Corona und die Geheimdienste | Europa | DW | 16.03.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Coronavirus

Corona und die Geheimdienste

Auf den ersten Blick haben Spionage und die Corona-Pandemie nichts miteinander zu tun. Doch die großen Geheimdienste dieser Welt haben auch globale Krankheiten auf dem Schirm. Warum? Und wie gehen sie dabei vor?

Der deutsche Geheimdienst und SARS

Ende 2002 brach mit dem Schweren Akuten Atemwegssyndrom (SARS), einem engen Verwandten des Corona-Virus, die erste Pandemie des damals noch jungen 21. Jahrhunderts aus. Aus Südchina verbreitete sich das Virus auf der globalisierten Welt und forderte rund 800 Todesopfer. Doch die Regierung und die Kommunistische Partei in China hielten den Ausbruch der Krankheit zunächst geheim. Wie die deutsche Tageszeitung Welt nun enthüllte, lieferte der deutsche Auslandsnachrichtendienst BND (Bundesnachrichtendienst) trotzdem schon Wochen vor den offiziellen Meldungen Informationen über SARS und seine Verbreitung. Diese gingen dann an die Bundesregierung und Gesundheitsbehörden. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen hatte der BND damals Telefonate und Funkverkehr der chinesischen Regierung abgehört. Daraus gewannen die deutschen Agenten nicht nur Informationen über die Krankheit selbst, sondern auch über die anfängliche Strategie der chinesischen Regierung, den Ausbruch zu vertuschen.

Eine große Bandbreite an Mitteln der US-Geheimdienste

Ähnlich gehen nach aktuellen Medienberichten auch US-amerikanische Geheimdienste in der Corona-Krise vor: Sowohl die Nachrichtenagentur  Reuters als auch Yahoo News meldeten übereinstimmend, der Nationale Nachrichtendienstdirektor (Director of National Intelligence), dem die Gesamtheit der 17 US-Nachrichtendienste unterstehen und der dem Weißen Haus berichtet, lasse aktuelle Daten zur Herkunft, Entwicklung, Ausbreitung und Bekämpfung des Corona-Virus beschaffen und analysieren. Keineswegs ist damit nur der bekannte US-Auslandsgeheimdienst CIA betraut. Als einer der wenigen Staaten unterhalten die USA einen eigenen Nachrichtendienst für medizinische und Gesundheitsinformationen, das National Center for Medical Intelligence (NCMI), das dem Militärgeheimdienst DIA (Defense Intelligence Agency) untersteht.

Video ansehen 03:12

Wissenschaft sagt Coronavirus den Kampf an

Um Informationen über Corona zu sammeln, so gaben mit der Sachlage vertraute Quellen an, setzen die US-Dienste eine große Bandbreite an Mitteln zur Informationsgewinnung ein. Im Klartext bedeutet dies, dass nicht nur offizielle Berichte, Medien, Online-Quellen oder Social Media nach relevanten Informationen durchsucht werden. Stattdessen setzen die US-Dienste das gesamte geheimdienstliche Instrumentarium ein, von Luft- und Satellitenbildern hin zu Informanten, Agenten und abgehörter Kommunikation.

Darüber, was die Spione im Einzelnen interessiert, wird natürlich der Mantel des professionellen Schweigens ausgebreitet. Grundsätzlich muss jedoch davon ausgegangen werden, dass die USA ihre geheimdienstlichen Zugänge, vor allem in China oder Iran, verstärkt im Hinblick auf Corona einsetzen. Agenten in der chinesischen Führung oder Informanten im iranischen Gesundheitsministerium könnten zum Beispiel nach Dunkelziffern, unbekannten Verbreitungswegen oder Strategien zur Bekämpfung befragt werden; und wenn sich die amerikanischen Lauscher in die Regierungskommunikation einklinken, dann wird nun besonders hingehört, wenn es um Corona geht.     

Was bringt das?

Spionage und Geheimdienste können Corona nicht heilen und auch nicht stoppen. Doch sie können Entscheidungsträgern bessere Informationen liefern und - im Idealfall - informierte Entscheidungen ermöglichen. Unsicherheit kann so verringert, die Verbreitung der Krankheit besser nachvollzogen, Pläne und Kapazitäten zu ihrer Durchsetzung im Ausland besser eingeschätzt werden. Und natürlich geht es auch darum, politischen und wirtschaftlichen Schaden abzuschätzen und zu erkennen. Das trifft auch auf die grassierenden Desinformationskampagnen und immer schärfer werdenden, gegenseitigen Schuldzuweisungen für den Ausbruch der Pandemie zu.

Eigentlich machen Geheimdienste in der Corona-Krise also genau das, was sie immer tun: Sie beschaffen Informationen, an die sonst niemand kommt. Dies gilt insbesondere für Staaten wie China oder Iran, in deren offizielle Informationen generell wenig Vertrauen besteht. Und die vielen Grenzschließungen, Ausgangssperren und Quarantänen, die in Europa, Asien und Amerika gerade eingeführt werden, schließen natürlich auch etablierte, offizielle oder offene Informations- und Kommunikationskanäle. Gut funktionierende geheime Nachrichtendienste können da Abhilfe schaffen.

Die Redaktion empfiehlt