Der Prophet auf der Couch | Kultur | DW | 30.09.2015
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Kultur

Der Prophet auf der Couch

Der Publizist Hamed Abdel-Samad zeichnet in seinem neuen Buch ein wenig schmeichelhaftes Bild des islamischen Religionsstifters. Die Thesen des Autors sind kühn - und verwandeln das Porträt in eine Streitschrift.

Er litt an Narzissmus und Größenwahn, an Zwangsstörungen und Paranoia, und er war unfähig, Kritik zu ertragen. Es ist kein schmeichelhaftes Bild, das der Publizist Hamed Abdel-Samad in seinem neuesten Buch "Mohamed", einem Porträt des muslimischen Religionsstifters, zeichnet. Wohin die Reise geht, deutet bereits der Untertitel an: "Eine Abrechnung".

Es ist die Abrechnung eines Mannes, der, 1972 in der Nähe von Kairo als Sohn eines Imams geboren, mit dem Islam aufwuchs, in ihm aufging – und sich dann von ihm lossagte. Eine Abrechnung sei keine Schmähung, sagt Abdel-Samad im Gespräch mit der DW. Er wolle niemanden verletzen und auch niemandem sein Bild des Propheten aufzwingen.

Eines aber wolle er: "Ich möchte, dass jede Form von Mohammed-Kritik - auch wenn sie pauschalisiert, auch wenn sie polemisch ist - erlaubt ist." Nahezu jede historische oder lebende Person dürfe man kritisieren - nur den islamischen Religionsstifter nicht, lautet seine Klage.

Hamed Abdel-Samad, 30.03.2014 (Foto: DW / Moncef Slimi)

Hamed Abdel-Samad

Angriff auf die Unantastbarkeit

Samad will das ändern. Zu diesem Zweck fährt Abdel-Samad schweres Geschütz auf. Den genannten Charakterschwächen des Religionsstifters fügt er weitere hinzu. So etwa seine Frauenfeindlichkeit, eine kaum bewältigte Identitätskrise und ein daraus resultierendes, stark erhöhtes Sendungsbewusstsein.

Einige der verschiedenen Textschichten oder -varianten, aus denen sich der Koran zusammensetzt, verdankten sich den psychischen Problemen des Religionsstifters, so Abdel-Samad: "Seine Genialität lag darin, die Texte hervorzurufen, die zu seinen inneren oder äußeren Konflikten passten. Allein das macht diese Texte zu seinen eigenen, auch wenn sie ursprünglich von woanders herstammen könnten."

Der Koran als Ergebnis persönlicher Schwierigkeiten des Religionsstifters? Die These ist kühn. Entsprungen ist sie Abdel-Samads Unbehagen am Islam. Mit ihm hat er wenig glückliche Erfahrungen gemacht. Über sie gibt seine Autobiographie Auskkunft.

Diese Eindrücke im Rücken, setzt Abdel-Samad die über Mohammed verfügbaren Informationen zu einem neuen Bild zusammen. Dabei kommt ihm der Umstand entgegen, dass die Biographie des Religionsstifters über weite Strecken nicht zweifelsfrei bekannt ist. Darin ist sie dem Leben Jesu Christi verwandt.

Betende Muslime in Kairo, 04.07.2013 (Photo ITAR-TASS)

Täglich fünffache Pflicht: das Gebet

Tendenziöses Porträt

Abdel-Samad nutzt diese Leerstellen, um das Leben des Religionsstifters auf eine Art zu deuten, die - vielleicht - etwas über das Leben des Proppheten aussagt, auf jeden Fall aber über die Intention des Autors. Dabei folgt er der Methode der indirekten Erschließung: Die gängiggen Primärtexte der islamischen Tradition stellt er auf neue Weise zusammen. "Bricolage", "Bastelei", nennt man in der Literaturwissenschaft dieses Verfahren. Historisch zweifelsfreie Ergebnisse liefert sie nicht. Was sie aber bietet, sind mehr oder minder plausible Annäherungen.

Eindeutig belegen lässt sich Abdel-Samads Mohamed-Porträt darum nicht. Eindeutig widerlegen aber auch nicht. Vielleicht liegt man aber mit einer Annahme nicht falsch: Die psychologischem Erkrankungen, die Abdel-Samad bei dem Religionsstifter diagnostiziert, sind in ihrer auffälligen Vielfalt nicht das Ergebnis unvoreingenommener Forschung, sondern folgen zu einem guten Teil der Intention des Autors.

Der Islamwissenschaftler Daniel Bax hat Abdel Samad im "Spiegel" darum vorgeworfen, das in Europa bis zur Aufklärung dominierende negative Mohammed-Bild fortzuschreiben: "Sein Buch fügt sich in die lange Reihe der negativen Darstellungen des muslimischen Propheten ein."

Beten als riskante Pflicht

Altes Koran-Fragment der Universität Birmingham

Komplexer Text: de.r Koran. Hier ein Fragment

In der Tat: Das Buch ist eine Negativdarstellung. Dazu mag passen, dass Abdel-Samad auch mehrere Auftritte bei der als islamkritisch oder sogar -feindlich geltenden Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) hatte. Das Buch ist aber auch das, was der Untertitel ankündigt: eine Abrechnung.

Für diese Abrechnung mag es gute Gründe geben. So erwähnt Abdel-Samad etwa die Engel in der 50. Sure ("Kein Wort bringt er hervor, ohne daß neben ihm ein Wächter wäre, stets bereit, es aufzuzeichnen"). Die, so beschreibt er die Verse, seien eine Art Über-Ich, durch das der Gläubige den Regeln der Religion auf immer unterworfen werde. Äußere Kontrolle brauche es dann nciht mehr - es reiche die innere.

Eine Fortsetzung dieser Praxis sieht Abdel-Samad in der Praxis des täglich fünfmaligen Gebets, einer der heiligen Pflichten jedes Muslims. Nicht wenige Gläubige, schreibt er, mögen durch diesen Ritus festen Halt in ihrem Leben finden.

Ihn selbst aber, berichtet Abdel-Samad im Gespräch, habe diese religiöse Pflicht fast verzweifeln lassen: "Fünf Mal am Tag beten, das ist wie eine Militärparade - damit zeigt man, dass man da ist, dass man nicht desertiert. Viele Muslime unterwerfen sich dieser Kontrolle. Das aber führt zu der Sorge, den Anforderungen des Propheten nicht gerecht zu werden. Viele Muslime haben Angst, auf immer sündhaft zu sein."

Er selbst, so Abdel-Samad weiter, habe in jungen Jahren immer Angst gehabt, seine Pflichten nicht erfüllen zu können und darum in die Hölle zu kommen. "Und ich war kein Einzelfall". So ist das Buch in der Tat vor allem eines: Eine Abrechnung, und zwar eine sehr herbe.

Den Schlussfolgerungen Abdel-Samads zur Biographie des Propheten muss man nicht folgen. Womöglich sind sie in Teilen oder insgesamt alsbald widerlegt. Aber eines leistet das Buch: Es wird die die Diskussion der Muslime über die Grundlagen ihres Glaubens fördern.

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