die ordentlich hergestellt wurden. Sie sind verpflichtet, sich an die Standards zu halten, die unsere Ansprüche über die gesamte Lieferkette festschreiben."

Ein Sprecher des in Dublin ansässigen Textildiscounters Primark sagte, seine Firma sei sich der Umstände bewusst, unter denen die Branche leide. "Wir akzeptieren unsere Verantwortung, die Arbeitsbedingungen in der Region zu verbessern, und wir arbeiten daran mit anderen internationalen Marken, Nicht-Regierungsorganisationen und Gewerkschaften."

Primark, das ebenfalls der "Ethical Trade Initiative" angehört, hat ein Programm gestartet, das unter anderem Beratungsangebote für Arbeiterinnen umfasst und Komitees mit gewählten Mitarbeitern, um die Lebensbedingungen in den Massenunterkünften zu verbessern.

Der belgisch-deutsche Bekleidungskonzern C&A sagte gegenüber DW, er habe seine gesamte Lieferkette aufgezeichnet und diese Liste der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. "Dennoch sehen wir", räumt C&A-Pressesprecher Thorsten Rolfes ein, "dass unsere Kontrollmöglichkeiten begrenzt sind. Aber wir sind sind verpflichtet, uns für strengere Kontrollen und Regulierungen einzusetzen und - gemeinsam mit unseren Partnern - für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu sorgen."

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