Coronavirus: Wie es sich in Bonn in Quarantäne lebt | Europa | DW | 04.03.2020
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COVID-19

Coronavirus: Wie es sich in Bonn in Quarantäne lebt

Der erste Fall von COVID-19 in Bonn ist in einer Grundschule aufgetreten. Die Schüler wurden nach Hause geschickt. Auch DW-Redakteur Mikhail Bushuev arbeitet nach einem Kurzurlaub im Home-Office. Ein Erfahrungsbericht.

Man könnte sagen, dass ich unter "leichter" Quarantäne stehe. Nach einem Kurzurlaub mit meiner Familie in Norditalien bat mein Arbeitgeber darum, in Fällen wie meinem nach Möglichkeit nicht ins Büro zu kommen. Hintergrund sind die Meldungen über den Corona-Ausbruch.

Noch vor meiner Rückreise nach Bonn hatte ich beim Bundesgesundheitsministerium nachgefragt, ob wir unsere Kontakte irgendwie einschränken oder Tests machen sollten. Die Behörde fragte uns, ob wir Anzeichen für eine Krankheit oder mindestens 15 Minuten lang Kontakt zu Menschen gehabt hätten, die für den Coronavirus typische Symptome aufweisen würden. Da dies nicht zutraf, bekamen wir den Rat, "das Leben wie gewohnt fortzusetzen".

Coronavirus in einer Bonner Schule

Russische Redaktion Hörfunk (DW / A. Galkina)

Homeoffice für DW-Mitarbeiter Mikhail Bushuev

Also geht meine Tochter weiter zur Schule. Sie sagt nicht ganz ohne Neid, dass in einer benachbarten Grundschule außerplanmäßig für zwei Wochen Ferien seien. Die Clemens-August-Grundschule ist die erste Einrichtung in Bonn, die vom Coronavirus betroffen ist. Die Eltern der Schüler erfuhren davon am Samstag aus den Nachrichten im Internet, aber sie wurden auch fast zeitgleich von der örtlichen Feuerwehr telefonisch informiert.

"Man hat uns gesagt, man werde zu uns nach Hause kommen und einen Coronavirus-Test durchführen", sagte Silke M., deren Tochter Grete in die zweite Klasse geht, der DW. Als die Gefahr nicht mehr medial, sondern real geworden sei, hätten sie auch keine Angst gehabt, so Silke. Die Eltern der Schüler haben sofort eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet.

Wie sich schnell herausstellte, ist ein 22-jähriger Student, der nachmittags Schüler betreut, mit dem Virus infiziert. Er stammt aus dem 90 Kilometer von Bonn entfernten Heinsberg, einem Corona-Hotspot in Deutschland. Dort hatte der junge Mann Karneval gefeiert. Danach kehrte er nach Bonn zurück und ging zur Arbeit. Schon am nächsten Tag fühlte er sich krank und fuhr ins Krankenhaus. Die Ärzte verweigerten ihm einen kostenlosen Corona-Test, mit der Begründung, er gehöre keiner direkten Risikogruppe an. 130 Euro wollte der Student nicht zahlen und fuhr heim. Am nächsten Tag änderte er seine Meinung, begab sich ins Krankenhaus und ließ den Test auf eigene Kosten machen. Der Corona-Verdacht bestätigte sich.

Schüler können aufatmen

Sofort wurde beschlossen, die Schule zu schließen und zuerst die Kinder zu testen, die direkten Kontakt zu dem Studenten hatten, und danach alle anderen. Der Test habe ein wenig komisch ausgesehen, erzählte Silke. Zwei Freiwillige hätten ihn gemacht. Ihre Schutzanzüge hätten sie erst in der Wohnung angezogen. "Damit in der Nachbarschaft keine Panik entsteht", hätten sie erklärt. Die ganze Aktion dauerte weniger als fünf Minuten: Ein Abstrich wurde im Hals des Kindes entnommen - auf Kosten der Krankenkasse.

Einige Eltern von Schülern wundern sich auf WhatsApp, warum bei ihnen selbst kein Abstrich gemacht wurde. Wolfgang Holzgreve, Direktor der Universitätskliniken Bonn, erklärte dazu, andere Familienmitglieder müssten nur getestet werden, wenn Symptome vorlägen. Insgesamt entnahmen 20 Teams Abstriche bei 219 Personen - bei Schülern, Lehrern, Familienmitgliedern und Bekannten jenes Betreuers, der mit dem Virus infiziert ist. Doch die Schule kann aufatmen: Bei niemandem wurde das Virus gefunden.

Deutschland Coronavirus - (picture-alliance/dpa/V. Lannert)

Derzeit findet kein Unterricht an der Clemens-August-Schule Bonn statt

Coronavirus und Quarantäne

Dennoch bleibt die Schule im Zentrum von Bonn zwei Wochen lang geschlossen. Eine strenge Quarantäne wurde aber nur bei einigen Schülern angeordnet. Die achtjährige Grete beispielsweise, die an der Nachmittagsbetreuung nicht teilnimmt, ist ihrer Mutter zufolge zwar vom Unterricht befreit, doch ansonsten habe sie keine weiteren Auflagen, was Kontakte oder ihre Bewegungsfreiheit angeht.

Nach inoffiziellen Informationen wurden alle Schüler und Eltern in mehrere Gruppen unterteilt. Zur ersten Gruppe zählen diejenigen, die am letzten Arbeitstag des infizierten Betreuers in der Schule direkten Kontakt zu ihm hatten. Die zweite Gruppe umfasst alle, die an diesem Tag in der Nachmittagsbetreuung waren, und die dritte diejenigen, die an der Nachmittagsbetreuung teilnehmen, aber an jenem Tag abwesend waren. Die vierte Gruppe umfasst alle weiteren Kontakte. Die Stadt Bonn sagte der DW, von einer Aufteilung ist der Behörde "nichts bekannt", bestätigte aber, dass von 219 Personen 176 zu Hause bleiben müssten, für den Fall, dass bei ihnen später doch noch Symptome auftreten sollten.

Vorbereitung auf das Virus, aber ohne Panik

Als wir wie viele andere besorgte Italien-Rückkehrer die Hotline des deutschen Gesundheitsministeriums aus Italien anriefen, wurde uns mitgeteilt, dass unsere Daten notiert würden und dass die Behörde uns gegebenenfalls kontaktieren würde. 

Inzwischen sind in einigen Supermärkten teilweise leere Regale zu sehen, doch von panischen Einkäufen kann keine Rede sein. Trotzdem bereiten sich die Behörden auf neue Fälle vor. Auf der Webseite der Stadt Bonn gibt es Hinweise und Informationen zu Maßnahmen, die die Stadt ergreift und die jeder persönlich ergreifen kann. Es sei jedoch zurzeit nicht geplant, große öffentliche Veranstaltungen abzusagen. Die Schule neben der von meiner Tochter hat allerdings eine größere Veranstaltung auf Herbst verschoben.

Dem mit dem Coronavirus infizierten Betreuer an der Grundschule geht es nach Angaben der Ärzte gut. Der Bonner Virologe Hendrick Streeck teilte unterdessen mit, der Student habe sich bereit erklärt, ihm und seinen Kollegen für weitere Forschungen bezüglich des Virus zur Verfügung zu stehen.

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