Der Schmerz der Frauen | Globale Zusammenarbeit | DW | 30.01.2014
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Globale Zusammenarbeit

Der Schmerz der Frauen

Jedes Jahr werden mindestens drei Millionen Mädchen an ihren Genitalien beschnitten - nicht nur in Afrika. Auch in Europa findet der Ritus statt. Verschiedene Projekte wollen helfen und neue Opfer verhindern.

Seit vier Monaten gibt es in Berlin das "Desert Flower Center". Frauen und Mädchen, die an ihren Genitalien verstümmelt wurden, finden hier medizinische und psychosoziale Hilfe. Die Nachfrage sei enorm, sagt Bernd Quoß vom Krankenhaus Waldfriede, dem das Zentrum angegliedert ist. Das verwundert nicht, denn nach Angaben der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" leben allein in Deutschland 25.000 Frauen, die Opfer dieser grausamen Praktik geworden sind.

Sie haben die weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation - FGM) in unterschiedlicher Form erlitten. Angefangen vom Anritzen oder Abschneiden der Klitoris und oder der Klitoris-Vorhaut bis zur vollständigen Entfernung der äußeren und inneren Schamlippen. Im schlimmsten Fall wurde die so entstandene Wunde bis auf ein kleines Loch eng vernäht.

Lebenslanges Trauma

Zehn Prozent der Mädchen, die zumeist als Säuglinge, Kinder oder beim Eintritt in die Pubertät beschnitten werden, überleben die Tortur nicht.

Berlin Eröffnung Desert-Flower-Center Krankenhaus Waldfriede (Foto: imago/epd)

Hilfe für die Opfer: Chirurg am Desert Flower Center

Die übrigen sind für ihr Leben traumatisiert und leiden an gesundheitlichen Folgen wie Schmerzen bei der Menstruation, Fistelbildungen, Vernarbungen und Inkontinenz. Die Geburt eines Kindes kann nicht nur qualvoll sein, sondern auch im schlimmsten Fall zum Tode von Mutter und Kind führen.

Mädchen und Frauen, so sagt Katharina Kunze von "Terre des Femmes", werde suggeriert, dass sie so vor Schmutz bewahrt, rituell gereinigt und verschönert würden. Manchmal gehe es auch nur darum, eine soziale Ausgrenzung zu vermeiden oder die Chancen auf eine Verheiratung zu erhöhen.

"Der tatsächliche Zweck von FGM ist aber weltweit immer derselbe: Die Mädchen sollen durch die Entfernung ihres Sexualorgans und den erlebten Schmerz passiv, gehorsam und anspruchslos werden", so Kunze. "Dieser Eingriff reduziert die Frau auf ihre Rolle als Mutter und Ehefrau, führt zu frühen Ehen, Bildungslosigkeit und geringer Lebenserwartung." Jede Gesellschaft, die das zulasse verstehe das Frausein als untergeordnete Kategorie.

Auch Deutschland im Fokus

Audio anhören 01:38

Katharina Kunze von Terre des Femmes zur Genitalverstümmelung

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass weltweit 125 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten sind. Jedes Jahr sollen drei Millionen dazukommen. Die Zahlen beziehen sich allerdings lediglich auf Erhebungen in 28 Ländern Afrikas im nördlichen Subsahara-Raum und einigen arabischen Ländern. Für Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes, ist das Problem damit zu kurz gefasst.

"Weibliche Genitalverstümmelung ist kein afrikanisches Problem, sondern ein weltweites", sagt sie. Auf der ganzen Welt lebten Frauen, die betroffen seien und Mädchen, deren Unversehrtheit gefährdet sei. "Die Arbeit zur Überwindung dieser Menschenrechtsverletzung muss daher international erfolgen, in Afrika, Asien, Europa und auch in Deutschland. Mit Vernetzung und Aufklärungsarbeit in den Herkunftsländern als auch in den hier lebenden Communities."

Stolle geht davon aus, dass in Deutschland mindestens 2500 Mädchen gefährdet sind. Ihre Eltern, die durch Migration und Flucht nach Europa gekommen sind, werfen den Glauben daran, dass diese grausame Praxis für ihre Töchter biologisch oder sozial notwendig ist, nicht über Bord. Die Mädchen werden zum Zweck der Verstümmelung häufig ins Ausland gebracht. Beschneidungen werden aber auch in Deutschland vorgenommen, obwohl sie seit 2013 als Straftat gelten und mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden.

Wissen ist Macht

Multiplikatorinnen beim Workshop gegen weibliche Genitalverstümmelung (Foto: Plan International)

In Hamburg werden Change-Aktivisten geschult

In der EU läuft derzeit ein Projekt, das auf die Ausbildung von Multiplikatoren in afrikanischen Diaspora-Gemeinden in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden setzt. Die sogenannten Change-Agents sollen Bewusstseins- und Verhaltensänderungen anstoßen. Zu ihnen gehört Omar Ouédraogo aus Burkina Faso. Der 19-Jährige lebt seit drei Jahren in Hamburg und engagiert sich dort auch in der Aids-Hilfe.

In den vergangenen Wochen ist geschult worden, jetzt will Ouédraogo im Rahmen kleiner Projekte in seiner Community aufklären. Er werde oft gefragt, was er als Mann gegen die weibliche Genitalverstümmelung ausrichten könne, berichtet er. "In Afrika haben die Männer die Macht in den Familien, und wenn die Männer mehr über dieses Thema wissen, dann können sie die Barrieren brechen. Sie können sagen, was in den Familien passieren soll."

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