Uganda: Lippenlesen mit Corona-Masken aus Plastikmüll | Global Ideas | DW | 12.01.2021
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Uganda: Lippenlesen mit Corona-Masken aus Plastikmüll

Weil herkömmliche COVID-Schutzmasken ihre hörgeschädigten Mitarbeiter beim Lippenlesen behindern, kam eine Modedesignerin in Uganda auf eine ungewöhnliche Idee. Und die hilft auch gegen Ugandas Berge von Plastikmüll.

Die hörgeschädigte Bekleidungsherstellerin Agnes Nabgala trägt Covid-Maske von Kimuli Fashionability, die mit einer Folie aus aus recyceltem Kunststoff ausgestattet ist, um das Lippenlesen zu ermöglichen

Schutz und Sichtbarkeit zugleich: Diese Corona-Schutzmaske ermöglicht das Lippenlesen

Als Juliet Namujju fünf Jahre alt war, hatten ihre Eltern in einen Verkehrsunfall. Ihre Mutter kam ums Leben, der Vater verlor beide Beine. Juliet lebte fortan bei ihrer Großmutter, einer Schneiderin. Immer wieder erlebte sie, welche Schwierigkeiten ihr Vater durch seine Behinderung meistern musste, und wie sehr Menschen mit Behinderungen diskriminiert werden.

Bereits als Kind kämpfte die heute 24-Jährige gegen die Vorurteile, die ihrem Vater wegen seiner Behinderung entgegenschlugen. Als Erwachsene hat es sich Juliet Namujju zur Aufgabe gemacht, "die Denkweise der Menschen gegenüber Personen mit Behinderungen zu ändern. Ich wurde groß, um dagegen zu kämpfen", sagt sie. Heute nutzt die junge Modedesignerin ihre mutigen Kleidungsentwürfe nicht nur, um Menschen mit Behinderungen zu helfen, sondern auch, um Ugandas Müllproblem zu lösen.

Nachhaltiges Modedesign von Anfang an

Schon als Kind habe sie aus Resten von der Nähbank ihrer Großmutter Spielzeug gebastelt, erzählt Namujju. "Ich habe immer schnell alles eingesammelt, [die Stoffreste] mit Plastikmüll, Flaschen und anderem Kunststoff kombiniert und dann daraus kleine Bälle und Puppen zum Spielen genäht."  

Portrait-Aufnahme der Modedesignerin Juliet Namujju in Mpigi, Uganda

Juliet Namujju - mit Mode gegen die Diskriminierung und Ugandas Müllproblem

Im Alter von nur 21 Jahren, gründete Namujju das Modelabel Kimuli Fashionability. In ihrem Unternehmen in der zentralugandischen Stadt Mpigi beschäftigt sie Menschen mit Behinderungen, die Plastik- und andere Abfälle durch Upcycling in spektakuläre Kleidung und Accessoires verwandeln. Das neuste Produkt: Mund-Nasen-Masken zum Schutz gegen das Coronavirus - und zwar ganz besondere Masken.

Als sich in Uganda der pandemiebedingte Lockdown im Mai auflöste und Namujju mit ihrem Team wieder in der Werkstatt arbeiten durfte, stellte sie fest, dass die Hörgeschädigten - etwa die Hälfte ihrer 25 Mitarbeiter - ein Problem hatten: Die Schutzmasken, die gegen die Ausbreitung von COVID-19 getragen wurden, hinderten sie am Lippenlesen. 

Corona-Masken für die Inklusion  

"Wir setzten uns mit einigen der Hörgeschädigten zusammen [und fragten uns], wie wir unsere Maske von anderen abheben können - eine Maske, von der auch Menschen profitieren, die nicht hören oder sprechen können."  

Namujju und ihr Team entwickelten ein Design, bei dem ein transparentes Sichtfenster aus behandeltem Kunststoffabfall in eine Maske aus Stoff - normalerweise Baumwolle - eingepasst und mit einem elastischen Band und einem Filter versehen wird.  

Eine Frau wäscht Plastikfolie in einem Bottich in Mpigi, Uganda

Zaharah Nabirye säubert Plastikfolie, die später zu modischen Accessoires wie etwa Umhängetaschen verarbeitet wird

Das Sichtfenster beschlage zwar oft, berichtet Rose Nakangu, die selbst hörgeschädigt ist und für Kimuli Fashionability in der Maskenherstellung arbeitet. Dennoch es sei eine große Verbesserung gegenüber der Standardmaske. Die Kimuli-Masken seien bequem zu tragen und das Atmen falle leicht.   

Seit Juni hat Kimuli Fashionability mehr als 2000 dieser lippenlesefreundlichen Masken verkauft, unter anderem 600 Stück an Diversability, eine in Los Angeles ansässige Organisation, die die Arbeit  von Menschen mit Behinderungen unterstützt.  

Eine Frau stellt mit einer Nähmaschine in Mpigi, Uganda, eine Corona-Schutzmaske her

Die hörgeschädigte Schneiderin Rose Nakangu arbeitet an einer Gesichtsmaske von Kimuli Fashionability

Und das Team ist hoch motiviert, mit der Nachfrage Schritt zu halten. "Ich möchte hart arbeiten, damit wir mehr von diesen durchsichtigen Masken herstellen und an [hörgeschädigte] Kinder verteilen können", sagt Agnes Nabagala, eine alleinerziehende Mutter, die selbst hörgeschädigt ist und seit drei Jahren bei Kimuli Fashionability als Näherin tätig ist.  

Ein anderer Blick auf Plastikmüll

Müll ist ein großes Problem in Uganda. Viel davon, darunter auch riesige Mengen an Plastik, wird nicht ordnungsgemäß entsorgt, und türmt sich in den Straßen von Städten wie Mpigi.

Ein Teil dieses Mülls erhält Kimuli Fashionability nun über die Social Innovation Academy, einem Zentrum für Sozialunternehmen in der Stadt, das Frauen für das Einsammeln von Abfall in den Gemeinden bezahlt. In der Kimuli-Näherei wird der Müll gereinigt und verarbeitet.

Mitarbeiterinnen von Kimuli Fashionability präsentieren die Corona-Masken zum Lippenlesen, in Mpigi, Uganda

Viele Mitarbeiterinnen von Kimuli Fashionability sind Menschen mit Behinderungen, darunter die hörgeschädigten Schneiderinnen Agnes Nabagala (z.v.l.) und Debroah Nakabira (d.v.l.)

Kimuli bedeutet Blume in der lokalen Sprache Luganda. "Wenn ich Abfall betrachte, sehe ich etwas Schönes, wie eine Blume", erklärt Namujju den Namen ihrer Marke. Doch diesen Blick teilt längst nicht jeder. Ausländer kauften ihre Designs gerne, berichtet Namujju. Doch es sei schwierig, die Ugander davon zu überzeugen, dass Weggeworfenes als begehrenswerte Mode wiedergeboren werden könne. "Für viele ist es immer Abfall", sagt sie.  

Upcycling statt Verschwendung

2019 organisierte Kimuli Fashionability eine Modenschau in Mpigi, um das Image von Kleidung aus recycelten Materialien aufzuwerten und einen lokalen Kundenstamm zu gewinnen. Das junge Unternehmen hofft, die Veranstaltung in diesem Jahr wiederholen zu können - selbst wenn sie dieses Mal virtuell stattfinden muss.

Namujju ist überzeugt, dass Bekleidung aus Müll das Abfallproblem ihres Landes tatsächlich verringern könnte, wenn genug Menschen bereit wären solche Mode zu tragen. "Leute von außerhalb tragen diese Jacken. Aber warum nicht Ugander? Das macht uns wirklich traurig", sagt Namujju. "Wir wollen, dass 90 Prozent der Ugander diese Jacken, diese Masken tragen, weil ich denke, dass wir damit auch die Plastikmüllproblem in Uganda reduzieren können." 

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