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Daria ist Lehrerin, Künstlerin, Staatsfeindin

2. Februar 2021

Wenn sie nicht Russisch unterrichtet, ist Daria Apakhonchich als feministische Künstlerin aktiv. Vor einem Monat wurde die Petersburgerin zur "ausländischen Agentin" erklärt. Warum?

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Russland Künstlerin Daria Apakhonchich
Künstlerin Daria ApakhonchichBild: privat

Der 31. Januar 2021, ein Sonntag, begann für Daria Apakhonchich um fünf Uhr morgens mit einem lauten Donnern an ihrer Tür. "Die Bullen treten die Tür ein", schrieb die Petersburger Russisch-Lehrerin und Künstlerin noch schnell aufFacebook.

Dann machte sie auf, denn sie wollte verhindern, dass ihre alte Holztür mit einer Kreissäge aufgeschlitzt wird. Eine solche hatten ihre frühmorgendlichen Gäste von der Polizei nämlich dabei. Wie Daria beim anschließenden Verhör erfuhr, war der Anlass für diesen Besuch die Tatsache, dass bei den Protesten gegen die Verhaftung von Alexej Nawalny am 23. Januar in Sankt Petersburg "öffentliche Verkehrsflächen" betreten wurden. Daria war dabei gewesen und wurde nun als Zeugin verhört - vorerst. Die Polizei habe die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, sämtliche Geräte wie PC, Notebooks und Handys wurden mitgenommen, berichtet Daria am nächsten Tag - ebenfalls auf Facebook.

Künstlerin als "Agentin"

Ihren Post versieht sie mit dem Intro: "Diese Nachricht wurde durch ein ausländisches Massenmedium bereitgestellt und (oder) verbreitet, das ausländische Interessen vertritt, und (oder) durch eine russische Rechtsperson, welche ausländische Interessen vertritt."

Daria Apakhonchich in Sankt Petersburg
In ihrer Freizeit gesellschaftlich aktiv: Daria Apakhonchich in Sankt PetersburgBild: privat

Zu dieser Kennzeichnung der von ihr verfassten Beiträge ist Daria Apakhonchich seit 28. Dezember 2020 verpflichtet. An jenem Tag veröffentlichte das russische Justizministerium eine Liste, auf der - zum ersten Mal in der neueren russischen Geschichte - physische Personen zu "ausländischen Agenten" erklärt wurden.

Zuvor waren gemäß des bereits 2012 verabschiedeten und mehrfach novellierten "Agenten-Gesetzes" nur "juristische Personen", vor allem NGOs und Massenmedien, auf den Index gekommen. Nun waren aber erstmals "Einzeltäter" dabei - drei Journalisten, ein Menschenrechtler und eben Daria Apakhonchich. Daria lebt in Sankt Petersburg und verdient ihr Geld als Russisch-Lehrerin. In der unterrichtsfreien Zeit beteiligt sie sich an Kunstaktionen der feministischen Szene. Eine große Berühmtheit ist sie nicht.

Eine unerwartete "Ehre"

Von der ihr erwiesenen "Ehre" erfuhr Daria kurz vor dem Neujahrsfest von Freunden und traute ihren Ohren nicht. Denn im Einzelnen wird ihre Tätigkeit als "Massenmedium" inkriminiert.

Daria ist aber kein Massenmedium, auch keine Journalistin. Ihre Tätigkeit als "Medium" beschränkt sich auf Posts auf ihrem Facebook-Account, wo sie aktuell gerade einmal 1589 Freunde zählt. Eindeutig zu wenig, um als Massenmedium betrachtet zu werden. Ihre Themen sind, neben witzigen Beobachtungen aus dem Leben ihrer Kinder, vor allem häusliche Gewalt und generell Gewalt gegen Frauen wie Männer in Russland.

Daria Apakhonchich hinter einer Weltkugel aus Papier mit der ausgeschnittenen Form Russlands, worunter auf Russisch steht: "Land der Fremdlinge"
"Land der Fremdlinge": Daria Apakhonchichs künstlerischer Kommentar zur aktuellen Strategie der Putin-RegierungBild: privat

Allerdings schreibt Daria recht unverblümt und in gutem Russisch, was sie denkt, etwa: "Jedes Mal, wenn in unserem Land wieder ein absurdes Gesetz verabschiedet wird (ob über Propaganda, über Demonstrationen oder über Verleumdung), höre ich den Satz: 'Laut diesem Gesetz kann man aber jeden in den Knast befördern!' Ja, das kann man, aber das tun die Machthaber eben nicht, denn wenn man viele Unschuldige nach dem gleichen Paragraphen verfolgt, dann solidarisieren sich die Menschen. Man will aber keine Einigkeit in der Szene, die die Macht als Bedrohung für sich empfindet."

Deswegen, so Darias Schlussfolgerung auf Facebook, werden Menschen mit möglichst vielen "Etiketten" versehen: Der eine sei ein Dieb, die andere Propagandistin extremistischer Ansichten, wieder andere ausländische Agenten und so weiter und so fort. Und im Zweifelsfall kann man jemandem immer "Verstoß gegen Corona-Regeln" oder eben "unerlaubtes Betreten öffentlicher Verkehrswege" vorwerfen. "Die Macht will uns gegenseitig entfremden. Wie ein Krake versprüht sie immer neue Tintenwolken von Gesetzen und Vorwürfen, damit sie in unseren Gewässern unsichtbar bleibt."

Künstlerin Daria Apakhonchich mit einer papiernen menschlichen Form am Flussufer
Einer Frau ihre Würde zurückgeben: Daria Apakhonchich mit der "Seele" der ermordeten Anastassia Jeschenko, an dem Ort, wo ihr Leichnam versenkt wurdeBild: privat

"Ein Exempel statuieren"

Am Mittwoch, dem 27. Januar, sind wir mit Daria Apakhonchich zu einem Skype-Interview verabredet. Gerade rechtzeitig, noch ist ihr alter Laptop nicht konfisziert. Wie aber kam es dazu, dass sie eine der ersten "Einzelagentinnen" Russlands wurde?

Daria holt weit aus: Aufgewachsen ist sie als Tochter eines Vulkanologen auf Kamtschatka und in Sibirien. "Vulkanologen sind mutige Menschen." Dann studierte sie Philologie und Literatur an der Newa und unterrichtete Russisch - auch als Fremdsprache für Migranten.

In den Protest-Jahren 2011-2012 arbeitete sie als Wahlbeobachterin, das war ihre Geburtsstunde als politischer Mensch. "Nach der Unterdrückung der Proteste gegen Wahlfälschungen hatte man das Gefühl zu ersticken, keinen Raum für Meinungsäußerungen mehr zu haben." So entdeckte sie eher zufällig das Instrument der politischen Aktionskunst für sich.

Daria Apahonchich mit einem Plakt, auf dem auf Russisch steht: "Flüchtlinge aus den Ländern der häuslichen Gewalt - lasst sie in eure Herzen"
"Flüchtlinge aus den Ländern der häuslichen Gewalt - lasst sie in eure Herzen" steht auf dem Plakat Bild: D. Apakhonchich/privat

Zusammen mit ein paar Freunden gründete sie die Kunstgruppe "Rodina" ("Heimat"), die einige gesellschaftliche Missstände ins Visier nahm. Häusliche Gewalt gegen Frauen wurde zum zentralen Thema für Daria. "Russland ist eines der wenigen Ländern, wo es kein Gesetz gegen häusliche Gewalt gibt. Femizid bleibt in Russland ein Tabu-Wort. Dabei werden jährlich Tausende von Frauen Opfer von häuslichen Tyrannen", sagt Daria gegenüber der DW. Dagegen machte sich Daria stark - mit Plakaten, Büchern, Aufklärungsversuchen.

Nicht resignieren

2020 wurde für sie ein Kampfjahr, nicht nur wegen Corona. Auf eine Aktion ist sie besonders stolz: Zusammen mit der US-amerikanischen Performance-Künstlerin Nicole Garneau gestaltete sie eine Art ritualisierte Beweinung von Anastassia Jeschenko, einer 24-jährigen Wissenschaftlerin, die von ihrem Doktorvater, einem Professor der Petersburger Universität, 2019 brutal ermordet wurde. Den Leichnam des Mädchens versuchte der Mann im Fluss neben seinem Haus zu versenken. Das Verbrechen erregte viel Aufsehen, wobei die Mehrheit der Gesellschaft die Schuld beim Opfer suchte. "Leider zählt das Leben einer Frau in Russland nicht viel", so Daria im DW-Gespräch. "Wir haben symbolisch Anastassias Seele begraben, um ihr so ihre Würde zurückzugeben…"

Bereut nichts: Daria Apakhonchich
Bereut nichts: Daria ApakhonchichBild: privat

Aber ob all das Daria Apakhonchich zur Staatsfeindin erster Güte macht? "Ich glaube, die wussten einfach nicht, was sie mit mir machen sollen", meint Daria. "Sie wollten aber an mir irgendwie ein Exempel statuieren. Damit man sich das nächste Mal dreimal überlegt, ob man die eigene Meinung äußert. Und sei es auch nur auf der eigenen Facebook-Seite."

Nun räumt Daria Apakhonchich ihre verwüstete Wohnung auf und versucht sich selbst Mut zu machen: "Mein Gesicht wirkt gerade etwas übernächtigt, aber mein Geist ist klar und stark", so die junge Frau gegenüber der Autorin dieses Beitrages am Montag, 01. Februar. Über das Handy eines Freundes.