Corona-Krise und Roma: Die vergessene Risikogruppe | Europa | DW | 04.04.2020
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Coronavirus

Corona-Krise und Roma: Die vergessene Risikogruppe

In Mittel- und Südosteuropa leben Hunderttausende Roma in Elendssiedlungen - hier bahnt sich ein Corona-Desaster an. Doch statt den Betroffenen zu helfen, setzen Regierungen oft Polizei und Militär ein.

Ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, Ärzte und medizinisches Personal - sie sind in der Corona-Krise die am meisten Gefährdeten. Über eine große und besondere Risikogruppe in Europa spricht die Öffentlichkeit jedoch kaum: über Millionen armer Roma. Für viele von ihnen, vor allem in Mittel- und Südosteuropa, könnte sich bald eine gesundheitliche und humanitäre Katastrophe anbahnen.

Die meisten von ihnen leben unter Elendsbedingungen und überwiegend ohne Möglichkeiten zur Hygiene. Zudem können viele ihre informellen Beschäftigungen wie Schrott- und Plastiksammeln oder Straßenhandel mit Lebensmitteln, Haushaltswaren oder Blumen zur Zeit nicht mehr ausüben.

Roma-Organisationen schlagen Alarm

Doch nicht nur das. Viele Roma sind, neben dem ohnehin verbreiteten Antiziganismus, derzeit auch einer besonderen Stigmatisierung ausgesetzt: Einige Länder wie die Slowakei, Rumänien und Bulgarien haben neben den allgemeinen Beschränkungen zusätzliche Maßnahmen für Roma-Siedlungen ergriffen - diese werden präventiv unter Quarantäne gestellt oder polizeilich abgeriegelt.

Bulgarien Roma Viertel Stolipinovo (DW/V. Bojilova)

Roma-Viertel Stolipinovo im bulgarischen Plovdiv

Roma-Organisationen in Europa sind deshalb alarmiert. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma etwa befürchtet, dass "rechtsextreme und nationalistische Politiker in Mittel- und Südosteuropa die gegenwärtige Corona-Krise nutzen, um ihre rassistischen Positionen als Regierungshandeln zu legitimieren und umzusetzen", wie es in einer Stellungnahme heißt. Auch der Berichterstatter für Roma der parlamentarischen Versammlung des Europarats, der tschechische Parlamentsabgeordnete František Kopřiva, warnt: "Statt zu versuchen, Roma als durch das Corona-Virus besonders gefährdete Gruppe zusätzlich zu schützen, heizen einige Politiker Antiziganismus aktiv an."

Besonders gefährdet: Elendssiedlungen

Etwa zehn bis zwölf Millionen Roma gibt es in Europa - sie sind die größte Minderheit des Kontinents. Fast die Hälfte aller europäischen Roma lebt in sieben mittel- und südosteuropäischen Ländern: Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Mazedonien. Dort finden sich auch einige der berüchtigtesten europäischen Elendssiedlungen, etwa Lunik IX am Rande der ostslowakischen Großstadt Kaschau (Košice), Stolipinovo im bulgarischen Plovdiv, Ferentari in der rumänischen Hauptstadt Bukarest oder Shuto Orizari nahe der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje.

Gemeinsam ist ihnen und anderen derartigen Siedlungen, dass dort Menschen in großer Zahl auf engstem Raum zusammenleben. Häufig haben Familien, in denen drei oder vier Generationen zusammenwohnen, nur ein oder zwei Räume zur Verfügung. Außer einigen wenigen gemeinschaftlichen Wasserhähnen auf der Straße gibt es in solchen Siedlungen meistens kein fließendes Wasser und keine Kanalisation. Es sind ideale Bedingungen für die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten wie COVID-19.

Obwohl die Lebensbedingungen der Roma und die Zustände in den Elendssiedlungen in allen mittel- und südosteuropäischen Ländern weithin bekannt sind, gibt es in der jetzigen Corona-Krise nirgendwo zentrale Maßnahmen, um einer blitzartigen und massenhaften Ausbreitung des Coronavirus vorzubeugen, etwa die Einrichtung einer besseren Wasserversorgung. Željko Jovanović, der das Roma-Programm der Open Society Foundation leitet, warnt jedoch davor, die Versorgung von armen Roma weiter zu vernachlässigen. "Bisher hat die Mehrheitsgesellschaft den Umstand ignoriert, dass Arbeitslosigkeit unter Roma schlecht für die ganze Wirtschaft ist und dass rechtsextreme Angriffe auf Roma schlecht für die Demokratie sind", sagt Jovanović der DW. "Jetzt muss klar sein, dass der Gesundheitsschutz für Roma direkte und sofortige Konsequenzen für Nicht-Roma hat."

Sozialprogramme sind dringend notwendig

In der Slowakei hat die neue rechtskonservativ-nationale Regierung das Problem inzwischen erkannt - allerdings nicht, ohne in zweifelhafter Weise vorzugehen. Der Regierungschef Igor Matovič kündigte in dieser Woche Massentests von Roma auf das Coronavirus in zunächst 33 Siedlungen an, womit am Freitag begonnen werden sollte. Dabei sollten vor allem Menschen, die kürzlich aus dem Ausland zurückgekehrt sind, getestet werden. Vorgenommen werden die Tests von Militärärzten, begleitet von Soldaten. Je nach Testergebnis sollen dann einzelne Bewohner auf staatliche Quarantäne-Stationen kommen oder ganze Siedlungen unter Quarantäne gestellt werden.

Laut Matovič sei das militärische Vorgehen "keine staatliche Demonstration der Stärke", es gehe nur um die Sicherheit der Roma selbst. Der in dieser Woche abgesetzte Roma-Beauftragte der im Februar abgewählten slowakischen Regierung, Ábel Ravasz, kritisierte die Maßnahme gegenüber dem Nachrichtenportal Parameter scharf: Der Einsatz von Militär stigmatisiere die Roma, statt ihnen das Gefühl zu geben, dass der Staat ihr Partner sei, so Ravasz.

In Rumänien und Bulgarien wiederum werden einige größere Roma-Siedlungen von Polizei und Gendarmerie abgesperrt, da viele Bewohner in den letzten Tagen aus dem Ausland zurückgekehrt sind und zudem offenbar teilweise massiv gegen Quarantäne-Regeln verstoßen. Im südostrumänischen Țăndărei beispielsweise, wo viele Roma leben, patroullieren derzeit Dutzende maskierter Einsatzpolizisten, die Stadt ist abgeriegelt. Auch in Bulgarien sind Roma-Viertel in den Städten Nova Sagora, Kazanlak und Sliven abgeriegelt.

Keine Reaktion der Regierung

Jenseits solcher polizeilicher und militärischer Maßnahmen erhalten arme und besonders gefährdete Roma bisher nur in wenigen Einzelfällen besondere staatliche Hilfen. In der Slowakei stellten einige Kommunen in Roma-Siedlungen eine mobile Trinkwasserversorgung zur Verfügung. In Rumänien ließ das Bürgermeisteramt der siebenbürgischen Stadt Klausenburg (Cluj) vergangene Woche Lebensmittel- und Hygienepakete an 300 Familien verteilen, die am Stadtrand neben der Mülldeponie Pata Rât leben.

In Ungarn, wo vor allem im Osten des Landes viele Roma unter Elendsbedingungen hausen, hat der Roma-Aktivist und Vorsitzende des ungarischen Roma-Parlaments, Aladár Horváth, ein spezielles Sozialprogramm für Bewohner segregierter Siedlungen gefordert. In einem Schreiben an die Regierung und den Staatspräsidenten schlug er ein Neun-Punkte-Programm zum Krisenmanagement für arme Roma vor. "In den gettoisierten Gebieten haben die Bewohner keine Ersparnisse, keine Vorräte, es gibt dort keine ärztliche Versorgung, und es wächst die Furcht, dass man seinen Kindern nicht mehr zu essen geben kann", schreibt er. Eine Antwort erhielt er bisher nicht.

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