Der Kampf um die Arktis | Wissen & Umwelt | DW | 06.11.2013
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Wissen & Umwelt

Der Kampf um die Arktis

Greenpeace kämpft um die Freilassung ihrer Aktivisten, doch Russland setzt ein klares Signal: Wir haben das Recht, in der Arktis nach Öl zu bohren und keiner hindert uns. Andere Länder scheinen das ähnlich zu sehen.

30 Greenpeace-Aktivisten sitzen nach einer Protestaktion Ende September an der Ölplattform Prirazlomnaya in russischer Haft. Gleichzeitig bringt ein russischer Eisbrecher die olympische Fackel zum Nordpol, wo seit 2007 eine russische Flagge auf dem Meeresboden steht. Moskaus Militär ist in der Arktis wieder präsent. Präsident Putin macht keinen Hehl aus dem Anspruch auf die wertvollen Ressourcen, die unter dem arktischen Eis schlummern sollen.

Rund 13 Prozent der noch unentdeckten Ölreserven und 30 Prozent der Gasreserven werden hier vermutet. Je höher die Energiepreise klettern und je stärker das Eis aufgrund der Klimaerwärmung schmilzt, desto größer ist das Interesse an der Region.

Kapitän Peter Willcox (Foto:Reuters)

Kapitän Peter Willcox und die Crew der Arctic Sunrise sitzen noch in russischer Haft

Die Härte der russischen Reaktion auf den Protest der Umweltschützer zeigt, wie wichtig die Arktis für Russland geworden ist. Während die Greenpeace-Kampagne gegen Ölforderung in der Arktis weiterhin auf Hochtouren läuft, geht das Rennen um die Ressourcen der Arktis weiter.

Wem gehören die Schätze der Arktis?

Der Grenzverlauf im arktischen Ozean ist umstritten. Befinden sich die Rohstoffe in Küstennähe, sind die Hoheitsrechte weitgehend klar. Doch es werden zahlreiche Vorkommen außerhalb der 200 Seemeilen-Grenze vermutet. Gerade diese sogenannten Offshore-Ressourcen sollen in Zukunft leichter zugänglich werden. Den Zugriff darauf wollen sich die Anrainer möglichst schnell sichern: So erheben sowohl die USA, als auch Kanada, Dänemark, Norwegen und Russland Ansprüche auf die Nutzung des Meeresbodens. Entschieden werden die Gebietsansprüche im Rahmen der UN-Seerechtskonvention. Dafür haben die Staaten Daten vorgelegt, die beweisen sollen, dass der Meeresboden eine Fortsetzung ihres jeweiligen Festlandssockels ist.

Doch schon jetzt treiben Anrainer und Ölkonzerne ihre Geschäfte voran. So unterzeichneten 2010 Norwegen und Russland eine Vereinbarung über Grenzen in der Barentssee und im arktischen Ozean, die ihre Suche nach Öl in diesen Gebieten erleichtern. Kanada, das Land, das den rotierenden Vorsitz über den Arktischen Rat inne hat, erklärte die Entwicklung der arktischen Region zur Priorität. Auch die USA und Dänemark steigern ihre Aktivitäten im hohen Norden. Die großen, teilweise staatlichen Firmen Rosneft, Statoil, ENI, Exxon Mobil, Shell - alle suchen Öl in der Arktis.

Enten auf Eis (Foto: Irene Quaile)

Umweltschützer sind besorgt über die Auswirkungen eines möglichen Unfalls auf die Natur der Arktis

Ölunfall im Eis birgt Risiken für die Umwelt

Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010 stieg die Sorge um die Auswirkungen eines möglichen Unfalls in arktischen Gewässern. Die Ölindustrie reagierte mit einem gemeinsamen Programm, um die Risiken zu untersuchen. "Eis, die Abgelegenheit der Region, eine mangelnde Infrastruktur, schwierige Wetterbedingungen und schlechte Sicht stellen wesentlich stärkere Herausforderungen als jeder anderer Ort der Erde", schreiben die Ölexperten auf ihrer Programm-Webseite. Die Industrie müsse die Sicherheit garantieren und Respekt für die Menschen und die Umwelt vor Ort nachweisen.

Genau das passiert nach Meinung von Greenpeace aber nicht. Die Umweltschützer befürchten Auswirkungen der kommerziellen Entwicklung auf die einzigartige Natur der Region. Denn Öl - egal, woher es stammt, baut sich in kaltem Wasser nur sehr langsam ab. Nach der Havarie des Tankers Exxon Valdez vor der Küste Alaskas 1989 sind noch heute Spuren des ausgelaufenen Öls am Strand zu finden. Es mangelt außerdem an Technologien, um ausgelaufenes Öl in eisigen Gewässern komplett zu beseitigen.

Greenpeace Eisbär (Poster) auf dem Theaterplatz, Bad-Godesberg bei einer Greenpeace-Aktion zum Schutz der Arktis (Foto: Irene Quaile)

Rund um die Welt sammelt Greenpeace Unterschriften gegen Ölbohrungen in der Arktis, wie hier in Bonn

Auch Europa will mitmischen

Auch die Europäische Union gab eine Studie über die möglichen Auswirkungen auf die arktische Umwelt in Auftrag, die 2014 abgeschlossen sein soll. Darin heißt es: "Da sich in der Arktis die meisten Öl- und Gasressourcen offshore befinden, ist es besonders besorgniserregend, dass es nur wenig Wissen über einen angemessenen Umgang gibt." Die Auswirkungen für die Menschen in der betroffen Region seien enorm, während die finanziellen Gewinne hauptsächlich den weit entfernten Regionen zugute käme, gibt das EU Arktis-Zentrum im finnischen Rovaniemi zu bedenken.

Trotzdem sieht auch die Europäische Union die Arktis als künftige Quelle für Öl und Gas, die "die Energiesicherheit in den kommenden Jahrzehnten erhöhen könnte". Greenpeace dagegen kämpft für ein Schutzgebiet rund um den Nordpol.

Neben dem Schutz des einzigartigen Ökosystems steckt hinter der Greenpeace-Kampagne aber auch der globale Klimaschutz. Gemeinsam mit anderen Organisationen warnt Greenpeace vor den Auswirkungen der Verbrennung fossiler Brennstoffe auf das Klima. Die Verbrennung weiterer Ölvorräte aus der Arktis würde die globale Erwärmung weiter verstärken und gleichzeitig die Eisschmelze beschleunigen. Laut einer Analyse der Internationalen Energieagentur (IEA World Energy Outlook 2012) müssten etwa zwei Drittel aller fossilen Brennstoffe im Boden bleiben, um eine Erwärmung von mehr als zwei Grad Celsius zu verhindern.

Der Wirbel um die Greenpeace-Aktionen hat weltweit die Aufmerksamkeit auf das Rennen um die arktischen Ölvorräte gelenkt. Mittlerweile hat eine Anhörung am Internationalen Seegerichtshof in Hamburg stattgefunden: Die Niederlande - Flaggenstaat des Greenpeace-Schiffs - bitten das Gericht, die verhafteten Crewmitglieder samt Schiff freizulassen. Russland allerdings will der laufenden Verhandlung fernbleiben - das Land erkennt die Zuständigkeit des Gerichts für diesen Fall nicht an. Eine Entscheidung des Hamburger Gerichtshofs wird am 22. November 2013 erwartet.

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