Der verschwundene Alibaba-Gründer: Wo ist Jack Ma? | Wirtschaft | DW | 06.01.2021
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China

Der verschwundene Alibaba-Gründer: Wo ist Jack Ma?

Eigentlich liebt der Alibaba-Gründer den großen Auftritt und inszeniert sein Leben als Unternehmer-Legende. Doch seit Anfang November ist Jack Ma von der Bildfläche verschwunden. Über die Gründe wird heftig spekuliert.

Seit zwei Monaten fragen sich immer mehr Menschen in China und dem Rest der Welt: Wo steckt Jack Ma? Anfang November hatte die chinesische Staats- und Parteiführung den charismatischen Gründer des Internet-Riesen Alibaba einbestellt, um ihm zu zeigen, dass im Reich der Mitte die Staats- und Parteiführung immer das letzte Wort hat - ganz egal, wie viele Milliarden Dollar jemand auf dem Konto hat. Jack Ma hatte am 24. Oktober in einer Rede in Shanghai die chinesischen Behörden als altbacken und rückständig angeprangert und mehr regulatorische Freiheiten für Fintech-Konzerne wie die Ant Group gefordert. 

Ma zog damals den Kürzeren und praktisch in letzter Sekunde wurde der Rekord-Börsengang der Alibaba-Fintech-Tochter Ant Group mit einem Volumen von 37 Milliarden Dollar verschoben. Seitdem ist es still um den mitteilsamen Jack Ma geworden; auch seine Social Media-Accounts schweigen. Sein letzter Beitrag auf der Plattform Weibo stammt vom 17. Oktober. Im November wurde er sogar als Juror bei der chinesischen TV-Show Africa's Business Heroesabgesägt und kurzfristig ausgetauscht. 

Währenddessen gehen die chinesischen Regulierungsbehörden weiter gegen Jack Ma's weit verzweigtes Geschäftsimperium vor. Der frühere Englisch-Lehrer besitzt mehr als vier Prozent des Online-Giganten Alibaba, dem wiederum ein Drittel der Ant Group gehört.

Doch wo steckt er? Halten die chinesischen Behörden den Milliardär irgendwo gegen seinen Willen fest oder steht er unter Hausarrest, weil er mit seinen Verbal-Attacken gegen Finanzaufsicht und Staatsbanken zu weit gegangen ist? 

"Ich glaube, man hat ihm gesagt, er solle sich bedeckt halten", meint Duncan Clark, Chef der Tech-Beratungsfirma BDA China in Peking. "Dies ist eine ziemlich ungewöhnliche Situation, die eher mit der schieren Größe von Ant und den Befindlichkeiten der Finanzregulierung zusammenhängt", so Clark.

DW Gastkommentator Yuwen Deng

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Die Partei hat den längeren Hebel

DW-Kolumnist Yuwen Deng weiß, was es heißt sich mit der Staatsspitze in Peking anzulegen. 2018 veröffentlichte er in der "New York Times" einen Artikel mit dem Titel "Sieben Tipps für Xi Jinping", in dem er demokratische Reformen in China forderte und daraufhin seinen Job als Redakteur beim Medium "Study Times" verlor. Mittlerweile forscht er an der Universität Nottingham in England.

"Peking möchte strenger gegen die Monopolstellung mancher Fintech-Anbieter vorgehen, um deren Kapitalmacht einzuhegen und die Autorität der Aufsichtsbehörde wieder herzustellen", erklärt Deng. Dies diene dem Risikomanagement, weil die Regulierung bislang eher mangelhaft und die Expansion von Chinas Fintech-Branche in der Vergangenheit kaum überschaubar gewesen sei. Außerdem wolle Peking sicherstellen, dass kein Tech-Riese wie Alibaba künftig wagt, die Macht der Partei herauszufordern. "Peking denkt also auch politisch", unterstreicht Deng.

In China kommt es immer wieder vor, dass prominente Unternehmer von der Bildfläche verschwinden. Häufig wandern sie danach zu langjährigen Haftstrafen ins Gefängnis. So wurde etwa 2010 der ehemals reichste Mann Chinas und Gründer der Elektromärkte-Kette Gome, Huang Guangyu, wegen Korruption zu 14 Jahren Haft verurteilt. Auch Guo Guangchang, dessen Firmen-Konglomerat Fosun International eng mit dem deutschen Impfstoffentwickler BioNTech zusammenarbeitet, verschwand 2015 für einige Zeit.

Im vergangenen Jahr wurde der milliardenschwere Immobilienmagnat Ren Zhiqiang verhaftet, weil er Chinas Reaktion auf das Coronavirus kritisiert hatte. Im September wurde er zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Und am Donnerstag meldete das staatliche Fernsehen, dass der ehemalige Chef der China Development Bank, Hu Huaibang, wegen Bestechung lebenslang hinter Gitter muss.

Kein Wunder, dass viele Superreiche im Reich der Mitte offenbar das bekannte chinesische Sprichwort im Hinterkopf behalten: "Ein Mann fürchtet sich davor, berühmt zu werden, wie ein Schwein davor, fett zu werden.'' Daran scheint sich - im Gegensatz zu Jack Ma - der Gründer des Internet-Konzerns Tencent, Ma Huateng, strikt zu halten: Er ist medienscheu und meidet öffentliche Auftritte.

Rätselraten um Mas Aufenthaltsort

Shaun Rein betreibt in Shanghai die Unternehmensberatung China Market Research Groupund hat regelmäßig Kontakt zu Alibaba-Managern und Menschen aus Jack Ma's Umfeld. Keiner habe ihm gegenüber erwähnt, dass der Milliardär in rechtlichen Schwierigkeiten steckt. 

"Sie haben ihm in den Hintern getreten, er hat seine Lektion gelernt und deshalb hat er sich in den letzten zwei Monaten ruhig verhalten", wird Rein von der Nachrichtenagentur AP zitiert. "Einige seiner Freunde sagten mir, sie können nicht glauben, wie dumm er war."

China Jack Ma beim 10. Geburtstag von Alibaba

Alles andere als öffentlichkeitsscheu: Jack Ma auf der Bühne beim 10. Geburtstag von Alibaba

Auf jeden Fall war es riskant, bei seiner Rede Ende Oktober die oberste Ebene der chinesischen Entscheidungsträger frontal anzugreifen. Neben Vertretern der Finanzaufsicht war auch Chinas Vizepräsident Wang Qishan unter den Zuhörern der Wirtschaftskonferenz in Shanghai.  

Ma prangerte eine überholte "Pfandhausmentalität'' bei Chinas Regulierungsbehörden an, die die Innovationen von Fintechs behinderten. Er appellierte an die Finanzaufsicht, unkonventionelle Ansätze zu unterstützen, um Unternehmern und jungen Menschen die Aufnahme von Darlehen zu erleichtern. "Das Rennen von morgen wird ein Rennen der Innovation sein, nicht der regulatorischen Möglichkeiten", wurde Ma von der Hongkonger Zeitung "Apple Daily" zitiert.   

Ma ist mit diesem Angriff offensichtlich einen entscheidenden Schritt zu weit gegangen. Denn seit Jahren geht unter den Entscheidern in Peking die Angst um, die gigantische Schuldenblase von Unternehmen und Privathaushalten im Reich der Mitte könnte irgendwann platzen. Weitgehend unregulierte Verbraucher-Darlehen, die ein Fintech-Unternehmen wie die Ant Group im Netz mit ein paar Klicks vergibt - das ist der Stoff, aus dem die Alpträume der chinesischen Finanzaufseher gemacht sind. Vize-Präsident Wang warnte jedenfalls nach Informationen des Wirtschaftsmagazins "Caixin" auf der Konferenz in Shanghai, dass neue Technologien zwar die Effizienz verbessern, aber "die finanziellen Risiken verstärken."

Ant Financial | Hauptquartier der Ant Group in Hangzhou

Wird in Zukunft stärker reguliert: das milliardenschwere Kredit-Geschäft der Ant Group

Pekinger Krisen-Management

Peking befürchtet offenbar, dass die steigende Verschuldung in China eine Finanzkrise auslösen könnte und hat großen Respekt davor, dass internationale Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit chinesischer Staatsanleihen herabstufen könnten. Erst Mitte November hatten Unternehmens-Anleihen des Aluminium-Konzerns Hongqiao ein Downgrade verdauen müssen. 

Chinas Regulierer ziehen dem entsprechend weiter die Zügel an. Am letzten Dezember-Wochenende mussten Top-Manager der Ant Group bei Chinas Zentralbank antreten und wurden aufgefordert, "Fehler” bei den Kredit-, Versicherungs- und Vermögensverwaltungsdiensten der Ant Group "strengstens zu korrigieren". Ganz gleich, ob sich Jack Ma freiwillig in sein Haus in Hangzhou, knapp 200 Kilometer südwestlich von Shanghai, zurückgezogen hat oder dort unter Hausarrest steht: Der staatliche Druck gegen sein bisher unkontrolliertes Firmen-Imperium dürfte weiter zunehmen.

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