Coronavirus: Was die Toten über COVID-19 verraten | Wissen & Umwelt | DW | 30.04.2020
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Coronavirus-Pandemie

Coronavirus: Was die Toten über COVID-19 verraten

Wer ist von dem Coronavirus besonders bedroht? Welche Vorerkrankungen bergen die größten Risiken? Deutsche Pathologen haben inzwischen zahlreiche Autopsien durchgeführt - und Erkenntnisse zu diesen Fragen gewonnen.

"Eine innere Leichenschau, Autopsien oder andere aerosolproduzierende Maßnahmen sollten vermieden werden", hieß es noch Anfang April auf der Webseite des Robert Koch-Instituts (RKI) mit Blick auf verstorbene COVID-19-Patienten. Später änderte die für Infektionskrankheiten zuständige Bundesbehörde ihre Meinung. Der Vizepräsident des Instituts, Lars Schaade, betonte, es sei richtig, gerade wenn die Erkrankung neu ist, möglichst viel zu obduzieren - allerdings unter den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen.

"Das war ein Lapsus", sagt der Präsident des Bundesverbands Deutscher Pathologen, Karl Friedrich Bürrig, über die inzwischen aufgehobene RKI-Empfehlung. Bei allen modernen Infektionskrankheiten sei eine Autopsie sehr wichtig, um den Krankheitsverlauf zu bestimmen, darunter auch bei COVID-19, betont Bürrig.

Größte Datenbank in Hamburg

Nicht alle Pathologen hielten sich an die anfänglichen Empfehlungen des RKI. Über die umfangreichste Datenbank verfügt heute Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Wir können von den Toten für die Lebenden lernen", so Püschel.

Der Pathologe Klaus Püschel

Der Pathologe Klaus Püschel

Vom 22. März bis 11. April führte er Autopsien an 65 verstorbenen COVID-19-Patienten durch. Davon hatten 46 Vorerkrankungen der Lunge, 28 Erkrankungen anderer innerer Organe oder transplantierter Organe. Zehn litten an Diabetes oder Fettleibigkeit, zehn an Krebs und 16 an Demenz. Einige der Verstorbenen wiesen gleich mehrere dieser Krankheiten auf. Inzwischen enthält Püschels Datenbank Angaben zu mehr als 100 Autopsien. Sie alle bestätigen: Keiner der Toten war ausschließlich an COVID-19 erkrankt, sondern alle hatten Herz-Kreislauf-Probleme, Bluthochdruck, Arteriosklerose, Diabetes, Krebs, Lungen- oder Nierenversagen oder Leberzirrhose.

Dennoch muss das Coronavirus Püschel zufolge ernst genommen werden. Die verbreitete Angst hält er aber für übertrieben; es handele sich "um keine besonders gefährliche Viruserkrankung". Einige Einschränkungen, wie sie zum Beispiel für Angehörige bei Beerdigungen von Verstorbenen gelten, findet er daher unbegründet. "Zwar sollten sie diese nicht küssen, aber sie dürfen sie anschauen und auch anfassen - sofern sie sich danach die Hände waschen", so der Rechtsmediziner.

Untersuchungen in Italien und der Schweiz

Püschels Daten stimmen in etwa mit einer Studie des italienischen Gesundheitsministeriums überein, die nicht auf Autopsien basiert, sondern auf den Krankheitsverläufen von 1738 verstorbenen Patienten. So hatten 96,4 Prozent neben COVID-19 mindestens eine weitere Krankheit. Am häufigsten waren es Bluthochdruck (70 Prozent), Diabetes (32 Prozent) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (28 Prozent). Das Durchschnittsalter der Toten in Italien liegt bei 79 Jahren - in Hamburg bei 80 Jahren.

In einem Seniorenheim in Barcelona werden Bewohner auf das Virus getestet

In einem Seniorenheim in Barcelona werden Bewohner auf das Virus getestet

Auch alle 20 verstorbenen COVID-19-Patienten, die vom Leiter der Autopsie am Universitätsspital Basel, Alexander Tzankov, untersucht wurden, litten unter Bluthochdruck. Darüber hinaus waren die meisten von ihnen übergewichtig. Zwei Drittel hatten Herzprobleme und ein Drittel hatte Diabetes. Als relativ harmlos würde der Basler Chefpathologe die Krankheit aber nicht bezeichnen. "Alle diese Patienten hätten wahrscheinlich ohne COVID-19 länger gelebt, vielleicht eine Stunde, vielleicht einen Tag, eine Woche oder ein ganzes Jahr", so Tzankov.

Risikogruppe in Deutschland sehr groß

Der Chefpathologe an der Berliner Charité, David Horst, bestätigte Interview mit der Berliner Zeitung ebenfalls, dass alle von ihm untersuchten Verstorbenen Vorerkrankungen hatten, und zwar des Herz-Kreislauf-Systems oder der Lunge. "Einige waren auch übergewichtig. Allerdings sind diese Erkrankungen bei Menschen über 65 Jahren in Deutschland extrem häufig. Jeder Dritte ist davon betroffen. Wir sehen daran, dass die Risikogruppe, bei der Corona-Infektionen häufiger einen tödlichen Verlauf nehmen, enorm groß ist", erläuterte er in einem Interview für die "Berliner Zeitung".

Zum Verlauf von COVID-19 sagte er, die akuten Lungenschäden würden dazu führen, dass die Lunge sich mit Flüssigkeit füllt und kein Gasaustausch mehr möglich ist. "Zudem breiten sich in diesen geschädigten Lungen dann oft Bakterien aus, die zu einer schweren Lungenentzündung und zur Sepsis führen", so der Pathologe. Außerdem würde es, unabhängig von der Lunge, häufig zu Störungen der Blutgerinnung kommen. "In den Blutgefäßen bilden sich Thromben, also Gerinnsel, die dann zum Beispiel in die großen Lungengefäße verschleppt werden und zu einem akuten Herz-Kreislaufversagen führen können", sagte er und fügte hinzu, dass auch Mikrothromben in Organen zu Schäden führten.

Und was hält er von der Diskussion darüber, ob die Menschen "an" oder "mit" Corona gestorben sind? "Ich finde diese Diskussion unglücklich. In den bei uns obduzierten Fällen sind die Menschen 'an' Corona gestorben. Zwar hatten alle Verstorbenen Vorerkrankungen, aber nicht in einem Ausmaß, dass diese jetzt akut lebensbedrohlich gewesen wären", betonte Horst. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, Corona sei ungefährlich. Ohne Corona wären die Menschen nicht jetzt gestorben.