D-Day: Ist ein gemeinsames Gedenken möglich? | Europa | DW | 05.06.2019
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Zweiter Weltkrieg

D-Day: Ist ein gemeinsames Gedenken möglich?

Der 6. Juni 1944 gilt als Anfang vom Ende des Nazi-Regimes: Im größten Landemanöver der Geschichte erstürmten 170.000 Soldaten die Strände der Normandie. Bis heute blicken die Nationen unterschiedlich auf den Tag zurück.

Es ist erst 15 Jahre her, dass Gerhard Schröder als erster deutscher Bundeskanzler an einer Gedenkfeier zum D-Day teilnahm - 60 Jahre nachdem die alliierten Truppen unter hohen Verlusten den Brückenkopf nach Europa erobert hatten, um den Kontinent vom deutschen Nationalsozialismus zu befreien. Weitere zehn Jahr später kam auch Angela Merkel zu der Gedenkfeier. Auch beim nun anstehenden 75. Jahrestag will die Bundeskanzlerin noch einmal dabei sein - diesmal nicht in der Normandie, sondern in Portsmouth in Großbritannien, von wo aus die alliierten Truppen am 5. Juni gestartet waren.

Wenn die Siegermächte den endgültigen Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs feiern, ist es heute geradezu selbstverständlich, dass hohe Vertreter aus Deutschland teilnehmen. Denn für den D-Day, den Anfang vom Ende des Nazi-Regimes, gilt im Prinzip dasselbe wie für die deutsche Kapitulation am 8. Mai 1945 - es ist "ein Tag der Befreiung", wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985 sagte.

Gerd Krumeich (picture-alliance/dpa/S. Stache)

Historiker Krumeich: "Symbolische Aktion der Verständigung"

Bestreiten würden das - auch in Deutschland - heute wohl nur sehr wenige. So sieht es der deutsche Historiker Gerd Krumeich: "Die Frage, ob wir - um beim Stereotyp zu bleiben - befreit oder besiegt wurden, ist im Mülleimer der Geschichte verschwunden", sagt Krumeich. Doch die Einigkeit über die historische Bedeutung der beiden Tage darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie unterschiedlich sie erinnert werden und welch unterschiedlichen Stellenwert sie haben - diesseits und jenseits von Rhein und Atlantik.

Nationale Legenden um "Operation Overlord"

Nicht einmal die Alliierten sind sich einig über die Lesart der "Operation Overlord", wie die Invasion im Code der Militärs hieß, mit der Nazi-Deutschland in einen Zweifrontenkrieg verwickelt werden sollte. In den USA verstehe man den D-Day als rein amerikanische Heldentat, schrieb der US-Essayist Adam Gopnik zum 70. Jahrestag im "New Yorker".

In Filmen etwa würden die Soldaten anderer Nationen - wenn überhaupt - Nebenrollen spielen: Briten seien tendenziell im Weg, Franzosen wären eventuell gut für etwas Lokalkolorit oder eine Liebesszene und Kanadier kämen eigentlich überhaupt nicht vor. Polen, Neuseeländer und Andere, die sich in die Schlacht um die Normandie warfen, erwähnt auch Gopnik nicht.

Diese Wahrnehmung, schreibt der britische Historiker James Holland, herrsche - nicht zuletzt begünstigt durch die Darstellungen in US-Filmen - sogar in Deutschland vor. Für ihn hingegen sei klar, dass es ein alliierter Einsatz war, und wenn überhaupt jemand die Führung übernommen habe, dann die Briten. Und Holland führt Argumente an: Abgesehen vom US-amerikanischen Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower bestand der Führungsstab aus Briten, die Royal Navy habe drei Viertel der Kriegsschiffe und Landungsboote, die Royal Air Force zwei Drittel der Flugzeuge gestellt. Und auch die Opferzahlen seien - trotz der hohen US-Verluste am Strandabschnitt "Omaha Beach" - vergleichbar gewesen. Tatsächlich haben die Briten ebenso wie US-Truppen jeweils zwei Strandabschnitte erstürmt, die Kanadier nahmen den fünften ein. Etwa 4400 alliierte Soldaten fielen bei der Landung am 6. Juni.

De Gaulles wollte D-Day nicht feiern

In Frankreich mussten D-Day-Veteranen lange darauf warten, dass ihre Leistung Anerkennung fand. Zwar wurde ihr Kommandeur Philippe Kieffer bereits 1945 in die Ehrenlegion aufgenommen. Die 177 Kampfgefährten erhielten jedoch erst 1984 unter Präsident François Mitterand ein eigenes Denkmal. Es steht in Ouistreham, wo das "Commando Kieffer" am 6. Juni 1944 mit den Briten den östlichsten Strandabschnitt "Sword" eroberten.

Kanadische Truppen bei der Landung am Strandabschnitt Juno (06.06.1944) (Reuters/National Archives of Canada)

Kanadische Truppen bei der Landung am Strandabschnitt "Juno": Beteiligung vieler Nationen oftmals vergessen

Frankreichs erstem Nachkriegs-Präsident, General Charles de Gaulles, war die Operation Overlord zeitlebens ein Dorn im Auge. Zur Zeit der Planung hielt er sich in London auf, und kämpfte für die Anerkennung seines Komitees "Freies Frankreich" als einzige legitime Regierung Frankreichs. Die meisten Staaten erkannten jedoch das sogenannte Vichy-Regime an, das während des Krieges mit Hitler-Deutschland einen Waffenstillstand geschlossen und de Gaulles in Abwesenheit als Hochverräter zum Tode verurteilt hatte.

Der britische Premier Winston Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt waren skeptisch, doch Churchill unterstützte de Gaulles. Von der bevorstehenden Landung in der Normandie unterrichtete er ihn jedoch erst wenige Tage vor dem D-Day. Ein Affront, den de Gaulles auch zum 20. Jahrestag noch nicht verwunden hatte: "Präsident de Gaulle hat entschieden, nur an den Feierlichkeiten in Südfrankreich teilzunehmen, um der Landung dort im August 1944 zu gedenken. Daran hatten französische Streitkräfte teilgenommen", vermeldete die "New York Times" Ende Mai 1964.

"Jour J" - für Franzosen die Befreiung

Viele Franzosen, so die französische Zeitung "Le Figaro" damals, schmerze es, dass ihr Präsident den Befreiern diese Ehre verweigere. Vielleicht war es verletzte Eitelkeit, vielleicht übersah de Gaulle, der ein Jahr zuvor mit Bundeskanzler Konrad Adenauer den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnet hatte, aber auch schlicht den symbolischen Wert solcher Feierlichkeiten.

D-Day-Veteranen bei Gedenkfeier auf dem Soldatenfriedhof in Colleville-sur-mer (2014)r (Damien Meyer/AFP/Getty Images)

US-Veteranen bei Gedenkfeier auf dem Soldatenfriedhof in Colleville-sur-mer (2014): 4400 alliierte Gefallene am D-Day

Historiker Krumeich allerdings sieht es ähnlich wie der General: "Das ist eine symbolische Aktion der Verständigung, die vielleicht sein muss, aber keine sonderlich große Bedeutung hat." Entscheidender sei die Gedenkkultur in der Bevölkerung: "In Frankreich setzt sich das Gedenken, die Trauer um die Gefallenen und Vermissten innerhalb der familiären Tradition fort - zum Teil seit dem Ersten Weltkrieg und vor allem natürlich seit dem Zweiten Weltkrieg."

Die Deutschen und der D-Day

Ursprünglich waren die Begriffe "D-Day" im Englischen und "Jour J" im Französischen ein allgemeines Synonym für den geplanten Beginn einer Militäroperation - bis sie mit der Landung in der Normandie am 6. Juni fest verknüpft wurden. Für die deutsche Entsprechung "Tag X" hat dieser Bedeutungswandel nie stattgefunden - sie hat weiterhin allein ihren ursprünglichen Sinn. Im Deutschen hat sich aber das Fremdwort "D-Day" durchgesetzt , wenn es um auf die Landung der Alliierten geht.

Staatsoberhäupter bei Feierlichkeiten am 70. D-Day-Jahrestag (2014) (Getty Images/AFP/R. Duvignau)

Staatsoberhäupter bei Feierlichkeiten am 70. D-Day-Jahrestag (2014): Gemeinsames Gedenken

Dennoch sei der Begriff "D-Day" in Deutschland nicht besonders tief verankert, meint Historiker Krumeich. Wenn man seine Studenten nach dem D-Day fragen würde, würden die meisten wohl erst schnell in Wikipedia nachgucken. Für Krumeich ist das nur logisch: "Das Ereignis ist für die jüngeren Deutschen einfach zu weit weg. Und es ist nicht verbunden mit direkt erlebter Repression, Niederlage, Besetzung und all diesen Dingen, die zu einem Gedenken ja auch dazugehören."

Außerdem sei der 6. Juni nur der Anfang vom Untergang des Dritten Reiches gewesen: "Und das ist nicht genug um einen definitiven großen Feiertag für alle daraus zu machen."

Dass man in Europa den Opfern der zurückliegenden Feindseligkeiten inzwischen gemeinsam gedenkt, sagt Gerd Krumeich, das zeige bereits in gemeinsamen Mahnmale - zum Beispiel auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs an der Somme, am Hartmannsweilerkopf und in Verdun. Mit dem Zweiten Weltkrieg sei das derzeit vielleicht etwas schwieriger, noch zumindest.

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