Daumen runter: Bot-Attacken auf DW-Angebote? | Europa | DW | 22.02.2018
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SOZIALE MEDIEN

Daumen runter: Bot-Attacken auf DW-Angebote?

Im Vorfeld der Präsidentenwahl in Russland häufen sich mutmaßliche Bot-Angriffe auf DW Russisch bei YouTube. Attackiert wurden unter anderem Videos über US-Sanktionen und ein Interview mit Oppositionsführer Nawalny.

Die "Dislikes" kamen wie ein Schwarm. Nur wenige Stunden war die Folge der im DW-Auftrag produzierten russischsprachigen Satire-Tricksendung "Sapowednik" (Schutzgebiet) über die bevorstehende Präsidentenwahl in Russland auf YouTube. Quasi über Nacht standen wenigen hundert so genannten "Likes" (Daumen hoch-Symbol) über 20.000 "Dislikes" gegenüber. Zwei Tage später verdreifachte sich die Zahl auf über 60.000. Das rund zweieinhalbminütige Video über die erneute Kandidatur des Amtsinhabers Wladimir Putin und dessen chancenlose Konkurrenten schien bei den Zuschauern praktisch über Nacht durchgefallen zu sein. Doch ein genauer Blick auf die Statistik nährt den Verdacht, dahinter könnte eine Attacke so genannter Social Bots stecken.

Verdacht auf Manipulation

Bots sind Computerprogramme, die teil- oder vollautomatisch Inhalte in sozialen Netzwerken und Online-Medien bewerten oder kommentieren, um sie zu manipulieren. Diese Vermutung äußern auch viele Nutzer des DW-Angebots. "Kreml-Bots sind herbei geeilt und haben die 'Dislikes' hochgeschraubt", schreibt ein User in seinem Kommentar unter dem Video. "Woher kommen so viele Dislikes?" wundert sich ein anderer. "Das Video ist doch okay, lustig und originell."

Was noch auffällt: Die Zahl der "Daumen runter"-Zeichen hat inzwischen längst die Gesamtzahl der Aufrufe überholt, die bei rund 30.000 eingefroren zu sein scheint. Eine mögliche Erklärung: Auch YouTube hat den Verdacht auf eine Manipulation und könnte deshalb einen Teil der Aufrufe gestrichen haben.

Satire-Sendung Reservat Russisch Promobanner

Das Satire-Format "Sapowednik" setzt sich kritisch mit internationaler Politik auseinander

Seit Ende Januar macht auch die russische Redaktion der DW auf ihrem YouTube-Kanal solche unangenehmen Erfahrungen. Betroffen sind nicht alle Sendungen. Aber es trifft vor allem solche, die besonders erfolgreich sind und über Sanktionen gegen Russland und vor allem die Präsidentenwahlen am 18. März berichten. Es begann mit der Nachrichtensendung "DW Nowosti", in der es um den so genannten "Kreml-Bericht" der US-Regierung ging. Die Sendung war sehr erfolgreich und wurde insgesamt mehr als eine Million Minuten angeschaut, ein Rekordwert. Doch dann kamen blitzschnell hunderte "Dislikes".  Die Zahl der Negativbewertungen übersteigt jetzt die "Daumen hoch"-Reaktionen um einige hundert. Die Zahl der Aufrufe stagniert seitdem bei rund 160.000.

Nawalny als mögliche Zielscheibe

Die Statistik-Auswertung zeigt, dass viele Negativbewertungen laut IP-Adressen aus Lateinamerika kamen. Die Sendung über US-Sanktionen gegen Russland scheint vor allem "Brasilianer", "Peruaner", "Mexikaner", "Argentinier" oder "Kolumbianer" verärgert zu haben.

In einem weiteren Fall war die Sendung der Reporterin Zhanna Nemtsova Ziel mutmaßlicher Bot-Angriffe. In ihrer Sendung "Nemtsova.Interview" Anfang Februar befragte sie den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. Er darf bei der Präsidentenwahl wegen einer umstrittenen Bewährungsstrafe nicht antreten und ruft zu einem Wahlboykott auf. Nemtsovas Interview mit ihm kam bei den Nutzern sehr gut an und erreichte in kurzer Zeit über 6000 "Likes". Es wurde insgesamt fast zwei Millionen Minuten lang angeschaut, ein weiterer Rekord. Doch dann kamen innerhalb weniger Stunden über 4000 "Dislikes" dazu. Seitdem stagnieren die Aufrufe.

DW - Nemtsova Interview mit dem Politiker Alexei Nawalny (DW)

Zhanna Nemtsova im Interview mit Oppositionsführer Alexey Nawalny

Nawalny scheint bei den Bots besonders unbeliebt. So wurde auch eine Sendung von "DW Nowosti" auf YouTube angegriffen, in der es um seinen Wahlboykott-Aufruf ging. Hier kamen die "Unzufriedenen" wie ein Schwarm, diesmal unter anderem aus Ländern wie Thailand, Indien, Vietnam oder den Philippinen.

Bot-Grüße aus St. Petersburg?

"Es entsteht der Eindruck, dass vor den Wahlen solche Angriffe stärker werden", sagt Nemtsova. "Das Ziel ist, künstlich die Zahl der Aufrufe zu reduzieren." Einflussreiche russische Blogger seien der Meinung, dass viele "Dislikes" bei YouTube einen Beitrag "aus den Trends" rauswerfen könnten, so Nemtsova.

Der Moskauer Journalist, Blogger und Gastautor bei DW Russisch, Alexander Pluschtschew, glaubt sogar, hinter den Attacken könnte die inzwischen berüchtigte "Trollfabrik" in St. Peterburg stehen. "Ja, ich glaube, dass es sonst niemanden gibt, der das machen würde", sagt Pluschtschew. "Das ist ihre direkte Aufgabe." Das als "Trollfabrik" bekannte Privatunternehmen in St. Petersburg gilt als ein Ort, an dem massenhaft Manipulationen in sozialen Netzwerken weltweit betrieben werden. Es stand zuletzt wegen einer Anklage in den USA wegen versuchter Einmischung in die Präsidentschaftswahl 2016 in den Schlagzeilen. 

Die DW hat YouTube um eine Bewertung gebeten, ob es sich im Fall von "Sapowednik", "DW Nowosti" und anderen Sendungen tatsächlich um Bot-Angriffe handelt. Auch muss geklärt werden, ob und wie sich die Vorfälle auf die Reichweite der Sendungen auswirken. Man prüfe diese Fälle, so die Antwort des US-Unternehmens. Ein Lösungsvorschlag steht noch aus.

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