Corona: Wie gut kommt Europa durch den Winter? | Europa | DW | 20.10.2021
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Pandemie

Corona: Wie gut kommt Europa durch den Winter?

Die Entwicklung von Corona-Infektionen und Todesfällen in Europa geht weit auseinander. Welchen Einfluss haben der Impfstatus und mehr oder minder drastische Hygiene-Maßnahmen? Was erwarten Länder zum Winter?

Italien

Die Demonstrationen gegen die drastischen Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung in Italien sind weitegehend abgeflaut. Seit dem 15. Oktober hat Rom die schärfsten Auflagen unter allen EU-Ländern verhängt. Jeder Arbeitnehmer muss einen Corona-Pass vorlegen, wonach er geimpft, genesen oder innerhalb von 48 Stunden negativ getestet ist. Damit haben Italiener quasi die Wahl zwischen Impfung oder Arbeitslosigkeit. Auch wer essen gehen will oder ins Kino, muss dafür den Pass vorlegen. In öffentlichen Innenräumen gilt weiter Maskenpflicht.  

Die Politik wirkt, denn mit nur derzeit 29 Neuansteckungen pro hunderttausend Einwohner gehört Italien inzwischen zu den Musterschülern in Europa. Italien war Anfang vorigen Jahres als erstes Land in Europa von der Pandemie überrollt worden und beklagte hohe Erkrankungs-und Todeszahlen.

Infografik - COVID-19 Neuinfektionen - DE

Premier Mario Draghi sich hat bei der politischen Balance zwischen staatlichen Regeln und liberaler Freiheit für strikte Vorschriften entschieden, um die Erholung der italienischen Wirtschaft zu garantieren. Dabei hilft ihm, dass eine Mehrheit der Italiener den Corona-Pass akzeptiert und bereits 80 Prozent der Erwachsenen geimpft sind. Dem früheren EU-Zentralbanker Draghi ist es auch gelungen, durch die strengen Regeln im Land die stockende Impfkampagne voranzutreiben. 

Großbritannien

Großbritannien hatte sich Anfang dieses Jahres wegen seiner schnell anlaufenden Impfkampagne in die Brust geworfen. Aber der Vorteil aus dem frühen Start scheint dahin: Einge Virologen vermuten, die Wirkung des Astra-Zeneca Impfstoffes könnte nach rund einem halben Jahr bereits wieder nachlassen. 79 Prozent der erwachsenen Briten sind inzwischen vollständig geimpft. 

Mit etwa 458 Fällen (pro 100.000) erlebt das Land derzeit einen scharfen Anstieg der Neuinfektionen. Auch die Todesfälle und Krankenhauseinweisungen sind entsprechend hoch. Die britische Regierung hatte Mitte Juli am sogenannten "Freiheitstag" quasi alle Corona-Einschränkungen aufgehoben. Seitdem werden Beschäftigte auch aufgefordert, aus dem Homeoffice an die Arbeitsplätze zurückzukehren. Der Pendlerverkehr ist fast auf den Stand vor Corona zurückgekehrt.

Großbritannien Leeds | Feier nach Aufhebung aller Corona-Maßnahmen

Im Juli feierten die Briten begeistert die Aufhebung aller Corona-Einschränkungen

Schon im Sommer hatten Experten gewarnt, die Aufhebung aller Einschränkungen komme zu früh. Jetzt fordern Vertreter des Gesundheitssystems NHS, etwa die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit wieder einzuführen und warnen vor einer "Winterkrise". Aber die Regierung lehnt neue Einschränkungen derzeit ab. Es werde insbesondere keinen weiteren Lockdown geben, versichert Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng.   

Lettland

Lettland dagegen hat gerade einen neuen Lockdown bis Mitte November verhängt. Der baltische Staat liegt mit 765 Neuinfektionen (pro 100.000) an der Spitze der europäischen Statistik, auch Todeszahlen und Krankheitsfälle zeigen steil nach oben. Nur knapp mehr als die Hälfte aller Letten sind geimpft, was den Trend in anderen osteuropäischen  Ländern bestätigt. Sie liegen fast durchgehend deutlich hinter den westeuropäischen Nachbarn, weil die Impfskepsis besonders hoch und das Vertrauen in die Behörden eher niedrig ist.

"Ich entschuldige mich bei denen, die schon geimpft sind, aber die Einschränkungen werden für alle gelten", erklärte Premierminister Krisjanis Karins am Montag. Im Lockdown werden erneut alle Restaurants, Kinos und anderen öffentliche Orte geschlossen, eine Ausgangssperre gilt von 20 Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Geöffnet bleiben nur Lebensmittelläden. Die Letten werden aufgefordert, erneut von zu Hause zu arbeiten.

Die Krankenhäuser des Landes kommen an ihre Grenzen. Sie stellen inzwischen alle Routine-Behandlungen zurück, um sich fast ausschließlich auf die COVID-Fälle auf den Intensivstationen zu konzentrieren.

Portugal

Das Gegenbeispiel liefert Portugal. Die Regierung in Lissabon hatte früh harte Lockdowns und Einschränkungen des öffentlichen Lebens verhängt, denn auch Portugal wurde zu Anfang der Pandemie überrollt. Inzwischen verzeichnet das Land niedrige Infektionszahlen (43 pro 100.000), begleitet von wenigen Todesfällen und Krankenhauseinweisungen.  Das Geheimnis liegt hier in einer beispielhaft erfolgreichen Impfkampagne. 85 Prozent der Portugiesen sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft, damit führen sie die internationale Statistik an.

Portugal Urlauber Coronavirus Pandemie

Portugals Strände sind nach einer beispielhaften Impfkampagne für Urlauber wieder geöffnet

Der Erfolg liegt in der quasi militärischen Planung der Impfkampagne durch einen Admiral der portugiesischen Marine. Er hatte im Februar die Corona "Taskforce" übernommen und nutzte große Sportanlagen, um dort wie am Fließband impfen zu lassen. Inzwischen erklärte der Offizier die Mission für erfolgreich beendet.

Was der Aktion zugute kam, ist die portugiesische Geschichte. Anfang der siebziger Jahre war eine extrem hohe Kindersterblichkeit durch ein staatliches Gesundheitssystem und flächendeckende Impfungen bekämpft worden. Seitdem ist die Akzeptanz unter Portugiesen hoch, es gibt kaum Impfskeptiker und die meisten Bürger vertrauen staatlichen Maßnahmen.

Polen

Die polnische Regierung stellte in den letzten Tagen eine Explosion von Corona-Infektionen fest. Wenn der gegenwärtige Trend anhalte, würde man "drastische Schritte" einleiten, erklärte der Gesundheitsminister am Mittwoch. Dabei schloss er jedoch die Verhängung eines neuen Lockdown noch aus. Der dramatische Anstieg kam unerwartet, in der offiziellen Statistik des europäischen Zentrums für Seuchenkontrolle schlägt er sich noch nicht nieder. Auch liegen die polnischen Zahlen weit unter denen der europäischen Spitzenreiter, wohl weil in Polen auch weniger getestet wird.

Geöffnete Kneipen in Polen trotz Lockdown

Manche Restaurantbesitzer in Polen widersetzten sich dem letzten Lockdown - auch die Impfungen laufen zögerlich

Inzwischen warnt die Regierung in Warschau vor einer vierten Corona-Welle und nennt die jüngsten Zahlen "rote Warnlichter" für nicht geimpfte Polen. Nicht nur die Neuerkrankungen, auch die Todesfälle sind derzeit auf dem höchsten Stand seit dem Frühsommer. Nur 52 Prozent der Polen sind derzeit vollständig geimpft, das ist deutlich weniger als der europäische Durchschnitt, wenn auch mehr als in anderen osteuropäischen  Ländern.

Während die Impfkampagne im Polen anfangs normal anlief, hat sie seit Monaten dramatisch an Fahrt verloren. Alle Versuche der Regierung, die Bürger zu ermutigen - wie etwa eine Lotterie für Geimpfte - zeigten keinen Erfolg. Vor Zwangsmaßnahmen wie in Italien hat sie bisher allerdings zurückgeschreckt. Nachdem Polen im vergangenen Jahr eine der höchsten Todesraten in der EU verzeichnet hatte, warnen Offizielle jetzt, die Bürger müssten sich im Winter wieder auf Beerdigungen von Angehörigen einstellen.   

Deutschland

Erschien Deutschland im vorigen Jahr als musterhaft bei der Bewältigung der Pandemie, stockt inzwischen die Impfkampagne. Nur 66 Prozent der Bürger sind vollständig geimpft, damit liegt  die Bundesrepublik hinter Frankreich, Spanien, Italien und anderen Nachbarn zurück und die Zahl der verbliebenen Impfwilligen gilt als niedrig. Besonders düster sieht es dabei in den früheren ostdeutschen Bundesländern aus. 

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Deutschland bringt die Impfung zu den Menschen

Anders als andere EU-Länder hat Deutschland auf Zwangsmaßnahmen beim Impfen völlig verzichtet. Eine Umfrage unter Krankenhauspersonal ergab, dass Impfskeptiker weiter Angst vor Nebenwirkungen haben und viele weiter abwarten wollten. In Frankreich war die Impfquote schlagartig gestiegen, als Beschäftigte im Gesundheitswesen, bei Polizei und Feuerwehr zur Impfung verpflichtet wurden und der Corona-Pass für Reisen und für den Restaurantbesuch eingeführt wurde.

Zwar liegt Deutschland in der offiziellen Statistik im Vergleich noch im unteren Bereich der wöchentlichen Neuinfektionen, aber die niedrige Impfquote dürfte Mediziner vor den nahenden Winter beunruhigen. Hinzu kommt, dass die Schutznahmen in den Bundesländern unterschiedlich strikt gehandhabt werden und weiter ein Flickenteppich von Regelungen besteht.

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