Corona-Krise: Droht Engpass bei polnischen Betreuungskräften? | Deutschland | DW | 18.03.2020
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Folgen der Pandemie

Corona-Krise: Droht Engpass bei polnischen Betreuungskräften?

Rund 600.000 Betreuungskräfte aus dem Ausland versorgen kranke und bettlägerige Menschen in Deutschland. Die meisten von ihnen kommen aus Polen - und haben derzeit massive Probleme bei der Ein- und Ausreise.

18 Stunden Wartezeit am Grenzübergang Jedrzychowice an der A4 bei Görlitz. 12 Stunden dauert es in Olzyna an der A15 nahe Cottbus oder in Swiecko an der A12 bei Frankfurt (Oder), bis man die Grenze passieren kann, erzählt eine Sprecherin des polnischen Grenzschutzes.

Ihr Kollege Heiko Teggatz von der Bundespolizeigewerkschaft informiert, dass die Anweisungen an den Grenzen zum Schutz vor dem Coronavirus ohne Ausnahme "strikt befolgt werden", stellt aber klar, dass die vor allem in sozialen Medien kursierenden Gerüchte, die deutsch-polnische Grenze sei generell geschlossen, Falschmeldungen seien. Richtig sei vielmehr, dass Personen, die triftige Gründe vorbringen können, wie etwa die Betreuung von pflegebedürftigen Personen, natürlich passieren können.

Allerdings gibt es zur Stunde immer noch keine einheitlichen offiziellen Passierscheine. Die EU ist in ihren Ursprüngen eine rein wirtschaftliche Unternehmung gewesen. Viele soziale Aspekte bedürften deshalb dringend einer "Nachbesserung", meint Teggatz. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht seien eben auch viele Zivildienstleistende weggefallen, die jahrelang bei der Pflege helfen konnten.

Böse Falle bei der Heimreise

Problematisch sind beim Grenzübertritt nicht nur die langen Wartezeiten an der Grenze. Viel gravierender wirkt sich aus, dass polnische Betreuungskräfte in der Regel alle sechs Wochen oder spätestens alle drei Monate die Familie verlassen, in der sie älteren und kranken Menschen geholfen haben.

Coronavirus - Lange Staus an der Grenze zu Polen (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Lastwagen stauen sich auf der Autobahn vor dem deutsch-polnischen Grenzübergang.

Dann erfolgt, um der Betreuungskraft eine Erholungsphase zu ermöglichen, ein Wechsel mit einer anderen - oft durch eine deutsche Vermittlungsagentur organisierten - Kraft. Die böse Falle droht dann bei der Rückkehr nach Polen. Dort muss nun nämlich eine vierzehntägige Quarantäne befolgt werden. Diese Zwangspause fürchten nicht nur Betreuungskräfte, sondern vor allem ihre Fahrer. Von ihnen verweigern immer mehr die sonst üblichen An- und Abfahrten von polnischen Betreuungskräften. Hinzu kommt: Oft ist auch das Fahren in Bussen verboten, um eine dichte Menschenansammlung zu vermeiden.

Nur mit aufwendigen Tricks

Einige Vermittlungsagenturen lassen jetzt ihre Betreuungskräfte aus Polen zu Fuß über die Grenze nach Deutschland gehen. Auf deutscher Seite warten dann private Kleinbusse oder private PKW, um die Kräfte aufzupicken und an ihre Bestimmungsorte zu fahren. Eine ungeheure Organisationsarbeit, die derzeit viel Energie kostet und unklar lässt, wie lange das noch gut gehen kann. "Wir halten über einen extra eingerichteten Blog im Internet Kontakt und tauschen uns mit den Angehörigen der Betreuungsbedürftigen aus", berichtet Franziska Underberg, Sprecherin der "Pflegehelden-Franchise GmbH" aus Itzehoe.

Grenzschließung Polen Deutschland Slubice Coronakrise (DW/W. Szymanski )

Polnische Staatsbürger dürfen in ihre Heimat einreisen, allerdings müssen sie in Quarantäne

Diese Agentur alleine beschäftigt mit einer offiziellen sogenannten A1-Bescheinigung an 60 Standorten in Deutschland rund 2500 Betreuungskräfte. Weil diese Menschen in der Regel keine entsprechende Ausbildung als Krankenpfleger haben, dürfen sie nicht Pflegekräfte genannt werden. Sie helfen im Haushalt, übernehmen Handreichungen und passen auf ihre "Patienten" auf.

Deshalb lebt eine Betreuungskraft oft auch 24 Stunden im Haus der betreuten Person - und bekommt dafür fast zweimal so viel Lohn wie sie in Polen für dieselbe Betreuungstätigkeit bekäme. In Deutschland wiederum kostet die Dienstleistung nur die Hälfte dessen, was ein entsprechendes Betreuungsangebot in einem Pflegeheim kosten würde. Die dafür fälligen rund 4000 Euro können sich die meisten Menschen in Deutschland gar nicht leisten. Zudem wollen viele lieber zuhause betreut werden. Jetzt aber droht dieses Erfolgsmodell der vergangenen Jahre zusammenzubrechen.

Dramatische Entwicklungen

"Es sieht wirklich dramatisch aus", sorgt sich Frederic Seebohm vom Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP). Immer mehr Personen wollen oder können nicht mehr helfen aufgrund der Auflagen zum Schutz vor dem Coronavirus. "Wir haben ein Versorgungsproblem, das uns derzeit Kopfschmerzen bereitet", sagt Seebohm und rechnet damit, dass viele Stellen von Betreuungskräften - vorwiegend aus Polen - nach Ostern schrittweise nicht mehr in Deutschland nachbesetzt werden können. Betroffen dann: 100.000 bis 200.000 Haushalte mit meist älteren Menschen, die inzwischen "alles nehmen, was sie kriegen können".

Altenpflege polnische Pfegerinnen (GKT Service/Carework)

Viele Deutsche sind im Alter auf Pflegehilfe aus dem Ausland angewiesen

Die dann noch infrage kommenden und noch hilfsbereiten Betreuungskräfte aus Polen sind mitunter deutlich weniger qualifiziert: Die meisten sprechen nicht einmal mehr ein wenig, sondern gar kein Deutsch. Jetzt blicken alle Betroffenen verstärkt auf die Angebote an Betreuungskräften, die aus der Ukraine oder Rumänien in die EU drängen.

Abweisung an der Grenze zu Ungarn

Auch beim deutschen Nachbarn Österreich ist die Betreuungssituation alter Menschen angespannt. Die Tageszeitung "Kurier" berichtete am Dienstag von unter anderen rumänischen Betreuungskräften, die über Ungarn nach Österreich einreisen wollten. Diese Personen wären von ungarischen Polizei- und Grenzschutzkräften "in großem Stil" vorwiegend in Zügen verhaftet und zurückgeschickt worden. Österreichische Regierungskreise hätten sich verwundert und bestürzt gezeigt über derartige Vorkommnisse. Eigentlich arbeite man im österreichischen Kanzleramt, im Außen- und Innenministerium an entsprechenden positiven Lösungen für die aktuelle Situation.

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