Der größte Balanceakt im Fußball | Sport | DW | 19.10.2019
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Heimfans gegen globale Fans

Der größte Balanceakt im Fußball

Spaniens "La Liga" hat ihre Bemühungen um die Ausrichtung eines Ligaspiels in den USA erneuert. Die DFL schließt dies aus. Der Balanceakt zwischen Heimatverbundenheit und dem Erschließen neuer Märkte wird schwieriger.

Angesichts des Geldes, das heutzutage in dieses schöne Spiel investiert wird, hat der Fußball die Macht, Millionen Menschen auf mehr als eine Weise zu bewegen. Während die nationalen Ligen darum kämpfen, sich als globale Marken zu etablieren, wird die wirtschaftliche Bedrohung immer existenzieller.

Am Donnerstag bat die "La Liga" den Spanischen Fußballverband (RFEF) um Erlaubnis, ein Ligaspiel zwischen dem FC Villarreal und Atletico Madrid ins "Hard Rock Stadion" in Miami, Florida zu verlegen. Der Schritt steht im Zusammenhang mit dem 15-Jahres-Deal, den "La Liga" mit dem US-Medienunternehmen Relevent im Jahr 2018 geschlossen hat. Darin ist festgehalten, das ein Spiel pro Saison in den USA gespielt werden soll.

Dies ist das zweite Mal, dass die spanische Spitzen-Liga versucht, ein Spiel in die Vereinigten Staaten zu verlegen, nachdem sie zuvor mit dem Versuch gescheitert war, ein Spiel zwischen dem FC Barcelona und dem FC Girona Anfang 2019 zu verschieben. Damals lehnten sowohl der spanische Fußballverband RFEF als auch die Spielergewerkschaft entschieden ab.

Villarreal-Clubpräsident Fernando Roig. ist allerdings der Auffassung, dass es sich lohnt, diese Hürden nun zu überschreiten. "Alles, was Fußball und spanischen Sport exportiert, ist gut für uns alle und natürlich für Villarreal", sagte Roig in einer offiziellen Erklärung des Klubs. "Die Vereinigten Staaten sind ein sehr wichtiges Land, in dem wir offizielle Akademien des Clubs betreiben."

Der erneute Wunsch unterstreicht den Spagat, den die Ligen und die Vereine eingehen müssen, um ihre Fan-Gruppen weltweit aufzubauen, ohne dabei die Heim-Fans zu verärgern oder gar vor den Kopf zu stoßen. "Es wäre etwas ganz Besonderes für uns, dort zu spielen, aber es wäre vor allem für alle positiv. Wir haben über verschiedene Alternativen nachgedacht, um unsere Fans zu entschädigen", sagte Roig.

Aus diesem Grund bietet Villarreal den aktuellen Abonnenten die Möglichkeit, 20 Prozent auf die diesjährige Abonnementgebühr oder 40 Prozent Rabatt auf die nächste Saison zu erhalten. Darüber hinaus würde das "Gelbe U-Boot", wie der Klub auch genannt wird, 600 Fans die Möglichkeit geben, das Spiel in Miami unentgeltlich zu besuchen, inklusive Reisekosten.

Sport ohne Grenzen

Aus Sicht der "La Liga" ist die Ausrichtung dieses Spiels in den USA ein "weiterer Schritt in Richtung Internationalisierungsstrategie", so Präsident Javier Tebas: "Wir glauben, dass wir bei dieser Gelegenheit in der Lage sein werden, diese positiv für alle zu nutzen, so wie sie es bereits in anderen Sportarten wie der NFL und der NBA außerhalb ihrer Grenzen tun."

Der amerikanische Sport hat den Präzedenzfall für die Versorgung und Unterhaltung der Fans im Ausland geschaffen. Die NHL war die erste, die bereits 1938 zur Stelle war: Als die Detroit Red Wings und die Montreal Canadiens auf eine neuntägige Europatournee gingen. Die NBA testete mit regelmäßigen Saisonspielen in Japan und Mexiko in den 90er Jahren. Die NFL wartete bis 2005, während die MLB bis 2019 brauchte, um den Sprung zu wagen.

Während "La Liga"-Präsident Tebas jedoch auf den Erfolg dieser Unternehmungen hinweist, ist der Vergleich aber nicht ganz so einfach zu ziehen. Schließlich gibt es in Europa "Clubs" und keine "Franchise-Unternehmen", die sich zu kommerziellen Zwecken frei entfalten können. Das hat die amerikanischen Sportfans dazu gezwungen, sich schnell an die Idee der Auslagerung zu gewöhnen.

London ist mittlerweile zu einer Zweit-Heimat für NFL, NBA und in jüngster Zeit für die MLB geworden, die allesamt große Menschenmassen und viel Prominenz anziehen. Europas führende Fußballligen sind zwar bestrebt, globale Marken zu werden. Allerdings könnten sie es schwer haben, mit der großen Popularität der US-Sportarten Schritt zu halten. Aber sie sollten dennoch in der Lage sein, ihre finanziellen Möglichkeiten zu verbessern.

Die Trends zeigen in eine Richtung

Spiele im Ausland zu absolvieren ist für europäische Fußballvereine indes kein Fremdwort mehr. Vorsaison-Touren zu lange unerschlossenen Märkten wie den USA oder China sind mittlerweile zur Normalität geworden. Aber ein Ligaspiel im Ausland zu veranstalten ist eine ganz andere Sache.

Auf dem Internationalen Fußball-Kongress in Frankfurt im September 2018 sagte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), Christian Seifert,das Spielen im Ausland sei eine "Linie, die wir nicht überschreiten werden" und nannte als Grund den "Respekt vor den Fans und den Spielern". 

Der deutsche Fußball befindet sich derzeit im Kampf um die Grundwerte, wobei die Fans die zunehmende Kommerzialisierung stark kritisieren. Ein Paradebeispiel dafür waren die wiederholten Proteste gegen die Durchführung von Montagabendspielen. Diese lautstarke Kritik hat inzwischen dazu geführt, dass die Liga bekannt gab, dass sie diese Spielansetzung ab der Saison 2021/22 abschaffen werde.

Die Befürchtungen der Bundesliga-Fans, dass die Entscheidung der "La Liga", Spiele im Ausland zu veranstalten, die Tore öffnen könnte, scheint unbegründet zu sein. Seifert erteilte diesem Ansinnen im September dieses Jahres erneut eine Absage, als er in der Zeitung "Welt am Sonntag" sagte: "Es wäre nicht fair, wenn die Fans, die bei jedem Wetter und in jeder Liga zu allen 16 Heimspielen gehen, ein Spiel verpassen würden, weil das im Ausland gespielt wird."

Die internationale Verlagerung heimischer Fußballspiele kann eine größere Bedrohung für die lokalen Fans darstellen als der Anstieg der Fußballpreise. Seifert behauptet, dass die Bundesliga "den Spagat zwischen Tradition und Wirtschaft so gut schafft wie keine andere Liga". Sollte sich das Konzept der Betreuung einer globalen Fangemeinde allerdings immer mehr bewähren und attraktiver werden, könnte ein ausgewogenes Verhältnis kaum noch hergestellt werden.

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