Corona-Eltern: Zerrissen, müde, wütend | Deutschland | DW | 10.05.2020
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Familienpolitik

Corona-Eltern: Zerrissen, müde, wütend

Eltern kommen seit der regulären Schließung von Kindergärten und Schulen wegen der Corona-Krise an ihre Grenzen - und wünschen sich endlich eine Lösung. Doch die ist trotz erster Öffnungen erstmal nicht in Sicht.

"Was machen eigentlich Eltern, die nicht mehr können? Ich frage für, nun ja, fast alle, die ich so kenne", twittert Journalistin Mareice Kaiser am 20. April unter dem Hahstag #coronaeltern. Kaiser, Chefredakteurin des Online-Magazins "Edition F" , trifft damit das Lebensgefühl vieler. Tausendfach wird #coronaeltern aufgegriffen. Eltern berichten in sozialen Medien, wie es ihnen in der Corona-Krise zwischen Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung ergeht. "Ich habe mich heulend auf den Küchenboden gelegt", schreibt eine. Eine andere: "Coronaeltern sind Menschen, die zum Start der Pandemie vielleicht schon am Ende ihrer Kräfte waren." In anderen Ländern berichten Eltern unter dem Hahstags #coronaparents oder #parentinginlockdown von Eiscreme zum Frühstück, Legobergen im Arbeitszimmer und der Unmöglichkeit, ungestört zu Hause Konferenzen abhalten zu können.

Kitas und Schulen sind zu diesem Zeitpunkt bereits seit über einem Monat für die große Mehrheit der Kinder geschlossen, auch Spielplätze sind versperrt. Großeltern für die Betreuung einspannen? Wegen der Ansteckungsgefahr viel zu gefährlich. Sich mit Nachbarsfamilien zusammentun? Wegen des Kontaktverbots oftmals nicht erlaubt.

Vielen Eltern bleibt nichts anderes übrig, als ihre Jobs frühmorgens zu erledigen oder am Abend, wenn die Kinder schlafen - mit schlechtem Gewissen dem Arbeitgeber gegenüber. Bald schwappt das Thema auch in die politischen Diskussionen, die Bezeichnung Corona-Eltern wird zum Begriff für die Mütter und Väter, die sich zwischen Job und Kindern zerteilen müssen. Im Netz müssen sie für ihren artikulierten Ärger oftmals Unverständnis und Häme einstecken.

"Anstrengend und unmöglich"

Rund drei Wochen sind seit dem ersten #coronaeltern-Tweet vergangen, doch die Lage ist für viele Familien immer noch schwierig. "Wir kriegen heute Blumen, obwohl wir Kitaplätze, Chancengleichheit und weniger Sexismus bräuchten", heißt es in einem Tweet zum Muttertag.

Im öffentlichen Leben wurde zwar vieles gelockert. Doch eine Betreuung findet vielerorts noch immer nur für Kinder von Alleinerziehenden statt oder von Eltern, die in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten, also zum Beispiel in Kliniken, in der Altenpflege, bei der Polizei oder im Supermarkt. Hinzu kommt: Wer einen Partner mit Homeoffice-Job hat, darf oftmals nicht darauf zurückgreifen. So erklärt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in einem Interview, Homeoffice mit Kindern sei anstrengend, aber machbar. "Ich würde dieses Interview gern mit zwei Kitakindern im Hintergrund sehen. Anstrengend und unmöglich", kommentiert Kaiser auf Twitter.

Frankreich Paris | Coronavirus | Mutter & Tochter (picture-alliance/NurPhoto/M. Taamallah)

Rückkehr der alten Geschlechterrollen? Auch das könnte eine Auswirkung der Corona-Krise sein

Neben all dem Frust, weder Job noch Kindern gerecht zu werden, kommt bei vielen noch der Ärger über den sogenannten Rollback der Geschlechterverhältnisse: Der Mann verdient die Brötchen, während die Frau in ihrem Job, den sie oftmals schon vorher in Teilzeit ausgeübt hat, weiter zurücksteckt. Und auch wenn beide Vollzeit arbeiten, ist es oftmals die Frau, die sich für die Carearbeit eher zuständig fühlt - ein weltweites Phänomen.

Soziologin Jutta Allmendinger spricht deshalb in der Fernseh-Talkshow "Anne Will" von einer "Retraditionalisierung", die die Frauen erfahren werden und mit der sie "drei Jahrzehnte verlieren". "Viele Mütter tragen die Hauptlast der Corona-Maßnahmen", sagt auch der Präsident der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie (eaf), Martin Bujard, im Gespräch mit der "Apotheken Umschau". Zwischen 13 und 14 Stunden arbeiteten Mütter für ihre Jobs, ihre Kinder und Familien zur Zeit - pro Tag. Viele gingen derzeit über ihre Belastungsgrenze hinaus.

"Vielleicht im Sommer"

Trotz angekündigter Lockerungen bleibt die Zukunft für viele Familien ungewiss, auch wenn Bundesfamilienministerin Giffey gegenüber der "Welt am Sonntag" einen Kita-Regelbetrieb ab Sommer in Aussicht gestellt hat - wenn es das Infektionsgeschehen zulässt. "Aber darüber entscheiden letztlich die Länder."

Während Sachsen ab Mitte Mai wieder einen eingeschränkten Kita-Regelbetrieb mit kürzeren Öffnungszeiten möglich machen möchte, bietet Nordrhein-Westfalen eine stufenweise Öffnung an. Im Juni sollen die Einrichtungen für alle Kinder geöffnet werden, zumindest für zwei Tage. Auch bei den Schulen geht jedes Land seinen Weg. Doch auch wenn an einzelnen Tagen Unterricht stattfindet - so wie vor der Corona-Krise wird es auf keinen Fall. Denn die Hygienekonzepte sehen vor, dass nur in kleinen Gruppen unterrichtet werden darf, das heißt: Schüler dürfen nur wenige Stunden, mancherorts nur für 90 Minuten am Tag kommen. Eine Entlastung für die Eltern ist das eher nicht - im Gegenteil.

Mit Abstand wird im Klassenzimmer (DW/T. Walther)

Unterricht in Zeiten der Pandemie: Viel Abstand ist alles, wie bei dieser Schulklasse in Berlin

Was die Entscheidung zur Öffnung von Kitas und Schulen zusätzlich erschwert, ist das fehlende Wissen über das Coronavirus selbst: Während zum Beispiel erste Studien aus Island oder China darauf hinweisen, dass Kinder wenig zur Corona-Welle beitragen, glaubt Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité auf Basis seiner Untersuchungen, dass Kinder vermutlich genauso ansteckend sein können wie Erwachsene. Sollte sich dies in weiteren Studien bestätigen, wäre das für die Gestaltung der kommenden Monate oder Jahre schwierig. Denn kleine Kinder können meist keinen Abstand zueinander halten oder eine Maske tragen. Erzieherinnen wären der Virenlast ungeschützt ausgesetzt, wenn sie die Kleinen wickeln oder trösten. Ältere Kinder wären dazu schon in der Lage, doch ab der Pubertät könnte es für manchen Teenager wieder schwierig werden, die Regeln einzuhalten, so die Befürchtung. 

Zwischen mehr Geld und mehr Zeit

Doch was könnte die Lösung sein, neben der Betreuung? Nicht nur im Netz fordern Eltern zum Beispiel ein sogenanntes Corona-Elterngeld. Auch die Grünen möchten eine längerfristige finanzielle Unterstützung. Bujard von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie wünscht sich eine Corona-Familienarbeitszeit, bei der sowohl Mütter als auch Väter eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit beantragen können und dafür teilweise finanziellen Ausgleich bekommen.

Denn in jedem Fall gilt: Auch nach den Sommerferien ist die Corona-Pandemie nicht vorbei. Und Corona-Eltern müssen sehen, wie sie ihren Alltag bewältigt bekommen - ohne im Burnout zu enden.

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