Corona lässt Airlines taumeln | Wirtschaft | DW | 16.03.2020
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Luftfahrt

Corona lässt Airlines taumeln

Wegen der Corona-Krise müssen viele Airlines ihre Flugpläne drastisch zusammenstreichen. Einige fürchten um ihre Existenz und rufen nach Staatshilfe. Die Bundesregierung will zunächst abwarten.

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf das Reisen zwingt Fluggesellschaften weltweit zu drastischen Einschnitten.

Die australische Beratungsgesellschaft "Capa Center for Aviation" warnt bereits vor einer Pleitewelle in der Branche. Schon Ende Mai könnte ein Großteil der internationalen Fluggesellschaften zahlungsunfähig sein, schreibt Capa. 

Die vielfältigen Reiseeinschränkungen durch die nationalen Regierungen hätten bereits jetzt zahlreiche Gesellschaften an den Rand der Insolvenz getrieben, so Capa. Die Barreserven schmelzen angesichts der Flottenstilllegungen und nur noch weniger als halbvollen Flüge, hieß es weiter.

Nur noch wenige Flüge 

Die Lufthansa fährt wegen der Einreisestopps von immer mehr Ländern in der Corona-Krise den Flugplan massiv zurück. Ab Dienstag werden nur noch zehn Prozent der Langstreckenflüge und 20 Prozent der Flüge in Europa abheben, wie die Airline am Montag mitteilte. In dieser Woche seien noch mehr als 20 Sonderflüge von Lufthansa, Eurowings und Austrian Airlines geplant, damit rund 6000 Passagiere nach Hause zurückkehren könnten, erklärte ein Sprecher. Außerdem will sich das Unternehmen durch Sparen, Kurzarbeit und die Aussetzung der Dividende für 2019 gegen die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise wappnen. 

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte bereits in der vergangenen Woche angekündigt, dass die Airline bei einer weiteren Verschärfung der Krise um staatliche Hilfen  bitten würde.  

Bei TUI, dem weltgrößten Touristikkonzern, ist das bereits der Fall. Das Unternehmen stoppt wegen des Coronavirus den größten Teil seines Geschäfts und beantragt zur Überbrückung Staatshilfe.

Auch der angeschlagene Ferienflieger Condor prüft diesen Schritt, teilte das Unternehmen mit. Es hatte erst im vergangenen Jahr einen staatlichen Überbrückungskredit von 380 Millionen Euro erhalten, um sich vor der Pleite des Mutterkonzerns Thomas Cook retten zu können. Condor fand mit der staatlichen polnischen Fluggesellschaft schließlich einen Käufer. Deren Airline LOT stellte wegen der Corona-Krise mittlerweile weitgehend den Flugverkehr ein.

Auch die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines (AUA) wird ihren regulären Flugbetrieb ab Donnerstag (19.3.) einstellen.

Krisengipfel in Berlin

Unterdessen hat die Bundesregierung mit Vertretern der Luftfahrtindustrie bei einem Krisentreffen in Berlin über die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Unternehmen gesprochen.

Nach dem Treffen betonte Thomas Jarzombek, Regierungskoordinator für Luft-und Raumfahrt, die "Systemrelevanz" des Luftverkehrs. Vor allem Frachtflüge sollen trotz der Corona-Krise aufrecht erhalten werden, so Jarzombek. Sie hätten große Bedeutung für die Lieferketten und dafür, dass andere Industrien nicht zum Erliegen kommen. 

Zusätzliche Hilfen für die Fluggesellschaften sind nach Ansicht der Bundesregierung allerdings nicht nötig. Die bislang verabschiedeten Maßnahmen - ein ausgeweitetes Kurzarbeitergeld, Liquiditätshilfen und Steuerstundungen - reichten zunächst aus, sagte Jarzombek. Später werde entschieden, ob es weitere Hilfen geben müsse.

"Die Verstaatlichung von Unternehmen ist definitiv nicht das Ziel", sagte Jarzombek zur einer möglichen Beteiligung an der Lufthansa. Ein Sprecher der Lufthansa erklärte, die Airline begrüße das Krisenmanagement der Bundesregierung.

Die Flugbegleitergewerkschaft UFO kritisierte hingegen, Kurzarbeitergeld und Kredite reichten bei weitem nicht aus, um die Branche durch die schwere Krise zu bringen.

Berlin: Parkende Lufthansa Flugzeuge (Getty Images/S. Gallup)

Wegen des Coronavirus bleiben Maschinen am Boden, wie hier in Berlin

Europäische Airlines in der Krise

Auch Lufthansa-Konkurrenten wie Air France KLM, die British Airways Mutter IAG und der Billigflieger Easyjet reduzieren ihr Flugangebot drastisch.

"Die europäische Luftfahrt steht vor einer gefährlichen Zukunft, und es ist klar, dass eine koordinierte staatliche Unterstützung nötig sein wird, um das Überleben der Branche zu sichern und ihre Tätigkeit auch nach der Krise fortzusetzen", sagte Easyjet-Chef Johan Lundgren am Montag.

Die British-Airways-Mutter IAG teilte mit, sie werde ihre Kapazitäten im April und Mai um mindestens 75 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum reduzieren. Zur IAG-Gruppe gehören auch die spanische Iberia, die irische Aer Lingus und die Billiglinien Level und Vueling.

Trotzdem habe IAG bisher nicht vor, um Staatshilfen zu bitten, sagte IAG-Konzernchef Willie Walsh. "Ich denke, dass einzelne Fluggesellschaften sich an Regierungen gewandt haben, um staatliche Beihilfen zu erhalten, wir haben dies nicht getan", so Walsh in einer Telefonkonferenz mit Investoren.

Nicht alle wollen Staatshilfen

"Die Regierungen würden von den Fluggesellschaften erwarten, dass sie sich um Selbsthilfe bemühen, bevor sie die Regierungen um staatliche Beihilfen bitten", so Walsh weiter. IAG werde sich aber um staatliche Unterstützung zugunsten der Beschäftigten bemühen.

Um das Überleben der Fluggesellschaft zu sichern, sollen zudem Ausgaben eingefroren, Arbeitszeiten verkürzt und Arbeitsverträge vorübergehend ausgesetzt werden. IAG und Easyjet zogen ihre Prognosen für das laufende Geschäftsjahr wegen der Unsicherheit zurück.

Europas größter Billigflieger Ryanair streicht sein Flugprogramm um bis zu 80 Prozent zusammen. Unternehmenschef Michael O'Leary gab sich zuversichtlich: "Ryanair ist ein belastbarer Airline-Konzern mit einer starken Bilanz und erheblichen Barreserven", sagte er am Montag. "Wir können und werden durch angemessenes und zeitiges Handeln auch eine längere Zeit mit weniger oder sogar gar keinen Flügen überstehen." Zu Ryanair gehören auch die österreichische Airline Lauda und die polnische Fluglinie Buzz.

Auch die französisch-niederländische Fluggesellschaft Air France KLM wird ihre Flotte zum großen Teil auf dem Boden lassen. Zwischen 70 und 90 Prozent der Flüge sollen gestrichen werde, teilte der Konzern mit. Die finanziellen Auswirkungen seien noch nicht absehbar.

Zudem sollen 200 Millionen Euro an Kosten eingespart und Investitionen um 350 Millionen Euro gekürzt werden. Die Airline begrüßte Äußerungen der französischen und niederländischen Regierungen zu möglichen Staatshilfen. Der Konzern erklärte ferner, Air France werde die gesamte Airbus 380-Flotte und KLM seine gesamte Boeing-747-Flotte am Boden halten.

Aktienkurse im Sinkflug

An den Börsen gehören die Aktien der Fluggesellschaften am Montag zu den größten Verlierern. Papiere der Lufthansa lagen am Mittag mit rund zwölf Prozent im Minus, AirFrance KLM und Ryanair mit jeweils rund 17 Prozent. IAG und Easyjet verloren rund ein Viertel ihres Wertes, TUI sogar 34 Prozent.

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Auswirkungen auf Fluggesellschaften massiv

In den USA kündigte American Airlines eine Reduzierung der internationalen Flüge um 75 Prozent an. Dies gelte zunächst bis zum 6. Mai. Die Flüge innerhalb der USA würden im April um 20 Prozent gekappt. Die Konkurrenten Delta und Southwest kündigten ebenfalls stark ausgedünnte Flugpläne an, nannten aber noch keine Zahlen.

Die US-Fluggesellschaften hatten zunächst nur Flüge von und nach China sowie Italien ausgesetzt. Ab Freitag um Mitternacht trat ein Einreiseverbot für Reisende aus Europa in Kraft, ab Dienstag gilt es auch für Reisende aus Großbritannien und Irland.

In Neuseeland streicht Air New Zealand sogar 85 Prozent der Langstreckenflüge; der Handel mit den Aktien der Airline wurde am Montag ausgesetzt. Unternehmenschef Greg Foran kündigte Stellenstreichungen an, nannte aber keine Zahlen.

bea/bh (dpa, reuters, afp)

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