Corona-Krise als Stresstest für Ärztinnen und Ärzte | Deutschland | DW | 02.04.2020
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Medizinische Versorgung im Ausnahmezustand

Corona-Krise als Stresstest für Ärztinnen und Ärzte

Im Kampf gegen das SARS-CoV-2-Virus arbeiten Ärzte unter Hochdruck, um Leben zu retten. Volker Witting hat nachgefragt bei einem Intensivmediziner, einer Psychotherapeutin, einer Landärztin und einem Rettungsarzt.

Dr. Aiko Liedmann (Privat)

Oberarzt Dr. Aiko Liedmann (ganz rechts) aus Heinsberg und seine Kollegen haben eine Empfehlung: Zuhause bleiben!

Keine deutsche Region hat es schlimmer erwischt und früher. Der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen sei das Wuhan von Deutschland, stand in vielen Zeitungen. Stand Mittwoch waren es 1373 Infizierte und 38 Tote, bei nur 250.000 Einwohnern. Zum Vergleich: Die 3,8-Millionen-Metropole Berlin meldete 2993 Infizierte und 17 Todesfälle.

Seit Ende Februar stemmen sich Oberarzt und Intensivmediziner Aiko Liedmann und sein Team vom Städtischen Krankenhaus Heinsberg gegen die Seuche. Alle arbeiten bis zum Anschlag, Überstunden zählt keiner, berichtet Liedmann am Telefon: "Ich erlebe ein hochmotiviertes Team. Und dann macht es - trotz dieser schweren Zeiten - Freude."

Liedmann und seine Kollegen haben Glück. Sie haben ausreichend Schutzkleidung. "Aber vor ein paar Wochen wussten wir am Morgen nicht, ob die Schutzsets noch bis abends reichen." Das ist jetzt anders. Wohl auch, weil sich der Landrat von Heinsberg, Stephan Pusch (CDU), persönlich um Nachschub gekümmert hat - bei der Bundeswehr und sogar in China. Mit Erfolg.

Dr. Aiko Liedmann (Privat)

Oberarzt Aiko Liedmann findet es gut, dass Heinsberg nun zum Test-Labor für die Corona-Forschung wird

Derzeit werden im städtischen Krankenhaus Heinsberg zwischen 20 und 30 Corona-Patienten behandelt. Insgesamt waren es schon deutlich mehr. "Doch nicht alle konnten wir retten", sagt Liedmann mit belegter Stimme.

Corona-Labor Heinsberg

Wie das Coronavirus genau nach Heinsberg gekommen ist und sich verbreitet hat, wie Menschen die Erkrankung überlebt haben - das soll nun wissenschaftlich untersucht werden. Der Landkreis ist dem Rest der Republik bei der Pandemie-Entwicklung etwa drei Wochen voraus und wird deshalb zum Corona-Labor. An dem Projekt arbeiten seit Montag 40 Wissenschaftler rund um den Bonner Virologen Hendrik Streeck.

Eine "gute Idee" sei das, sagt Oberarzt Liedmann. "Diese Untersuchung macht großen Sinn, denn wir als Mediziner sind über jede Information über das Virus dankbar, die uns weiterhelfen kann." Die Diskussion um eine Lockerung der Ausgehbeschränkungen hält der Mediziner für verfrüht und die Idee aus Österreich, beim Einkauf Schutzmasken vorzuschreiben, für übertrieben. Aber er hat Angst davor, dass das Virus sich noch weiter ausbreitet. Sorgen macht sich der Familienvater nicht um sich selbst, sondern um seine beiden kleinen Kinder.

Psychotherapeutin: Corona stresst das "Herdentier Mensch"

"Die Pandemie ist für alle ein massiver Stressfaktor", der sich immer mehr in das Zentrum der normalen Beratungen einschleiche, sagt Psychotherapeutin Bettina Pessel. Das erlebe sie in ihrer täglichen Arbeit in Berlin: "Corona ist eine unkontrollierbare Seuche, von der man nicht weiß, wie sie sich entwickeln wird; ob man selbst, die Liebsten, davon bald betroffen sein könnten." Sie nennt die Pandemie einen "Stresser", der das "Herdentier Mensch" an die Grenzen bringe: "Denn eigentlich liegt uns als Menschen die Nähe in den Genen." Räumliche Nähe sei aber derzeit nicht möglich, sondern sogar verboten. Ein Kontakt etwa über Messenger wie WhatsApp helfe da wenig.

Dr. Bettina Pessel (Privat)

Beratung gegen Corona-Stress per Videokonferenz: Für Psychotherapeutin Bettina Pessel wird das immer wichtiger

Zwei grobe Verhaltensmuster im Umgang mit der Krise habe sie entdeckt, sagt Pessel: "Es gibt die eine Gruppe, die sich an den Restriktionen abarbeitet, und die Menschen, die schon vorher Ängste hatten und denen es jetzt sehr schlecht geht." Sie hätten Angst davor, dass sie selbst, Freunde oder Verwandte erkrankten. Und dann gebe es natürlich die Menschen, die massive Angst vor der Zukunft haben: Verliere ich meinen Job? Kann ich meine Wohnung halten, die Rechnungen bezahlen?

Erfahrungen von Wuhan: Anstieg der häuslichen Gewalt

Die Deutschen sind gestresst und pessimistisch wie nie seit 1949, das hat kürzlich eine Meinungsumfrage des Allensbach-Instituts ergeben. Wird es mehr Suizide geben? Das könne sie nicht voraussagen, sagt Pessel, aber eines sei klar: "Häusliche Gewalt und Kindesmisshandlungen werden zunehmen." Das belegten Untersuchungen in der Corona-Krisenregion Wuhan eindeutig. So werde es wohl auch in Deutschland kommen.

Pessel hat sich auch technisch-organisatorisch auf die Krise eingestellt. In ihrer Praxis in Berlin-Schöneberg habe sie die Möbel weit auseinandergerückt, so dass der Sicherheitsabstand eingehalten werde. Aber im Moment sei es so, dass viel mehr Patienten die Videoberatung nutzten, die die Therapeutin schon seit Anfang des Jahres anbietet: "Es kommen noch die in die Praxis, denen schon jetzt die Decke auf den Kopf fällt". Das seien nicht wenige.

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Am Limit: Landärzte in Zeiten von Corona

Ärzte auf dem Land fehlten schon vor der Corona-Krise

Brigitte Szaszi ist in ihrer Landarztpraxis weitgehend auf sich gestellt: "Früher waren wir drei Ärzte." Auf dem Land - und nicht nur da - gebe es einen Mangel an Personal. Das mache sich jetzt besonders bemerkbar. "Die Politik bemüht sich sehr, aktuell die Lage in den Griff zu bekommen. Das Gesundheitssystem insgesamt hätte aber schon vorher mehr Unterstützung gebraucht", kritisiert sie die Regierung.

Ärztin Szaszi hatte Glück im Unglück: Sie und ihr Team hatten noch Schutzkleidung vorrätig von der Schweinegrippe vor ein paar Jahren. Sie habe "die Lunte" gerochen und vor zwei Wochen Masken und Anzüge nachbestellt: "Wenn es so weitergeht, reicht das vielleicht für zwei Wochen." Aber viele Praxen in der Nähe mussten schon schließen, weil Schutzausstattung fehlte.

Abstriche für Tests im Freien

In Szaszis Praxis läuft es wie fast überall: Corona-Verdachtsfälle werden in einer Sonder-Sprechstunde behandelt. "Wir nehmen die Abstriche dann oft im Freien ab", sagt Szaszi. Das sei sicherer für alle.

Brigitte Szaszi Allgemeinmedizinerin (Privat)

Brigitte Szaszi, Landärztin aus Sachsenheim in Baden-Württemberg, befürchtet: "Es wird noch schlimmer kommen."

Ansonsten berät die Landärztin oft am Telefon. Sie rechnet damit, dass sie in Zukunft verstärkt Hausbesuche bei älteren Menschen wird machen müssen. Es sei eine gute Idee, "dass man die mehr isoliert, die besonders gefährdet sind".

Dass sich viele Deutsche auf ihre Balkone gestellt haben, um Ärzten und Pflegekräften in Seuchenzeiten zu applaudieren, hat sie gerührt: "Es ist gut, dass die Leute sich zum Beispiel auf Nächstenliebe besinnen; auch wenn das vielleicht ein bisschen altbacken klingt."

Rettungsarzt rechnet mit "Corona-Tsunami"

"Abstand halten!" Das sei derzeit die wichtigste Regel im Umgang mit Notfallpatienten, sagt Rettungsarzt Gerald Wellershoff. Man könne nicht mehr, wie früher, gleich an die Patienten herantreten: "Heute halte ich immer zwei, drei Meter Abstand, versuche erst mal zu klären, ob vielleicht ein Covid-19-Fall vorliegt." Sollte das so sein, ist die komplette Schutzmontur vorgeschrieben: Handschuhe, Schutzanzug, Atemmaske, Kopfabdeckung, Brille.

Dr. Gerald Wellershoff
(Privat)

Gerald Wellershoff, Notarzt in Berlin, hat keine Angst, sich selbst zu infizieren

Noch gibt es diese Ausstattung in den Rettungsfahrzeugen der Berliner Feuerwehr. Aber im Berliner Urban-Krankenhaus, so berichtet Wellershoff, sei Schutzausrüstung schon Mangelware. Sogenannte Hochsicherheits-Masken würden dort mittlerweile auch mehrfach von einer Person benutzt. Eigentlich sind die Masken Einwegmaterial. Das nenne man dann "ressourcenschonenenden Umgang".

Vor fast jedem Einsatz im Notarztwagen gibt es nun ein Briefing der Feuerwehr. "Da wird dann über die neuesten Erkenntnisse zum Covid-19-Virus informiert und darüber, was das für unsere tägliche Arbeit bedeutet." Quelle sind meist die neuesten Forschungsergebnisse des Robert Koch-Instituts, das auch regelmässig über den Stand der Corona-Fallzahlen informiert.

Wellershoff rechnet in der kommenden Zeit mit einem "Corona-Tsunami". Dennoch, sagt er: "Ich habe persönlich nicht so viel Angst, mich anzustecken." Wahr ist aber auch: Der Notarzt hat sich schon einmal vorsorglich in der Nachbarschaft umgehört, wer mit Hund Ella Gassi gehen könnte, falls er sich in Corona-Quarantäne begeben müsste.

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