COVID-19 und Vitamin D: Hilfe oder Hype? | Wissen & Umwelt | DW | 06.07.2020
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Gesundheit

COVID-19 und Vitamin D: Hilfe oder Hype?

Vitamin D spielt bei fast allen Prozessen in unserem Körper eine Rolle. Jetzt heißt es in einer Studie, ein Mangel an Vitamin D könnte auch den Verlauf von COVID-19 verschlimmern. Stimmt das?

Dass Vitamin D fasst überall im Körper eine Rolle spielt und wichtige Funktionen erfüllt, ist unumstritten. Ein schwerer Vitamin-D-Mangel, von dem ab einem Wert von 12 Nanogramm pro Milliliter Blut oder weniger die Rede ist, führt zu schweren und schmerzhaften Knochenverformungen, die im Säuglings- und Kleinkindalter Rachitis und bei Erwachsenen Osteomalazie genannt wird. Hier endet der wissenschaftliche Konsens aber auch schon.

Wo beginnt der Mangel?

Wie viel Vitamin D der Mensch tatsächlich braucht, weiß niemand so genau. Entsprechend umstritten ist die Frage, ab wann ein Mangel herrscht. Oft werden deshalb mehrere Grenzwerte als Maßstäbe genommen. Fakt ist allerdings, dass sich Vitamin D wachsender Beliebtheit erfreut.

Mehr dazu: Trotz Sonne: Vitamin-D-Mangel in Afrika weit verbreitet

Nicht nur die pseudowissenschaftliche Literatur zum "Sonnenvitamin" erlebt einen Aufschwung, auch die Schlagzahl der publizierten Studien hat sich in den letzten Jahren enorm erhöht. Mittlerweile wird Vitamin D nicht nur für ein funktionstüchtiges Skelett verantwortlich gemacht, sondern auch mit kardiovaskulären Krankheiten, Diabetes Typ 2 und verschiedenen Krebsarten in Zusammenhang gebracht. 

Ein Allrounder

Der Vitamin-D-Spiegel steht und fällt hauptsächlich mit dem Sonnenlicht. Trifft ausreichend UV-Strahlung auf die Haut, ist der Körper in der Lage, das Vitamin selbst herzustellen. Nur geschätzte zehn bis 20 Prozent des Bedarfs werden über die Nahrung gedeckt.

Das Vitamin D, das wir durch die Sonnenstrahlung oder die Nahrung synthetisieren, ist zunächst nicht biologisch aktiv. Einige Stoffwechselprozesse müssen erfolgen, bevor die biologisch aktive Form des Vitamins, das sogenannte Calcitriol, in der Niere gebildet und von dort ins Blut abgegeben wird.

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Vitamine – wofür wir sie brauchen

Zudem haben viele Organe Rezeptoren, an die die Vorstufe des Calcitriols bindet. Sie befindet sich ebenfalls im Blut.

Aus dieser Vorstufe stellen die Organe dann selbst Calcitriol her, das für unzählige weitere Prozesse im Körper genutzt wird. So reguliert diese Form des Vitamin D die Insulinausschüttung, hemmt das Tumorwachstum, fördert die Bildung der roten Blutkörperchen und das Überleben sowie die Tätigkeit der für das Immunsystem wichtigen Makrophagen.

Wenig Vitamin D, schwere COVID-19-Erkrankung?

Eine Analyse der Universität Hohenheim stellt nun eine Verbindung zwischen Vitamin-D-Mangel, bestimmten Vorerkrankungen und einem schweren COVID-19-Verlauf her.

Dort heißt es: "Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass verschiedene nicht übertragbare Krankheiten (Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, metabolisches Syndrom) mit niedrigen Vitamin-D-Plasmaspiegeln assoziiert sind. Diese Komorbiditäten, zusammen mit dem oft begleitenden Vitamin-D-Mangel, erhöhen das Risiko schwerer COVID-19-Ereignisse."

"Diese Aussage ist komplett richtig", sagt Martin Fassnacht, Leiter der Endokrinologie am Universitätsklinikum Würzburg. Er schränkt jedoch ein, dass es eine reine Assoziation sei, "also eine bloße Beobachtung, dass diese Ereignisse zusammen auftreten".

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Der Endokrinologe sieht den Hype um Vitamin D sehr kritisch. Nicht, weil er dem Vitamin seine wichtigen Funktionen abspricht. Dass Vitamin D allerdings die oft propagierten, heilenden Kräfte hat, konnten Studien am Menschen bisher nicht zeigen, meint Fassnacht: "Wenn man sich die Sache genauer anschaut, dann haben sich bisher die Hoffnungen, dass die Gabe von Vitamin D eine heilende Wirkung hat, nicht bestätigt."

Assoziations- versus Interventionsstudien

Viele Studien zu dem Vitamin seien Assoziations- beziehungsweise Beobachtungsstudien. "Diese Studien können per Definition den kausalen Zusammenhang nicht belegen, sondern weisen nur auf bloße Korrelationen hin", sagt Fassnacht. Der Mediziner versucht das an einem Beispiel zu verdeutlichen:

"Stellen Sie sich zwei Gruppen von 80-Jährigen vor. Die eine Gruppe ist rüstig, aktiv und macht Sport. Wenn Sie die mit der anderen Gruppe im Pflegeheim vergleichen, dann wird der Unterschied des Vitamin-D-Spiegels dramatisch sein. Auch die Lebenserwartung würde sich extrem unterscheiden." 

Die unterschiedliche Fitness aber allein mit dem Vitamin-D-Status erklären zu wollen, greife viel zu kurz. "Der Vitamin D-Spiegel ist ein gutes Maß dafür, wie krank jemand ist. Mehr aber auch nicht", sagt Fassnacht.

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Vitamin D – wie sinnvoll sind Präparate?

Keine der bisher durchgeführten Interventionsstudien, in denen die Wirkung einer Vitamin-D-Gabe auf verschiedene Krankheiten gezielt unter die Lupe genommen wurde, habe die vorangegangenen Assoziations- und Laborstudien und den dadurch vermuteten positiven Effekt von Vitamin D bestätigen können, so Fassnacht.

Untersuchung sinnvoll

"Bei Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus solle daher unbedingt der Vitamin-D-Status geprüft und ein mögliches Defizit zügig behoben werden", so die Empfehlung des von der Universität Hohenheim publizierten Papers. 

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"Es laufen Studien, in denen überprüft wird, ob Vitamin D bei einer COVID-19-Infektion hilft, aber ich persönlich glaube nicht daran, dass dies wirklich so ist", sagt der Endokrinologe Fassnacht. Trotzdem sei es natürlich sinnvoll, diese Untersuchungen durchzuführen. 

"Ich will nicht ausschließen, dass es tatsächlich Subgruppen von Menschen gibt, die von einer zusätzlichen Vitamin-D-Gabe profitieren", sagt er. Schließlich sei das bei einem schweren Defizit erwiesenermaßen der Fall.

Angesichts der Studienlage hält Fassnacht wenig von präventiven, flächendeckenden Vitamin-D-Substituten. "Mein Glaube daran, dass das Vitamin irgendwo hilft, ist sehr gering. Aber ich kann natürlich falsch liegen."

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