Der Fall Polunin: Wie weit darf ein Künstler gehen? | Europa | DW | 27.02.2019
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Homophobie

Der Fall Polunin: Wie weit darf ein Künstler gehen?

Trotz seiner homophoben Äußerungen darf der Tänzer Sergei Polunin weiter in der Bayerischen Staatsoper auftreten. Was will er mit seinen Beleidigungen auch Übergewichtiger bezwecken?

Die Karten für das Ballett "Spartacus" in der Bayerischen Staatsoper sind ausverkauft. Vermutlich auch, weil der Tänzer Sergei Polunin in der Rolle des antiken Helden in München auftritt. Doch dafür brauchte Polunin eigens eine Erlaubnis. Der Künstler musste, wie der DW bestätigt wurde, gegenüber der Oper erst seine beleidigenden Aussagen auf Instagram über homosexuelle Tänzer und übergewichtige Menschen erläutern. Dem Intendanten Nikolaus Bachler und dem Ballettchef Igor Zelensky sagte Polunin, er habe provozieren wollen, um auf die Gefahren von Fettleibigkeit aufmerksam zu machen. Zugleich distanzierte sich der Künstler von Homophobie und Rassismus.

Auf Instagram sind Polunins Posts über verweichlichte Männer und träge Dicke inzwischen gelöscht. Darin hieß es, Männer würden zunehmend verweichlichen und gehörten geschlagen. Sie sollten sich wie Männer verhalten, wie Krieger oder Wölfe, und ihre Familien beschützen. Ballerinas gäbe es schon auf der Bühne, das brauche man nicht zweimal.

Nachdem die Pariser Oper von Polunins Aussagen in sozialen Netzwerken erfahren hatte, kündigte sie Mitte Januar ihren Vertrag mit dem Künstler. Als Begründung hieß es, Polunins öffentliche Äußerungen würden nicht den Werten entsprechen, die die Oper vertrete. Trotz zahlreicher Bitten entschuldigte sich Polunin für seine Worte auf Instagram nicht. Auch auf eine Anfrage der DW um Stellungnahme reagierte er nicht.

Applaus in München

Die Leitung des Staatsballetts in München hingegen akzeptierte offenbar Polunins Begründung und das Publikum auch, denn nach seinen Auftritten gibt es reichlich Applaus. Zwar berichtete die Presse über Polunin, doch die Geschichte löste in Deutschland keine breite Debatte aus.

"Ehrlich gesagt bin ich überrascht", sagte Dorion Weickmann von der Zeitschrift "tanz". In Berlin oder Stuttgart hätte es einen Skandal gegeben, meint sie. Polunins Äußerungen findet die Tanzkritikerin inakzeptabel. "Wir haben Meinungsfreiheit, aber man darf andere nicht erniedrigen und beleidigen", betonte sie. Weickmann wies im Gespräch mit der DW darauf hin, dass Igor Zelensky vor einigen Jahren Polunin geholfen habe, seine Drogensucht zu überwinden. Sie geht davon aus, dass Zelensky ihm deutlich gemacht habe, dass sich solche Aussagen in sozialen Netzwerken nicht mehr wiederholen dürfen.

Bayern - Staatsoper (picture-alliance/dpa/P. Kneffel)

Die Bayerische Staatsoper in München

Nur eine PR-Aktion?

Die Entscheidung der Bayerischen Staatsoper, an Polunin festzuhalten, trifft unter Kritikern auf verhaltenes Verständnis. "Ich kann Igor Zelensky insofern verstehen, als dass er seinen alten Freund nicht fallen lassen wollte", sagte Gisela Sonnenburg der DW. Die Gründerin von ballett-journal.de geht davon aus, dass Polunins Vorgehen eine PR-Aktion ist: "Er weiß, dass er mit solchen plumpen Beleidigungen wirklich viele gegen sich selbst aufbringt und damit im Zentrum eines Hurrikans steht, wo er sich gut aufgehoben fühlt, weil er dort supersolitär steht."

PR sollte man nicht allzu ernst nehmen, aber Beleidigungen dürfe man nicht tolerieren, betonte Sonnenburg. Ihr zufolge sind Künstler nicht automatisch von der Verantwortung für ihre Aussagen befreit, nur weil sie einzigartige Talente hätten. Sonnenburg geht davon aus, dass Polunin sich nicht im Klaren darüber ist, dass er mit seinen Äußerungen dem Ballett insgesamt schadet. "Ein Drittel der Ballettwelt ist homosexuell. Und dann kommt einer, der sagt, dass er Hetero ist und er beschimpft alle Schwule. Was ist das denn?", so Sonnenburg.

Mit Putin auf der Brust

Die Philosophin und Publizistin Catherine Newmark sagte der DW, zu Polunin gebe es zwei Positionen. "Die eine ist, dass man die Gesinnung so anstößig findet, dass man den Künstler nicht mehr erträgt. Die andere ist, dass man davon absehen, abstrahieren kann von der Gesinnung oder der politischen Meinung eines Künstlers, solange man die Kunst gut findet", sagte Newmark.

Sie selbst findet Polunins Meinung falsch und unschön. "Aber muss ich deswegen eine Person vollkommen ablehnen, wenn diese Person eine Qualität hat, die mir sehr bewundernswürdig erscheint?", so die Publizistin. "Opa sagt auch dauernd irgendetwas, womit wir nicht einverstanden sind. Und wir schaffen Opa nicht ab. Es gibt eine gewisse Elastizität, die wir gegenüber Leuten haben, die wir kennen, und die undurchdachte Sachen sagen", meint Newmark.

Sergei Wladimirowitsch Polunin, russischer Balletttänzer ukrainischer Herkunft (Getty Images/A. Nemenov)

Sergei Wladimirowitsch Polunin, russischer Balletttänzer ukrainischer Herkunft

Ihr zufolge sollte man aber die Proteste ukrainischer Aktivisten in Deutschland nicht vergessen. Sie verlangen von der Oper in München, sich von dem Tänzer zu distanzieren. Polunin wurde in der Ukraine geboren, erhielt aber jüngst die russische Staatsbürgerschaft. Er ließ sich ein Porträt des russischen Präsident Wladimir Putin auf die Brust tätowieren.

Laut Newmark ist die zentrale Frage im Fall Polunin und in anderen ähnlichen Diskussionen, wo die Grenze verläuft, die Künstler nicht überschreiten dürfen. Sie meint, dass Gewaltverbrechen auf jeden Fall als rote Linie wahrgenommen werden sollten. Da sollte sich die Gesellschaft von einem Künstler abwenden. Gleichzeitig bezweifelt sie, dass sich die Zuschauer beispielsweise trotz der #MeToo-Bewegung keine Filme mehr ansehen werden, die in den Studios von Harvey Weinstein gedreht wurden, nur weil ihm Sexualdelikte zur Last gelegt werden.

Aber möglicherweise ist man mit der Geduld gegenüber Polunin in München doch am Ende. Denn nach "Spartacus" sind für Sergei Polunin, wie die DW von der Bayerischen Staatsoper erfuhr, keine weiteren Engagements vorgesehen.

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