Der deutsche Kohleausstieg und Russland | Europa | DW | 29.01.2019
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Energieversorgung

Der deutsche Kohleausstieg und Russland

Die Pläne, bis 2038 alle deutschen Kohlekraftwerke stillzulegen, werden sich auf die russischen Kohleexporte negativ auswirken. Andere russische Energieexporte hingegen könnten davon deutlich profitieren.

Russland ist nicht nur Deutschlands größter Lieferant von Gas und Öl, auch mehr als die Hälfte der Steinkohle, die in deutschen Kraftwerken verfeuert wird, stammt aus Russland. In Deutschland wurde im Dezember 2018 - einem langfristigen Plan folgend - die Förderung von Steinkohle mit der Schließung der letzten Zeche im Ruhrgebiet beendet. Von nun an wird die gesamte in Deutschland verbrauchte Steinkohle importiert. Zahlreiche Kraftwerke in Deutschland benötigen sie noch für ihren Betrieb.

Ende Januar legte die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung" einen Plan zur schrittweisen Stilllegung der Kraftwerke vor - parallel zur Abschaltung von Braunkohlekraftwerken. Der Kommission gehörten Vertreter der Wirtschaft, von Gewerkschaften, Behörden, Umweltorganisationen und Hochschulen an. Über ein halbes Jahr arbeiteten sie gemeinsam an einem Konzept, wie Deutschland im Einklang mit seinen internationalen Verpflichtungen zum Klimaschutz und zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen die Nutzung von Kohle beenden kann, ohne dass die Wirtschaft, Energieunternehmen und bestimmte Regionen Schaden nehmen. Die Kommission empfiehlt einen vollständigen Kohleausstieg bis frühestens 2035 und spätestens 2038. Den vier betroffenen Bundesländern soll die Bundesregierung innerhalb der nächsten 20 Jahre einen Ausgleich von 40 Milliarden Euro zahlen.

Deutschland Zeche Prosper-Haniel | (Reuters/T. Schmuelgen)

Übergabe des letzten Stücks Steinkohle an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Bottrop im Dezember 2018

Russische Interessen direkt betroffen

In den letzten Jahren sind die Liefermengen russischer Steinkohle nach Deutschland rasant gestiegen. 2013 waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) 11,83 Millionen Tonnen und 2017 bereits 16,32 Millionen Tonnen. In den ersten neun Monaten des Jahres 2018 wurden 12,41 Millionen Tonnen Steinkohle aus Russland bezogen. Das sind 46 Prozent der gesamten von Deutschland importierten Steinkohle. Auf Platz zwei folgen mit weitem Abstand die USA (5,35 Millionen Tonnen) und auf Platz drei ist Australien (3,77 Millionen Tonnen).

Wenn man berücksichtigt, dass Deutschland in Russland fast nur Kesselkohle und keine Kokskohle für die Metallurgie einkauft, dann stammt derzeit mehr als die Hälfte der in deutschen Kraftwerken verbrauchten Steinkohle von russischen Unternehmen. Daher sind diese besonders stark vom geplanten Kohleausstieg in Deutschland betroffen. Schon bald werden sie spürbare Verluste erleiden.

Nach den Plänen der Kommission soll bis zum Jahr 2022 bei den Kohlekraftwerken eine Gesamtleistung von mindestens 12,5 Gigawatt (GW) abgebaut werden. Dabei wird ein Rückgang von rund fünf GW bei Braunkohlekraftwerken und von etwa 7,5 bis 7,7 GW bei Steinkohlekraftwerken empfohlen. Somit schlägt die Kommission vor, die Stromerzeugung aus importierter Steinkohle schneller zu beenden, als die aus heimischer Braunkohle. Den Plänen zufolge soll bis zum Jahr 2030 ein Rückgang von insgesamt 10,9 GW bei Braunkohlekraftwerken und von 14,7 GW bei Steinkohlekraftwerken angestrebt werden. Das bedeutet, dass der deutsche Markt für Kesselkohle in den nächsten zehn Jahren um rund zwei Drittel schrumpfen wird.

Erneuerbare Energien und Erdgas

Doch was soll die Kohle und die Atomenergie, aus der Deutschland ebenfalls bis Ende 2022 aussteigen wird, bei der Stromerzeugung ersetzen? "Eines der zentralen Instrumente zur Erreichung der Klimaziele ist der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien", heißt es in dem Abschlussbericht der Kommission. Damit das im Koalitionsvertrag vereinbarte 65-Prozent-Ziel erreicht werden könne, brauche es verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen in erneuerbare Energien. Die Kommission empfiehlt, dass die jährlichen Zubau-Mengen für erneuerbare Energien im Einklang mit dem 65-Prozent-Ziel bis 2030 angepasst werden. Angesichts der rasanten Entwicklung der letzten Jahre und der Tatsache, dass Ende 2018 bereits rund 40 Prozent der deutschen Stromerzeugung auf erneuerbare Energiequellen entfielen, scheint dieses Ziel realistisch zu sein.

Deutschland Nord Stream 2 vor der Insel Rügen (picture-alliance/dpa/B. Wüstneck)

Die im Bau befindliche Nord-Stream-2-Pipeline wird mehr russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland pumpen

Gleichzeitig weist die Kommission in ihrem Bericht wiederholt auf die Bedeutung von Erdgas hin. Sie empfiehlt die Förderung von Investitionen in neue Gaskraftwerke, Gasspeicher und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die sowohl Strom als auch Wärme erzeugen. Letztlich wird es wohl auf eine Verdoppelung des Anteils von Erdgas an der deutschen Stromerzeugung hinauslaufen, der heute bei rund 13 Prozent liegt.

Der vorgelegte 20-Jahres-Plan zum Kohleausstieg bedeutet für die russischen Bergleute zwar nichts Gutes, doch er eröffnet neue Perspektiven für die russischen Gasarbeiter. Das ist im wesentlichen der russische Energieriese Gazprom, der ein Monopol auf den Export von Pipeline-Gas hat. Möglicherweise werden aber auch die konkurrierenden russischen Energieunternehmen Novatek und Rosneft, die Flüssiggas (LNG) aus Russland anbieten, profitieren können.

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