Der Klimawandel bedroht die Winterspiele | Sport | DW | 20.02.2014
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Sport

Der Klimawandel bedroht die Winterspiele

Frühlingstemperaturen statt Schnee: In Sotschi scheinen eher Sommerspiele stattzufinden. Und es könnte noch schlimmer werden: Die Erderwärmung könnte Winterspiele vielerorts unmöglich machen.

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Geograf Robert Steiger: Sotschi der bislang wärmste Austragungsort

Zur Eröffnungsfeier fiel noch Kunstschnee vom Dach des Olympiastadions, in der zweiten Wettkampfwoche fiel dann tatsächlich auch mal echter Schnee vom Himmel - allerdings nur in den Bergen. Unten am Schwarzen Meer, im zum Wintersportmekka erklärten Badeort Sotschi lachte meist die Sonne. Jogger in kurzen Hosen, Reporter im Kurzarmhemd, Fans mit Sonnenbrillen - der Olympiapark erinnert eher an Sommerspiele. "Ich find's super, in meiner Heimatstadt sind es jetzt minus 30 Grad", freute sich ein russischer Olympia-Besucher im DW-Interview, während das Thermometer stolze 18 Grad zeigte, plus wohlgemerkt.

"Sotschi mit Abstand der bisher wärmste Austragungsort der Winterspiele"

Sotschi hat viele Rekorde gebrochen in der Geschichte der die teuersten Winterspiele, die meisten Disziplinen - und die sommerlichsten Winterspiele aller Zeiten. "Sotschi ist mit Abstand der bisher wärmste Austragungsort der Winterspiele. Und das betrifft nicht nur die Stadt, sondern auch die Wettkampfstätten in den Bergen", erklärt der österreichische Geograf Robert Steiger im Gespräch mit der DW. Steiger forscht seit Jahren zu den Auswirkungen der globalen Erwärmung auf Wintersportregionen und veröffentlichte kürzlich gemeinsam mit Kollegen der kanadischen University of Waterloo und des österreichischen Management Center Innsbruck eine interessante Studie: Die sieht die Olympischen Winterspiele der Zukunft in Gefahr. Der Klimawandel könnte Wintersport vielerorts unmöglich machen.

Volunteers in der Sonne von Sotschi (Foto: Getty)

Sonnenbad statt Schneegestöber: Volunteers genießen die Sommer-Winterspiele von Sotschi

"Nach unseren Ergebnissen wäre Sotschi 2050 nicht mehr sicher als Austragungsort für Wintersport", erklärt Steiger und bezieht sich dabei auf steigende Durchschnittstemperaturen und einen Rückgang des Schneefalls. "Sotschi ist schon jetzt ganz nah dran an unseren Grenzwerten, die wir als klimatisch sicher betrachten. Es ist zwar Schnee vorhanden, aber es ist sehr warm und das hat negative Auswirkungen auf die Schnee- und Eisbedingungen bei den Wettkämpfen."

Im Jahr 2100 sind die meisten Austragungsorte zu warm

Der Austragungsort der Winterspiele 2014 steht mit diesem Problem jedoch nicht allein da. Nach Berechnungen der kanadischen und österreichischen Forscher könnte man am Ende dieses Ende dieses Jahrhunderts nur noch in sechs der bisher 19 ehemaligen Austragungsorte Olympischer Winterspiele noch Wettkämpfe austragen. In allen anderen wird es dann schlicht zu warm sein. "Aufgrund der Erderwärmung werden immer weniger traditionelle Wintersportregionen in der Lage sein, die Olympischen Winterspiele auszutragen", sagt Daniel Scott, Hauptautor der Studie "The Future of the Winter Olympics in a Warmer World".

Der Klimawandel bedroht die Winterspiele, denn trotz aller Kunstschneekanonen, Schneedepots und Indoorevents bleiben viele Wettkämpfe abhängig von schneesicheren Bedingungen. Deshalb hat das Internationale Olympische Komitee auch klare Regeln für die Vergabe der Spiele: In neun von zehn Jahren müssen Anfang Februar mindestens 30 Zentimeter Schnee liegen. Zudem muss es tagsüber auch Minustemperaturen geben. Dass die Regeln im Fall Sotschi eher großzügig ausgelegt wurden, ist offensichtlich.

Dramatischer Temperaturanstieg

"Es gab zuletzt einen Trend zur Vergabe der Olympischen Spiele in Metropolregionen – allein schon aufgrund der Größe der Spiele", sagt Geograf Steiger, der diese Praktik nicht nur aus meteorologischer Sicht kritisch sieht: "Diese Metropolen sind oft weit von den Bergregionen entfernt, und das verursacht dann auch logistische und verkehrstechnische Probleme."

Garmisch-Partenkirchen mit den Bergen Alpspitze, Zugspitz und Daniel im Hintergrund (Foto: Wikipedia)

Auch nicht schneesicher: In Garmisch-Partenkirchen, Austragungsort 1936, ist es langfristig zu warm

Ein Blick in die Ergebnisse der kanadisch-österreichischen Studie macht klar, dass die Vergabepraxis gemeinsam mit den Effekten des Klimawandels bereits in der Vergangenheit einen erheblichen Einfluss auf die Winterspiele hatte. So ist die durchschnittliche Tagestemperatur in den bisherigen Austragungsorten der Winterspiele dramatisch gestiegen: Während der Winterspiele in der Zeit von den 1920er bis 1950er Jahren betrug die Durchschnittstemperatur am Tag noch 0,4 Grad Celsius. In der Periode der 1960er bis Ende der 1990er Jahre waren es 3,1 Grad Celsius und während der Wettkämpfe im 21. Jahrhundert schon 7,8 Grad, wobei Sotschi in diesen Ergebnissen sogar noch fehlt.

Abschied vom Gigantismus?

Für die Mitte des Jahrhunderts rechnen die Forscher mit einem weiteren Anstieg der Temperatur um 1,9 bis 2,1 Grad an den bisherigen Austragungsorten der Olympischen Winterspiele. Bis Ende des Jahrhunderts soll die Temperatur dort sogar um 2,7 bis 4,4 Grad steigen. Olympische Winterspiele ausschließlich auf natürlichem Eis und Schnee sind vor diesem Hintergrund für Robert Steiger "nur schwer vorstellbar".

Ein russischer Fan freut sich über das gute Wetter in Sotschi (Foto: getty)

Sommerliches Winterspektakel: Die Fans in Sotschi freut es

Es sei denn, die Spiele kehren zurück zu ihren Wurzeln: in die hohen Berge. Dort gibt es zwar kaum große Städte mit Flughäfen und perfekter Infrastruktur, dafür aber auch in Zukunft noch genügend Schnee. "Aus klimatischer Sicht wäre es ratsamer, die Winterspiele in 15 bis 20 Jahren wieder in schneesicherere Gebiete zu vergeben, also in höhere Breitengrade und höher gelegene Regionen, die traditionellen Wintersportorte", empfiehlt Steiger, der dem Wintersport durchaus noch eine Zukunft bescheinigt, auch wenn die Zahl der Skigebiete deutlich sinken wird.

Das Internationale Olympische Komitee wird sich also in Zukunft entscheiden müssen: Große Spiele in Metropolregionen mit Kunstschnee oder weg vom Gigantismus und in die Bergregionen mit echtem Schnee.

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