Coronavirus in Weißrussland: Ist Witebsk zum Infektionsherd geworden? | NRS-Import | DW | 07.04.2020
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Corona-Pandemie

Coronavirus in Weißrussland: Ist Witebsk zum Infektionsherd geworden?

Einwohner von Witebsk berichten in sozialen Medien über eine alarmierende Zunahme von Lungenentzündungen. Die DW sprach mit der Aktivistin Olga Karatsch über die Lage in der Stadt im Nordosten Weißrusslands.

Das Stadtzentrum von Witebsk, Weißrussland

Das Stadtzentrum von Witebsk, Weißrussland

Nach Angaben der Behörden gibt es in ganz Weißrussland zurzeit mehr als 700 Corona-Infizierte, 13 Menschen sind an dem Virus gestorben. Anders als in vielen Ländern werden Massenveranstaltungen nicht abgesagt. Auch die Schulen sind in Weißrussland offen. Doch Einwohner von Witebsk berichten in sozialen Netzwerken, dass ihre Stadt möglicherweise zu einem Infektionsherd geworden ist.

DW: Frau Karatsch, was wissen Sie rüber die Situation in Witebsk?

Olga Karatsch: Es gibt viele widersprüchliche Informationen, aber eines ist definitiv klar: In Witebsk gibt es einen ungewöhnlichen Ausbruch einer Krankheit. Doch die Menschen bekommen entweder gar keine Tests oder die Testergebnisse gehen auf seltsame Weise verloren. Daher ist unklar, ob es sich um Coronavirus-Infektionen handelt oder nicht. Die Diagnosen lauten bilaterale Lungenentzündung, akute Virusinfektion der Atemwege oder Bronchitis. Fakt ist, dass es viele Betroffene gibt und ganze Familien erkranken. Es ist schwer zu sagen, wie viele Kranke es gibt, klar ist, dass es mehrere Hundert sind. Die Krankenhäuser in Witebsk sind voller Patienten, die an einer solch seltsamen bilateralen Lungenentzündung leiden. Viele von ihnen sind in einem kritischen Zustand.

Wie könnte es zu so einem Krankheitsausbruch in Witebsk gekommen sein?

Dies könnte damit zusammenhängen, dass Ende Februar eine Delegation von Vertretern von Schuhfabriken aus Witebsk zu einem Erfahrungsaustausch in Italien war. Mehrere Dutzend Menschen kehrten am 1. oder 2. März nach Weißrussland zurück und bewegten sich natürlich durch ganze die Stadt. Möglicherweise waren sie die Superverbreiter.

"Den offiziellen Zahlen traut niemand"

Viele Ärzte sind inzwischen selbst krank. Manche sind so verängstigt, dass sie sogar kündigen. Doch die Menschen berichten darüber nur noch anonym. Eine Notärztin, mit der ich gesprochen habe, hatte nämlich öffentlich erklärt, die Situation gerate allmählich außer Kontrolle. Danach wurde sie von der Staatsanwaltschaft vorgeladen. Jetzt sind alle eingeschüchtert und schweigen aus Angst vor Repressionen.

Den offiziellen Zahlen traut niemand. Sie sind nur schwer zu überprüfen. Die Menschen teilen Informationen über soziale Netzwerke. Ärzte bitten darin um Hilfe, denn es fehlt an Schutzmasken und Schutzanzügen. In Witebsk gibt es aber viele mutige, freundliche und hilfsbereite Menschen, die für Ärzte sammeln. Solch eine Aktivierung der Bevölkerung hatte es schon lange nicht mehr gegeben.

Haben die Behörden irgendwelche restriktiven Maßnahmen ergriffen?

Viele Organisationen haben sich insgeheim selbst in Quarantäne begeben - seit dem 13. und 14. März zum Beispiel alle Schuhfabriken in Witebsk. Aber die meisten Menschen gehen aus Angst weiter zur Arbeit. Offiziell können die Behörden keine Quarantäne ausrufen, da Staatschef Alexander Lukaschenko gesagt hat, das Coronavirus existiere nicht und alles sei nur eine Psychose.

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(picture-alliance/dpa/N. Fedosenko)

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Was muss Ihrer Meinung nach jetzt geschehen?

Halbherzige Maßnahmen helfen nicht, sonst gerät die Situation irgendwann außer Kontrolle. In der Stadt herrscht Panik und das Vertrauen in die Behörden ist extrem gering. Notwendig sind klare Informationen darüber, was passiert. Die Bürger haben das Recht zu wissen, wie viele Kranke und Tote es gibt.

Wir müssen auch Druck auf die Behörden ausüben, damit sie die Gefängnisse öffnen. Für die Zeit der Epidemie muss man diejenigen nach Hause schicken, die keine Gewalttaten verübt haben. Die meisten sitzen wegen Drogenhandels oder Korruption. Gefängnisse sind Orte, wo Menschen - oft mit geschwächtem Immunsystem - unter schlechten Bedingungen dicht gedrängt sind und medizinisch sehr schlecht versorgt werden. Wenn diese Infektion in die weißrussischen Gefängnisse gelangt, ist nicht abzusehen, was dort passiert.

Wie ist die Lage im benachbarten Litauen, wo Sie Ihren zweiten Wohnsitz haben?

Bis Mitte März war ich in Witebsk. Ich kam zwei Stunden vor Schließung der Grenze in Litauen an. Der Unterschied zu Weißrussland ist enorm. In Litauen werden die Zahlen zu Infizierten und Toten alle paar Stunden aktualisiert. Es gibt erläuternde Informationen und eine Hotline, daher keine Panik.

In zwei Monaten will ich wieder nach Witebsk fahren. Dann werde ich auf allen Friedhöfen der Stadt die Toten zählen. Ich bin wegen dieser Situation sehr wütend, weil sie für meine Angehörigen und Kollegen, für all die Menschen, die ich liebe und die jetzt dort sind, sehr gefährlich ist. So etwas darf man nicht mit Menschen machen.

Die 41-jährige Journalistin und Aktivistin Olga Karatsch stammt aus Witebsk. Sie leitet die von ihr gegründete Initiative "Nasch dom" ("Unser Haus"), die in Litauen registriert ist. Die Organisation setzt sich für die Bürgerrechte in Weißrussland ein.

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