Corona-Krise verstärkt Migration nach Europa | Europa | DW | 09.10.2021
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Flüchtlinge

Corona-Krise verstärkt Migration nach Europa

Die irreguläre Einwanderung nach Europa ist während der Corona-Pandemie zurückgegangen. Nach den Lockerungen wächst die Zahl der Schutzsuchenden wieder. Was bedeutet diese Entwicklung für die Migranten und die EU?

Bis zu vier Wellen der Corona-Pandemie haben die Staaten in Europa überstanden. Für viele Menschen ist die nun eingeleitete Normalisierung des Alltags, das Eintauchen in Menschenmengen, ein seltsames Gefühl. Der Höhepunkt der Pandemie scheint hinter Europa zu liegen; die Masken sind an vielen Orten gefallen, neue Lockdowns unwahrscheinlich. Dank hoher Impfquoten hoffen viele EU-Länder auf eine bessere Zukunft. Durch die Grenzschließungen während der Pandemie und die restriktiven Maßnahmen überall auf der Welt hat sich die illegale Einwanderung in die EU im vergangenen Jahr deutlich reduziert. Nun steigen die Zahlen aber wieder - und Corona könnte erneut zum wichtigen Faktor in der Migrationskrise werden.

Grenzschließungen haben die Migration in die EU reduziert

Mehr als anderthalb Jahre nach Beginn der Pandemie zeigen Daten und Analysen, wie sich die Corona-Beschränkungen in den EU-Staaten auf Migranten und Asylsuchende ausgewirkt haben. Grenzkontrollen, Reisebeschränkungen und andere Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus haben zunächst zu einem starken Rückgang der Migration nach Europa geführt. Laut EU-Kommission "verzeichnete die EU 2020 insgesamt einen Rückgang der Asylanträge um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr". Parallel dazu sank die Zahl der irregulären Grenzübertritte auf ein Niveau, das zuletzt 2013 erreicht wurde.

Grenzkontrollen an der oesterreichisch ungarischen Grenze

Verschärfte Grenzkontrollen - wie hier in Ungarn - haben vorübergehend zu einem Rückgang der Migration in die EU geführt

In einigen Fällen konnten Asylsuchende ihre Anträge erst gar nicht in der EU stellen. Durch die Corona-Beschränkungen wurden Asylsuchende zeitweise unter unhygienischen Bedingungen festgehalten, zum Beispiel auf der griechischen Insel Lesbos, oder sie wurden in den Ankunftsländern unter Quarantäne gestellt. Der Kampf gegen Corona in der EU hat jedoch nicht nur die Zuwanderung nach Europa verringert, sondern auch die Migrationsströme verändert. Vor allem durch die Grenzschließungen in Griechenland wurde das östliche Mittelmeer für Migranten unattraktiver. In der Folge verlagerte sich die Fluchtroute auf das für die Überfahrt gefährlichere zentrale Mittelmeer.

Starkes Wachstum auf Flüchtlingsrouten

Nach dem Rückgang der Migration 2020 zeichnen die jüngsten Daten der EU-Grenzschutzagentur für das Jahr 2021 ein anderes Bild. Nach Angaben von Frontex ist die irreguläre Migration in die EU von Januar bis August 2021 im Vergleich zum Vorjahr um 64 Prozent gestiegen. Auf der Westbalkanroute, die über die Türkei durch Balkanländer wie Albanien, Serbien und Nordmazedonien führt, und auf der zentralen Mittelmeerroute sind in diesem Jahr fast doppelt so viele Menschen unterwegs wie 2020. "Der Anstieg kann auf die Wiederaufnahme der Migrationsbewegungen nach der Aufhebung der COVID-19-Beschränkungen zurückgeführt werden", analysiert Frontex. 

Im östlichen Mittelmeer ging die Zahl der illegalen Grenzübertritte allerdings zurück, was wahrscheinlich mit den Grenzschließungen Griechenlands zusammenhängt. Die zentrale Mittelmeerroute ist die aktuell meistbefahrene und tödlichste aller Migrationsrouten nach Europa. Von den rund 41.000 Menschen, die im Jahr 2021 (bis August) als illegal eingereist registriert wurden, stellte Tunesien die mit Abstand größte Gruppe der Herkunftsstaaten. Danach folgten Bangladesch und Ägypten. 

Italien I Migration im Mittelmeer

Auch durch die Folgen von Corona wagen immer mehr Flüchtlinge die Überfahrt über das zentrale Mittelmeer

Parallel zur Verdoppelung der illegalen Überfahrten über die zentrale Mittelmeerroute von 2020 auf 2021 verzeichnete die Internationale Organisation für Migration (IOM) bis September dieses Jahres 1163 auf See vermisste Migranten in der Region - im Vergleich zu 619 offiziell registrierten Toten im Mittelmeer im gleichen Zeitraum des Vorjahres. "Was wir leider sehen, ist ein weiteres Jahr, in dem mehr als tausend Menschen unnötigerweise gestorben sind", sagt Julia Black, Projektmitarbeiterin im Global Migration Data Analysis Center (GMDAC) der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Auch auf der westlichen Balkanroute gab es doppelt so viele illegale Überfahrten wie im Vorjahr. Dort stammten die meisten Personen aus Syrien, Afghanistan und Marokko.

Infografik Karte Illegal Border Crossings DE

Corona-Krise treibt die Menschen nach Norden

"Die soziopolitische und wirtschaftliche Instabilität in Verbindung mit den negativen und dauerhaften Auswirkungen der COVID-19-Gesundheitskrise verstärken die Unzufriedenheit der Bevölkerung und könnten die bestehenden Push-Faktoren für die irreguläre Migration in die EU noch verschärfen", schreibt die EU-Grenzschutzagentur Frontex in ihrem aktuellen Bericht. Zahlreiche Analysten sind sich einig, dass COVID-19 eine wichtige Erklärung für den Anstieg der irregulären Migration nach Europa ist.

"Man kann mit Sicherheit sagen, dass COVID die Push-und Pull-Faktoren, die die irreguläre Migration nach Europa vorantreiben, verstärkt hat und weiter verstärken wird", sagt Martin Hofmann, ein leitender Berater des International Centre for Migration Policy Development (ICMPD). "In Tunesien zum Beispiel haben der Rückgang des Tourismus und die daraus resultierenden Einkommenseinbußen eine beträchtliche Anzahl von Tunesiern dazu veranlasst, auf irregulärem Weg nach Europa auszuwandern."

Tunesien | Coronavirus | Ausgangssperre

Corona und die Wirtschafts- und Tourismuskrise haben nicht nur Tunesien hart getroffen

Hofmann erklärt einen Teil des Migrationsanstiegs nach Europa im Jahr 2021 mit einem "Aufholen" des Rückstands aus dem vergangenen Jahr. Außerdem steige die Zahl der Migranten wieder, die als Saisonarbeiter nach Europa kommen. Ein weiterer wichtiger Migrationsfaktor sei die ungleichmäßige wirtschaftliche Erholung in den verschiedenen Ländern. "Erste Trends sprechen für zunehmende Ungleichgewichte, die mehr Faktoren für Migration in Richtung der reichen (und sich schneller erholenden) Länder des globalen Nordens schaffen", analysiert Hofmann. Solche verstärkten Migrationsströme haben ihrerseits wiederum Auswirkungen auf die Wirtschaft - und auf die Corona-Infektionszahlen in den Zielländern.

Corona-Anfälligkeit von Migranten

Untersuchungen haben gezeigt, dass Migranten anfälliger für die Ausbreitung des Coronavirus sind - und stärker unter COVID-19 zu leiden haben. "Bei irregulären und gering qualifizierten Migranten führen ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen dazu, dass die Inzidenzrate von COVID-19-Infektionen und leider auch von Todesfällen bei ihnen tendenziell höher ist als bei Nicht-Migranten", so Asha Manoharan, Datenanalystin im GMDAC der IOM. Irreguläre Migranten haben in der Regel auch nur einen sehr eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung - und auch zu COVID-Impfungen, so Manoharan. Die IOM hat herausgefunden, dass "nur 33 Prozent von 152 Ländern weltweit irreguläre Migranten in ihre offiziellen nationalen Impfpläne aufgenommen haben." 

Arbeitsmigration Europa Afrikanische Arbeiter bei der Erdbeerernte in Spanien

Die europäische Landwirtschaft ist auf afrikanische Arbeitsmigranten wie diese marokkanische Erntehelferin angewiesen

Dabei spielten Migranten als Arbeitskräfte in Europa und auf der ganzen Welt eine große Rolle. Schätzungsweise 13 Prozent aller wichtigen Arbeitskräfte in der EU sind Einwanderer. Darüber hinaus sind viele EU-Länder auf saisonale Arbeitsmigranten angewiesen - wie während der Erntesaison in der Pandemie deutlich wurde. Insgesamt hat die Anfälligkeit von Einwanderern für COVID-19 Auswirkungen, die sich auf die Volkswirtschaften in der Europäischen Union auswirken. Aus Sicht von IOM-Analystin Manoharan sollten die EU-Staaten konkrete politische Maßnahmen ergreifen, um Migranten besser vor Corona zu schützen. "Die gezielte Einbeziehung irregulärer Migranten in die Pläne für Gesundheitsversorgung und Impfungen" könnte hier ein wichtiger Baustein sein.