Corona-Konjunkturprogramme bieten Chance für Kampf gegen Klimawandel | Wissen & Umwelt | DW | 30.03.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Corona-Konjunkturprogramme bieten Chance für Kampf gegen Klimawandel

Die wegen COVID-19 drohende wirtschaftliche Katastrophe wollen Länder mit allen Mitteln abwenden. Die Klimakrise wird dabei bisher vergessen. Die DW fragt Experten warum.

Angesichts einer drohenden globalen Rezession scheint die Weltwirtschaft klimafreundliche Maßnahmen komplett zu vernachlässigen.

2020 sollte eigentlich ein Schlüsseljahr im Kampf gegen den Klimawandel werden, doch das Coronavirus droht, wesentliche Entscheidungen auszubremsen.

Vor 18 Monaten warnte der UN-Klimarat, dass die Welt weit entfernt von dem Ziel sei, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, und die schlimmsten Folgen zu vermeiden. 

So paradox es erscheint, die Corona-Katastrophe hat der Welt gezeigt, wie schnell Verschmutzung durch extreme Maßnahmen eingedämmt werden könnte. Die CO2-Emissionen sind in den wenigen Monaten seit Jahresbeginn abrupt zurückgegangen, weil der Flugverkehr in großen Teilen der Welt lahmgelegt wurde und die industrielle Produktion in weiten Teilen von Asien, Europa und Nordamerika zum Stillstand kam. 

Experten gehen davon aus, dass dieser Effekt nicht lange anhalten wird, doch Forscher wie Fatih Birol, Leiter der Internationalen Energieagentur (IEA),

appellieren eindringlich an Regierungen, diese "historische Gelegenheit" zu nutzen, um erneuerbare Energien in ihre Konjunkturprogramme aufzunehmen, um eine wirtschaftliche Rezession von historischem Ausmaß abzufedern.

"Dies ist der perfekte Zeitpunkt für einen Green New Deal, eine Ausweitung von sauberen, erneuerbaren Energien und den Ausbau umweltfreundlicher und essentieller Arbeitsplätzen etwa von Pflegekräften, Lehrern, Krankenschwestern, Angestellten des Öffentlichen Gesundheitswesen und des Dienstleistungsgewerbes", erklärt Keya Chatterjee, Geschäftsführerin des US Climate Action Network, der DW. 

Warum aber wagen Regierungen diese grundlegende Veränderung nicht?

Smog in Peking

Smog ist in Peking Normalzustand - wie hier zu sehen in einer Aufnahme vom Oktober 2018

Grafik: Rückgang der Luftverschmutzung in China

Aber wie dieses Satellitenfoto zeigt, sind die CO2-Werte im März stark zurückgegangen

Der Fokus: "Wirtschaftliches Überleben"

Um die drohende Wirtschaftskrise abzuwenden, haben Regierungschefs in aller Welt hastig die Geldschleusen aufgerissen. China will mit Billionen von Yuan seine Wirtschaft wieder in Schwung bringen, die USA haben ein Konjunkturpaket von zwei Billionen Dollar angekündigt und die Europäische Zentralbank sagte, sie werde "alle Optionen und Möglichkeiten prüfen, um die Wirtschaft in der Bewältigung dieses außergewöhnlichen Schocks zu unterstützen." Dazu kommen noch Hunderte von Milliarden, die von den EU-Mitgliedstaaten zugesagt wurden.

Robert Dingwall, Soziologe und Experte für öffentliche Gesundheit an der Universität Nottingham Trent in Großbritannien, meint, es sei wahrscheinlich zu früh, um über mögliche Vorteile für die Umwelt zu sprechen.

"Im Moment geht es meiner Meinung nach vor allem um das wirtschaftliche Überleben. Wie müssen sicherstellen, dass gesunde Unternehmen durch diesen Schock nicht untergehen", schreibt er in einer E-Mail an die DW.  

"Es handelt sich hierbei um eine unmittelbare und beispiellose Bedrohung", sagt er und fügt hinzu, dass es solch eine globale Pandemie seit der Spanischen Grippe 1918 nicht mehr gegeben habe. Die Verluste an den Börsen würden an den Finanzcrash von 2008 erinnern.

Auch Katharina van Bronswijk sieht klare Prioritäten. Sie ist Sprecherin von Psychologists for Future, einer Initiative, die sich mit den psychologischen Auswirkungen des Klimawandels befasst. 

"Psychologisch gesehen haben wir eine begrenzte Kapazität, uns Sorgen zu machen", erklärt van Bronswijk. "Wir können uns nicht dauerhaft über alles gleichzeitig sorgen." Aber auch wenn das Coronavirus im Moment weltweit die Aufmerksamkeit beherrsche, bedeute das nicht, dass die Diskussion um den Klimawandel aufgehört habe. "Sie ist im Moment nur weniger sichtbar".

Greta Thunberg, schwedische Klimaaktivistin

Greta Thunberg und andere Aktivisten haben ihre Klimaproteste wegen der Corona-Krise gestoppt - zumindest auf der Straße

Sowohl Dingwall als auch van Bronswijk sagen, es sei "einfacher, sich mental von den Folgen der Klimakrise zu distanzieren" als vom Ausbruch von COVID-19 mit seiner täglichen Flut von Nachrichten und dem Bewusstsein, dass wir selbst oder Menschen, die uns nahe stehen, krank werden und sterben könnten.

"Wetterbedingte Gefahren dagegen sind uns sehr vertraut und es fällt uns schwer, solche Bedrohungen als Auswirkungen des Klimawandels zu erkennen", so Dingwall. 

Fehlende klimafreundliche Politik 

Die deutsche Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert stellt klar, dass grüne Investitionen auch vor dem Ausbruch auf keiner festen Grundlage standen.

"Schon vor der COVID-19-Krise hatten wir in vielen wichtigen Bereichen einen Investitionsstau", sagt Kemfert, Expertin für Energiewirtschaft und Nachhaltigkeit beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). 

Erst im November stellte eine Analyse des britischen Think-Tanks InfluenceMapfest, dass die weltweit größten Investmentfonds immer noch zu wenig in erneuerbare Energien und andere grüne Technologien investieren. Stattdessen bevorzugten sie fossile Technologie-Unternehmen. Laut der Studie flossen mehr als 8,2 Billionen US-Dollar in Beteiligungen an Öl und Gas, Kohlebergbau, Automobilbau und Elektrizität. 

Kemfert sagt, dass Regierungen stattdessen gezielt Konjunkturpakete einsetzen könnten, um klimafreundliche Brennstoffe und Infrastrukturen zu unterstützen und  den Umstieg für die Industrie zu erleichtern.

Video ansehen 02:31

Bessere Luftqualität "dank" Corona-Krise

Diese Mittelvergabe müsse allerdings an Bedingungen geknüpft werden, die sicherstellen, dass das Geld in "zukunftssichere, klimafreundliche und nachhaltige Investitionen" fließe. 

Es könnte jedoch schwierig werden, Gesetzgeber und Bürokraten in Brüssel von dieser Idee zu überzeugen.

Anfang dieses Jahres waren noch alle Staaten bereit, den hochgepriesenen Green Deal der EU in den nächsten zehn Jahren umzusetzen. Stattdessen werden sie nun alles dafür tun, den durch die Corona-Krise bedingten ökonomischen Absturz in ihren Ländern abzufedern.

Business as usual oder ein neuer Weg? 

Auch wenn die Klimaschutzpolitik derzeit hintenansteht, sieht van Bronswijk eine Überschneidung zwischen den beiden Krisen – das könnte sich als nützlich erweisen für künftige Lösungen der Klimafrage. Denn, sagt sie, sowohl der Ausbruch von Corona als auch die Klimakrise erforderten, dass wir entschleunigen, zusammenarbeiten und uns darauf konzentrieren, kreative Ansätze für unsere gemeinsamen Probleme zu finden.

In den letzten Wochen wurde die Gefahr eines Kollapses der Gesundheitssysteme deutlich, so wie wir es schon von unseren überlasteten Ökosystemen kennen.

"Das Krisenmanagement beruht in beiden Fällen sehr stark darauf, wissenschaftlichen Rat einzuholen und umsichtig und solidarisch zu handeln", sagt van Bronswijk. 

Dem stimmt Winfried Hoke, Geschäftsführer der European Climate Research Alliance, zu. Der Ausbruch von Corona habe die "Verwundbarkeit unserer Gesellschaft" offengelegt, sagt Hoke und erklärt, dass mehr Wissen über die Zusammenhänge von Gesundheits- und Ökosystemen der EU helfen würde, auch besser auf klimabedingte Notlagen vorbereitet zu sein.

Keya Chatterjee von der Organisation US Climate Action vermutet, dass es gerade in den USA einen Prioritätenwechsel nach der Corona-Krise geben werde. Nach dem Fokus auf Gesundheit werde es sehr wahrscheinlich wirtschaftliche Impulse geben, die die USA in eine grünere Zukunft führen könnten. "Derzeit ist alle möglich solange es uns aus dieser Notlage hilft," sagt sie.

"Die Chefs der fossilen Brennstoffindustrie werden entweder zugeben müssen, dass sie regelmäßig riesige staatliche Zuschüsse benötigen, oder der Markt wird sie zu Fall bringen, weil ihre Unternehmen ohne staatliche Hilfe einfach nicht mehr funktionieren".

Die Redaktion empfiehlt