Corona: Kriminalität in der Krise | Deutschland | DW | 13.04.2020
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Corona-Pandemie

Corona: Kriminalität in der Krise

Die Corona-Pandemie führt zu vielen Einschränkungen - auch für Straftäter. Führt das dazu, dass die Kriminalitätsrate in Deutschland sinkt? Bei bestimmten Delikten ja - andere boomen.

Busse, Bahnhöfe, öffentliche Plätze sind im Moment ziemlich leer. Die Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Pandemie verbieten das übliche Gedränge. Gleichzeitig arbeiten viele Menschen tagsüber im Homeoffice. Schlechte Zeiten für Kriminelle, könnte man denken - zumindest, was Überfälle, Einbrüche und Diebstähle angeht.

Eine offizielle Statistik darüber, wie die Corona-Krise sich auf die Kriminalität in Deutschland auswirkt, gibt es noch nicht. Das erklärt das Bundeskriminalamt auf Anfrage der Deutschen Welle. Es verweist darauf, dass vor kurzem überhaupt erst die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2019 veröffentlicht worden sei. Bis zur offiziellen Statistik des Jahres 2020 wird es also noch ein knappes Jahr dauern. Trotzdem gibt es Anhaltspunkte zur Wechselwirkung zwischen Corona-Pandemie und Straftaten.

Vorläufige Zahlen für einige Delikte nennt das Innenministerium des einwohnerreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (NRW) der DW. Die Behörde hat den Zeitraum vom 1. März bis 5. April 2020 mit dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres verglichen. Die Wohnungseinbrüche sind in diesen fünf Wochen von 2483 im Jahr 2019 auf 1620 im laufenden Jahr zurückgegangen, also um gut ein Drittel. Taschendiebstahl ging von 3592 auf 1857 Fälle zurück, hat sich also knapp halbiert.

Symbolbild Taschendiebstahl (picture alliance/dpa/A. Burgi)

Taschendiebstahl - im Gedränge vieler Menschen am einfachsten

An dieser Stelle sei auf zwei Umstände hingewiesen: Zum einen erhebt eine polizeiliche Kriminalstatistik die Zahl der Anzeigen. Das bedeutet, dass nicht angezeigte Delikte nicht in der Statistik auftauchen - damit hängt die Zahl der erfassten Straftaten auch vom Anzeigeverhalten der Menschen ab. Zum anderen handelt es sich bei den oben zitierten um vorläufige Zahlen, die sich noch ändern können. Aber sie zeigen eine Tendenz. Die Erkenntnisse in einem anderen Bundesland weisen in die gleiche Richtung.

Miese Zeiten für Taschendiebe und Einbrecher

Das Landeskriminalamt (LKA) des norddeutschen Bundeslandes Niedersachsen vergleicht die vorläufigen Zahlen für die Kalenderwoche 14, also die Woche vom 30. März bis zum 5. April 2020, in der die Ausgangsbeschränkungen bereits galten, mit den Zahlen der Kalenderwoche 14 des Vorjahres. Ergebnis: Bei Körperverletzung gibt es einen Rückgang von mehr als 45 Prozent, bei Einbrüchen von mehr als 50 Prozent, bei Taschendiebstahl gar von mehr als 90 Prozent. Das ist - darauf weist das LKA Niedersachsen explizit hin - nur eine Momentaufnahme.

Auffällig ist, dass die verglichenen Delikte in Niedersachen deutlich weiter zurückgegangen sind als in Nordrhein-Westfalen. Eine mögliche Erklärung ist der gewählte Zeitraum. In Nordrhein-Westfalen umfasst der Vergleichszeitraum fünf Wochen, in deren Verlauf die Ausgangsbeschränkungen erst in Kraft traten. In Niedersachsen beträgt der Vergleichszeitraum eine Woche, in der die Einschränkungen bereits durchschlugen. Das könnte den weiteren Rückgang angezeigter Kriminalität erklären.

Symbolbild Kriminaltechnik - Spurensicherung (picture-alliance/dpa/C. Rehder)

Wohnungseinbruch - keine gute Idee, wenn die ganze Familie zu Hause ist

Kein Wunder, dass bestimmte Delikte im Moment einfach seltener begangen werden. Das Innenministerium NRW schreibt, "dass die veränderten Lebensbedingungen einigen Kriminalitätsformen entgegenstehen oder sie zumindest in ihrer Begehensweise stark einschränken". So falle in Zeiten von "Social Distancing" ein Taschendiebstahl oder ein Raub äußerst schwer. Auch fänden Wohnungseinbrecher kaum noch Gelegenheit zur Tat, da sich die meisten Menschen zu Hause aufhielten.

Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, geht davon aus, dass es auch im Bereich der Drogenkriminalität einen Rückgang geben werde. Drogenhandel (zumindest der für den täglichen Bedarf) finde meist im öffentlichen Raum statt und auf leeren, gut überschaubaren Plätzen funktioniere das nicht mehr so einfach. Ähnlich sehe es bei Gewalttaten unter Alkoholeinfluss aus. "Wenn Kneipen, Diskos und Biergärten geschlossen haben, kann es dort auch keine Schlägereien geben", so Christian Pfeiffer im Gespräch mit der DW.

Betrug mit heiß begehrten Corona-Produkten

Aber Straftäter sind auch findig - so entwickeln sich in der Corona-Pandemie spezifische neue Spielarten bestimmter Delikte. Das Landeskriminalamt NRW warnt etwa vor der neusten Version des Enkeltricks. Dabei riefen Betrüger bei Senioren an, gäben sich als ihr Enkel aus, der an COVID-19 erkrankt sei, und erbettelten Geld für Medikamente. Diebe klingelten an der Haustür als angebliche Mitarbeiter des Gesundheitsamts, die Corona-Tests durchführen wollten. Seien sie einmal in der Wohnung, stählen sie meist Geld und Schmuck.

Mit Betrug lässt sich in der Corona-Krise auch richtig viel Geld verdienen. Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, berichtet von Fake-Shops oder Fake-Produkten rund um Corona. So böten angeblich professionelle Internetseiten große Bestände an Desinfektionsmitteln, Medikamenten oder Schutzmasken an. Sie verlangten oft Vorkasse, lieferten aber nie die Produkte.

Frankreich Schutzmasken (picture-alliance/dpa/D. Szuster)

Mund-Nase-Masken - knappe und begehrte Ware in Corona-Zeiten

Es gibt auch Straftäter, die wirklich Ware liefern - allerdings Plagiate. Das Schlimme ist, dass ein nachgemachter Mundschutz oder angebliches Desinfektionsmittel den Käufern erheblich schaden könnte, da kein wirksamer Schutz vor einer Infektion gewährleistet ist. "Die Kriminellen erzielen mit solcher Produktpiraterie unfassbare Margen - und das auf Kosten der Gesundheit anderer", warnt Sebastian Fiedler im Gespräch mit der DW.

Weniger Delikte im Hellfeld - mehr im Dunkelfeld

Als erstes vorsichtiges Fazit kann man sagen: Die Kriminalität entwickelt sich in zwei Richtungen. Delikte, die mit der Nähe beziehungsweise Abwesenheit von Menschen zu tun haben, nehmen ab - Beispiel Taschendiebstähle und Wohnungseinbrüche. Internetbetrug dagegen scheint sich auf Corona-spezifische Produkte zu spezialisieren.

Große Chancen könnte die Krise auch für organisierte Kriminalität und Geldwäsche eröffnen. "Wenn Kneipen Pleite gehen", warnt Christian Pfeiffer, "dann kann die Mafia sie günstig kaufen und sie dadurch und zukünftig zur Geldwäsche nutzen."

Vielen mittelständischen Unternehmen fehle derzeit Geld, die Organisierte Kriminalität habe es, fügt Sebastian Fiedler hinzu. "Entweder sie verleihen es zu horrenden Zinsen, steigen in den Betrieb mit ein oder übernehmen ihn gleich ganz", so der Kriminalbeamte. "Ich sehe insgesamt eine Verschiebung der Kriminalität aus dem Hellfeld heraus ins Dunkelfeld." Während die Polizei beispielsweise ziemlich genau wisse, wie viele Einbrüche es gebe, sei das Dunkelfeld im Bereich der Geldwäsche extrem groß.

Im Endeffekt könnte das bedeuten, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik 2020 einen Rückgang der angezeigten Kriminalität verzeichnen wird, nicht aktenkundige Straften aber deutlich zunehmen.

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