Das Flüchtlingslager wird zum Zuhause | Welt | DW | 14.10.2013
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Welt

Das Flüchtlingslager wird zum Zuhause

Etwa 120.000 Syrer leben im jordanischen Zaatari, dem zweitgrößten Flüchtlingslager der Welt. Kriminalität und Gewalt waren Alltag. Doch die Lage bessert sich. Auch weil die Menschen erkennen, dass sie länger bleiben.

Ein Meer aus beigefarbenen Zelten und weißen Wohncontainern leuchtet weithin sichtbar in der heißen Mittagssonne. Das Flüchtlingslager Zaatari im Norden Jordaniens - mitten in der Wüste - ist vorläufige Endstation für rund 120.000 syrische Flüchtlinge, die dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat entkommen wollen.

Seit einem Jahr ist auch Ibrahim hier zu Hause. Der junge Bäcker ist mit seiner Familie aus Dera'a nach Jordanien geflohen. Schon in Syrien hatte die Familie eine Bäckerei. Kurzerhand haben sie hier in Zaatari einen neuen Laden aufgemacht. "Als wir hier ankamen, gab es nur Fertiggerichte, die an die Flüchtlinge verteilt wurden. Es gab nichts zu kaufen, kein Brot, gar nichts", erinnert sich der junge Mann mit dem charmanten Lächeln. "Mein Bruder hatte die Idee, dass wir doch wieder Brot backen sollen. Wir haben dann die Geräte und alles, was man braucht, in das Lager hineingeschmuggelt."

Der Bäcker Ibrahim in seinem Stand im Flüchtlingslager Zaatari (Foto: DWTV/Tania Krämer)

Bäcker Ibrahim ist seit einem Jahr in dem Flüchtlingslager

Einkaufsmeile mit Restaurants

Am Anfang haben sie in einem Zelt des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) gebacken, jetzt schützen Wellblech und Zeltplanen die Backstube vor den häufigen Sandstürmen. Ein großer Ofen ist das Herzstück der improvisierten Bäckerei. Es gibt dünne Fladenbrote und süße Teigwaren, bezahlt wird mit syrischer Währung oder dem jordanischen Dinar. "Wir haben klein angefangen, aber jetzt, wo sich der ganze Markt hier entwickelt, läuft es gut", sagt Ibrahim und blickt auf die sandige Hauptstraße vor sich.

Dort reiht sich Geschäft an Geschäft - Friseursalons, Gemüsehändler, kleine Restaurants. Auf der "Champs Elysees" - wie einige die Hauptstraße von Zaatari in Anspielung auf die teure Einkaufsstraße in Paris ironisch nennen - ist fast alles zu haben. Mehr als 3000 provisorisch aufgebaute Geschäfte sollen es mittlerweile sein. Dabei gab es hier vor einem Jahr nichts außer Sand und Wüste. Das Lager wurde binnen weniger Tage im Juli 2012 aufgebaut.

Aus dem Nichts entsteht eine Stadt

"Es hat ein Jahr gedauert, dass sich das Lager, das als humanitäres Flüchtlingslager aufgebaut wurde, in eine temporäre Stadt durch Geschäfte und die Aktivitäten der Flüchtlinge entwickelt hat. Das sind Initiativen, die wir uns vorher kaum hätten erträumen können", erzählt Kilian Kleinschmidt. Auf dem Papier ist er UNHCR-Campmanager und in Zaatari so etwas wie der Bürgermeister. Der Deutsche arbeitet dort seit sechs Monaten und war vorher in Somalia. Er hat vor allem eines gelernt: Gelassenheit. Die braucht er bei den vielen Problemen in Zaatari.

Kilian Kleinschmidt spricht mit Mitarbeitern über das Flüchtlingscamp in Zaatari, das er leitet. (Foto: State Department photo/ Public Domain)

Kilian Kleinschmidt ist so etwas wie der Bürgermeister des Lagers

Kriminelle Parallelstrukturen und Gewalt haben lange Zeit die Schlagzeilen über das Lager bestimmt. 120.000 Menschen leben dort auf knapp neun Quadratkilometern. Die syrische Grenze ist nur zwölf Kilometer entfernt. Der Konflikt dort ist auch im Lager zu spüren - jeder ankommende Flüchtling hat schreckliche Erlebnisse hinter sich. Keine einfache Umgebung, um für Ruhe und Sicherheit zu sorgen. Doch Kleinschmidt sieht auch Fortschritte: "Es ist nicht mehr das gleiche Lager, das ich vor sechs Monaten vorgefunden habe, wo wir als Helfer wirklich oft in der Angst gelebt haben, wann es wieder zu einem Konflikt mit den Flüchtlingen kommt." Die Einstellung der Menschen in Zaatari habe sich geändert: "Jetzt haben die Menschen begriffen, dass dies ihre temporäre Heimat ist, und dass sie erst mal hier bleiben werden."

Halbe Million US-Dollar Kosten pro Tag

Die internationalen Helfer setzen dabei auf Dialog. "Die Leute wissen jetzt, warum wir da sind", sagt Kleinschmidt. "Und wir verstehen, wer die Flüchtlinge sind. Wir kennen die verschiedenen Machtstrukturen, viele Spannungen kommen durch Rivalität, aber auch durch den enormen Stress, wenn man in einem solchen Flüchtlingslager lebt." Auch der Ausbau der Infrastruktur soll helfen, das Alltagsleben etwas zu verbessern und damit Spannungen abzubauen: Straßen werden asphaltiert, das Strom- und Wassernetz ausgebaut und Stadtteile eingerichtet. Die anfallenden Kosten sind immens: Allein der laufende Betrieb wird mit rund 500.000 US-Dollar täglich veranschlagt.

Hunderte syrische Flüchtlinge stehen an der Grenze zu Jordanien (Foto: KHALIL MAZRAAWI/AFP/Getty Images)

Syrische Flüchtlinge an der Grenze zu Jordanien - es kommen nicht mehr so viele ins Nachbarland

Und das Lager wächst stetig, wenn auch weniger schnell als in den letzten Monaten. In den vergangenen Wochen seien deutlich weniger Flüchtlinge eingetroffen, erzählt Kleinschmidt. "Es gibt offenbar Probleme, über die Grenze zu kommen, der Weg ist sehr gefährlich, und es gibt schwere Kampfhandlungen, die nur zehn Kilometer von hier entfernt stattfinden." Tausende sollen jenseits der Grenze gestrandet sein - doch genaue Zahlen kennt keiner. Das UNHCR registriert rund 150 Flüchtlinge am Tag - im Frühjahr waren es bis zu 3000, die nach Jordanien flohen. Die Situation ändert sich fast täglich. Denn nicht jeder bleibt in Zaatari - viele versuchen, außerhalb Arbeit zu finden. Andere kehren gar in das Kriegsgebiet zurück.

Wenig Hoffnung auf eine baldige Rückkehr

Zwei Jungen helfen in der Backstube aus. (Foto: DWTV/Tania Krämer Aufnahmeort: Zaatari Jordanien)

Auch die Kinder helfen in der Bäckerei

Denn trotz verbesserter Lebensbedingungen - es bleibt doch ein Flüchtlingslager. In der Bäckerei macht sich Ibrahim kaum Illusionen, dass der Konflikt in der Heimat bald vorbei sein wird. Deshalb setzt er alles auf die Arbeit in der Bäckerei. Die ganze Familie hilft mit, auch die Kinder. Sein zwölfjähriger Neffe knetet den Hefeteig für die süßen Dattelteilchen. Obwohl es im Lager mehrere Schulen gibt, geht er nicht zum Unterricht. Das Überleben im Hier und Jetzt scheint viel wichtiger, das Sichern der Existenz in solch schwierigen Bedingungen braucht alle Energie. Dabei an die Zukunft zu denken, das fällt allen schwer, auch Ibrahim. "Ich denke da gar nicht darüber nach. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich je nach Syrien zurückkehren werde", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Was soll ich sagen. Es gibt keine Hoffnung."

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