Das E-Book wird erwachsen | Kultur | DW | 11.10.2013
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Kultur

Das E-Book wird erwachsen

Eigentlich sind E-Books heute eine Selbstverständlichkeit. Doch was genau sie wirklich sind oder sein könnten, das zeigt sich erst allmählich. Auf jeden Fall sind sie mehr als bloßes Beiwerk zur gedruckten Version.

"E-Books sind eine veraltete Technologie." Das meint der Autor, Blogger und Webexperte Sascha Lobo und sprach dies in Frankfurt auch genau so aus. Provokant wie er nun einmal ist. Schließlich ist das E-Book nach wie vor eines der großen Themen auf der Messe. Lobos Kritik richtet sich allerdings nicht gegen das digitale Publizieren an sich, sondern gegen die Tatsache, dass die meisten E-Books, die von den Verlagen herausgebracht werden, bloße Kopien der gedruckten Bücher sind, anstatt wirklich ein eigenes Format darzustellen. "E-Books sind nur das, was die Digitalisierung aus den Büchern gemacht hat", so Lobo. Die interessante Frage sei aber, was das Internet und die sozialen Medien aus dem Buch machen.

"Die Leute kaufen Bücher, über die geredet wird"

Die Antwort gibt Lobo mit seinem neuen Unternehmen "Sobooks", das am Mittwoch (9.10.) online gegangen ist. Eine Art Verkaufsplattform für Bücher, bei der die Bücher nicht runtergeladen werden müssen, sondern im Browser gelesen werden können, also wirklich und komplett im Netz stehen. Der Vorteil, so Lobo: Man kann einzelne Stellen oder Sätze direkt mit den sozialen Medien verlinken und so mit anderen darüber diskutieren. "Wenn irgendjemand einen Link postet, zum Beispiel auf Facebook, dann klicke ich drauf und komme genau an die Stelle in dem Buch, wo der Link herkommt", erklärt Lobo im Gespräch mit der Deutschen Welle. Dort könne man dann ebenfalls einen Kommentar hinterlassen, so dass die Diskussion quasi im Buch selbst stattfindet.

Contec Frankfurt 2013 Sascha Lobo bei der Vorstellung von Sobooks auf der Frankfurter Buchmesse Copyright: Frankfurter Buchmesse

Sascha Lobo präsentiert seine Idee zum "Social Selling"

Das Urheberrecht wird dabei nicht vergessen: Zu lesen gibt es für die Besucher, die dem Link gefolgt sind, nur einen Ausschnitt, bis zu acht Seiten maximal. Wer dann denkt, dass ihn das ganze Buch interessiert, der kann es direkt im Browser kaufen. "Social Selling" nennt Lobo das Prinzip. "Die Leute kaufen Bücher, über die geredet wird. Und die sozialen Medien sind der Ort, an dem geredet wird." Das Ganze steckt allerdings noch in der Probephase, gibt er zu. Ob und wie die Leute im Buch diskutieren werden, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. "Wir probieren das halt aus. Aber ich glaube, dass ein Buch ein sehr organischer Ort ist, wo man über das Buch diskutieren kann ."

Das E-Book als eigenständiges Format

Dass das E-Book-Format bislang von vielen noch nicht wirklich verstanden worden ist, der Meinung ist auch Nikola Richter. Sie hat vor ein paar Monaten "mikrotext" gegründet, einen Verlag für "kurze digitale Lektüren". Antrieb war, dass sie eine "Lücke im digitalen Bereich" gesehen hat, wie sie sagt. "Ich lese viel auf dem Handy und hätte mir gewünscht, dass die Verlage mehr Texte in einer kürzeren und mobil zu lesenden Form anbieten." Diese Aufgabe hat sie nun selbst übernommen. Ihr Verlag ist rein digital: Alle drei Monate veröffentlicht "mikrotext" zwei Texte, die man auf dem Smartphone, E-Reader, Tablet oder Computer lesen kann, zum "Kaffee-Preis" von 2,99 Euro. Inhaltlich geht es ihr um zeitgemäße Debatten, die literarisch gedacht werden. Und das in ganz verschiedenen Formen, sei es als Essay, Kurzgeschichte, Anekdote oder Kommentar. In ihrem Programm finden sich bekannte Intellektuelle wie Alexander Kluge sowie der syrische Autor Aboud Saeed , der aus dem Bürgerkrieg berichtet.

Bücherregal: Eine Frau vor einem Bücherregal mit Büchern, die für den Preis Die schönsten deutschen Bücher 2013 nominiert waren

Das Buch doch kein Auslaufmodell?

Mit den kurzen Formaten im digitalen Bereich liebäugelt auch der zukünftige Chef des Hanser Verlags Jo Lendle. "Verleger denken in Büchern. Und das Buch, so wie es jetzt existiert, ist eine vergleichbar standardisierte Größe. Das sind zweihundert bis vierhundert Seiten, nach oben und unten ein bisschen offen, aber es ist eigentlich eine erstaunlich konforme Angelegenheit – egal ob auf Papier oder digital." Diese Formate gelte es gedanklich zu öffnen, um andere Formen des Erzählens hervorzubringen oder auch alte wiederzubeleben. Als Beispiel nennt er die literarische Gattung der Erzählung, die in Papierform in der Regel nur als Sammlung erscheint, weil zu kurze Texte nicht als Buch gedruckt werden. Und genau darin liegt für ihn auch die Chance des E-Books – das sich als solches noch entwickeln muss, um eben mehr zu sein, als nur ein Abklatsch des gedruckten Buches. "Man kann zum Beispiel auch nach hinten offenere Formen ausprobieren: Fortsetzungen, Abonnements oder Gespräche."

Spezialisierung statt Untergang

Auf Fortsetzungen setzt auch der große Unterhaltungsverlag Bastei Lübbe. Das Unternehmen ist zu Beginn der Buchmesse an die Börse gegangen, unter anderem um die Digitalisierung des Verlags weiter voranzutreiben und zu finanzieren. Einst bekannt für seine Groschenromane - kleine Roman-Heftchen, die es für wenig Geld zu kaufen gab - erschienen dort vor zwei Jahren die ersten rein digitalen Serien-Romane in Form sogenannter "enriched" oder auch "enhanced" E-Books. Diese enthalten nicht nur Texte, sondern sind mit Film- und Spielelementen angereichert. Der Verlag will damit auch die internationalen Märkte erobern, darunter China, Brasilien und die USA. "Wir machen schon heute fast 17 Prozent unseres Umsatzes digital", so Geschäftsführer Thomas Schierack.

Insgesamt ist der Anteil von E-Books am Buchmarkt in Deutschland aber noch immer gering. Laut Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verdreifachte er sich zwar im letzten Jahr, doch er stieg nur von 0,8 Prozent (2011) auf 2,4 Prozent (2012) an. Welche Auswirkungen die zunehmende Eigenständigkeit des E-Books hat, wird sich zeigen. Klar aber ist: Das E-Book ist in der Gesellschaft angekommen und ist dabei sich als eigene Publikationsform vom gedruckten Buch zu emanzipieren – ohne es jedoch komplett zu ersetzen. Denn dass es das gute alte Papierbuch in irgendeiner Form auch in Zukunft geben wird, darüber scheint man sich auch hier in Frankfurt einig zu sein.

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