Dem Nachbarschaftskomitee ausgeliefert | Asien | DW | 20.02.2020
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Coronavirus-Epidemie

Dem Nachbarschaftskomitee ausgeliefert

Wuhan hat die meisten Einwohner de facto unter Hausarrest gestellt. Um medizinisch versorgt zu werden, müssen sich die Bewohner an die örtlichen Nachbarschaftskomitees wenden. Doch die sind heillos überfordert.

Jeden Tag ruft Shen Ruihan die Nummer ihres Nachbarschaftskomitees an. Ihr Vater, der an COVID-19 erkrankt ist, müsste dringend ins Krankenhaus. Sein Zustand verschlechtert sich täglich: die Körpertemperatur steigt, er kann kaum noch essen und hat Schmerzen in der Brust. Doch um ins Krankenhaus zu kommen, muss das Komitee ihr ein Auto zur Verfügung stellen. "Sie sagen uns jeden Tag, dass wir warten sollen", erzählt sie im telefonischen Interview mit der Deutschen Welle, "doch nie kommen sie".

Shen Ruihan ist nicht ihr richtiger Name. Sie glaubt, dass sich ihr Vater beim Einkaufen angesteckt haben muss, irgendwann in den ersten Tagen, nachdem Wuhan abgeriegelt worden war. Am 23. Januar wurden sämtliche Zufahrtswege in die Stadt gesperrt, nachdem es klar geworden war, dass die Ausbreitung des Coronavirus nicht mehr zu stoppen ist. Viele Bewohner stürmten daraufhin die Supermärkte, um Lebensmittelvorräte anzulegen.

Wuhan China Coronavirus Sars (Reuters/China Daily)

Nachbarschaftskomitee im Einsatz: "Diese Siedlung ist gesperrt, um den Virusausbruch zu bekämpfen"

Ansteckung beim Hamsterkauf?

Vor anderthalb Wochen bekam ihr Vater dann Fieber. Er wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Er bekam Medikamente und wurde nach Hause geschickt, weil seine Symptome nicht sehr schwer waren. Seitdem hat sich sein Zustand verschlechtert. Doch ins Krankenhaus zu kommen, ist seitdem nicht leichter geworden. "Bald sind unsere Medikamente aufgebraucht", sagt Shen. "Ich weiß nicht, was wir dann machen sollen."

Seit dem Ausbruch der Krankheit sind die Krankenhäuser in der Stadt heillos überlastet. Videos von überfüllten Fluren, von Ärzten und Krankenschwestern, die unter Überlastung Nervenzusammenbrüche erleiden, machten in den Anfangstagen die Runde in den sozialen Netzwerken. Seitdem hat die Stadt zwei provisorische Krankenhäuser aus Containern errichtet und Dutzende Sporthallen und Hotels in Quarantänezonen zur Notversorgung umgewandelt. Doch nach wie vor steigen die Infektionszahlen. Viele Patienten haben keinen Zugang zu einer angemessenen Versorgung.

China leere Straßen in Wuhan wegen Coronavirus (Reuters/cnsphoto)

Straßen in Wuhan sind leer

Ausgehverbot

Um dem Chaos Herr zu werden und die Ausbreitung zu stoppen, hat die Stadt ein generelles Ausgehverbot erteilt. Alle Wohnbezirke wurden abgeriegelt, die meisten der elf Millionen Bewohner der Stadt de facto unter Hausarrest gestellt. Wann immer die Bewohner etwas brauchen, müssen sie ihre Nachbarschaftskomitees um Hilfe bitten, die niedrigste Ebene des Parteistaats.

"Es ist sinnlos, dort anzurufen", sagt Zheng Wei. Auch sie will ihren richtigen Namen nicht nennen. Sie lebt in Wuhan mit ihrer Schwester und ihren Großeltern zusammen. Außerdem gehören noch ihre Tante und ein 14-jähriger Neffe zur Familie. Sowohl die Großeltern als auch die Tante sind am Coronavirus erkrankt. Der Neffe wurde mit Verdacht auf die Krankheit in ein Hotel gebracht, das als Isolierstation dient.

Die Großeltern sind inzwischen in stabiler Verfassung zu Hause, die Tante ist in einem provisorischen Krankenhaus untergebracht. Doch einige Wochen vor dem Ausbruch wurde bei ihr Lungenkrebs diagnostiziert, der dort nicht behandelt werden kann. "Sie muss in ein richtiges Krankenhaus", sagt Zheng. Doch solange sie und ihre Schwester zu Hause eingesperrt sind, haben sie kaum Möglichkeiten, sich darum zu kümmern. In den Krankenhäusern beantwortet längst niemand mehr Anrufe. "Unser einziger Kontakt ist das Nachbarschaftskomitee."

China Wuhan Coronavirus-Patienten in provisorischem Krankenhaus (Imago Images/Xinhua/Xiong Qi)

Coronavirus-Patienten in einer Messehalle in Wuhan

Schlüsselrolle für Nachbarschaftskomitee

Partei und Staat durchdringen die chinesische Gesellschaft auf jeder Ebene. Die Nachbarschaftskomitees sollen die Parteilinie auf der untersten Ebene durchsetzen, normalerweise eine eher symbolische Aufgabe, die sich darauf beschränkt, die Schauvitrinen mit der neusten Parteipropaganda zu bestücken oder Aktivitäten für die Rentner des Wohnviertels zu organisieren. Auf das Leben der Einwohner haben diese Komitees in normalen Zeiten wenig Einfluss.

Doch seit der Staat alle Ressourcen im Kampf gegen das Virus mobilisiert, kommt den Nachbarschaftskomitees eine Schlüsselrolle zu. In Wuhan sind sie der Ansprechpartner für sämtliche Bedürfnisse der eingeschlossenen Bewohner. Sie müssen Krankentransporte organisieren und Medizin ausliefern. Sie überwachen die Quarantäneregeln und müssen entscheiden, wer am dringendsten ins Krankenhaus muss. Die Komitees, die aus einer Handvoll Freiwilliger - oft im Rentenalter - bestehen, müssen jetzt die Versorgung hunderter Haushalte sicherstellen. Und sie entscheiden, wer Hilfe bekommt und wer warten muss.

Viele Bewohner, die an den Nachbarschaftskomitees verzweifeln, setzen inzwischen Hilferufe im Internet ab. Hunderte solcher Nachrichten finden sich in den sozialen Netzwerken. Auch Shen Ruihan, die junge Frau, die ihren Vater ins Krankenhaus bringen will, hat einen Post über ihre Situation geschrieben. "Wenn jemand helfen kann, dann helft bitte!", schreibt sie.

Auf die Frage der DW, wer ihr denn helfen könnte, seufzt sie am Telefon nur. "Ich weiß es nicht", antwortet sie. "All das macht mich so traurig." Sie und ihre Mutter versuchen derweil, ihren Vater zu Hause so gut es geht zu pflegen. Beide haben ebenfalls angefangen zu husten. Ob es ebenfalls das Virus ist, wissen sie nicht. Um sich untersuchen zu lassen, bräuchten sie ein Auto, das sie ins Krankenhaus fährt. Und das Nachbarschaftskomitee reagiert nicht. 

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