Corona-App: Zu viel Datenschutz oder zu wenig? | Wirtschaft | DW | 17.12.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Infektionsketten

Corona-App: Zu viel Datenschutz oder zu wenig?

Die deutsche Corona-Warn-App hat es nicht leicht. Viele misstrauen ihr und fürchten, sie würden ausgespäht. Andere wiederum sagen, mit weniger Datenschutz wäre die App leistungsfähiger.

Eine Offenlegung gleich zu Beginn: Ich nutze die Corona-Warn-App selbst. Meist läuft sie still im Hintergrund. Selbst wenn ich die Bluetooth-Verbindung meines Smartphones ausschalte, beklagt sie sich nicht. Dabei kann die App dann nicht festellen, ob sich andere Nutzer in der Nähe befinden.

In Deutschland wurde die App fast 24 Millionen Mal heruntergeladen, sagt das Robert-Koch-Institut (RKI). Angesichts von 83 Millionen Bewohnern ist das kein schlechter Wert.

Doch es ist weniger, als möglich wäre. Umfragen zufolge sind mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland grundsätzlich bereit, die App zu nutzen. Schließlich soll das helfen, Infektionsketten zu durchbrechen. Und je mehr Menschen die App nutzen, desto besser kann sie funktionieren.

Aber selbst von den fast 24 Millionen, die die App heruntergeladen haben, nutzt sie wahrscheinlich nur ein Teil richtig. Darauf lässt zumindest die Zahl der positiven Corona-Tests schließen, die Nutzer der App mitteilen.

Laut RKI machen im Schnitt rund 2200 Menschen pro Tag eine solche Mitteilung. Angesichts von täglich zwischen 20.000 und 30.000 Neuinfektionen in Deutschland ist das also nicht einmal jeder Zehnte. Dabei ist diese Information für das Funktionieren der App wesentlich, denn nur dann kann sie andere Nutzer warnen.

Risikobegegnungen

Mich hat die App bisher einmal mit einem roten Signal vor einem erhöhten Infektionsrisiko gewarnt. Zunächst zeigte sie eine, später drei Risikobegegnungen an, alle am selben Tag. Ort und Uhrzeit blieben unbekannt, und es gab keine Angaben zu den Infizierten.

Am besagten Tag kam eigentlich nur ein Restaurantbesuch in Frage - es war die Zeit vor den Winter-Lockdowns. Vermutlich waren die drei Gäste am Nebentisch ebenfalls App-Nutzer und hatten, nachdem sie später positiv auf COVOID-19 getestet worden waren, ihre Testergebnisse der App mitgeteilt.

Neben der Warnung erhielt ich dann die Empfehlung, mich selbst testen zu lassen. Ärzten und Testzentren reicht der Warnhinweis der App, um den Test kostenlos durchzuführen. Das Ergebnis kam zwei Tage später, ebenfalls über die App.

Wäre es positiv ausgefallen, hätte die App dann all jene warnen können, die in den Tagen davor mit mir Kontakt hatten - und sei es auch nur, indem sie in der Bahn in meiner Nähe gesessen haben. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass ich das Testergebnis auch über die App teile.

Das aber macht laut RKI nur die Hälfte aller infizierten App-Nutzer (54 Prozent). Die aktuelle Version 1.7 versucht Nutzer nun mit mehrfachen Erinnerungen zum Teilen zu animieren.

Erforschung der App-Verweigerung

Forschende der Goethe-Universität Frankfurt am Main haben in einer noch unveröffentlichten Studie untersucht, warum viele Menschen, die der App positiv gegenüberstehen, sie dann doch nicht nutzen. Mehr als 1000 repräsentativ ausgewählte Personen haben Studienleiter Oliver Hinz, Professor für Wirtschaftsinformatik, und seine Mitarbeiterinnen Cristina Mihale-Wilson und Valerie Carl dazu befragt.

Obwohl 55 Prozent von ihnen angaben, der App grundsätzlich positiv gegenüberzustehen, hatte sie nur jeder Vierte auch installiert. "Fehlendes Wissen und grundsätzliche Missverständnisse sind wesentliche Gründe, warum sich viele Menschen, die eigentlich eine positive Grundeinstellung gegenüber der App haben, dann doch nicht dazu durchringen, sie zu installieren", so Co-Autorin Valerie Carl zur DW.

Sie nennt Beispiele für Sorgen, die zur Nichtnutzung führen können. "Das sind zum einen Datenschutzbedenken, also etwa die Angst, dass die App zur Kontrolle der Bevölkerung eingesetzt wird, dass die Daten nicht anonymisiert werden oder das auf private Daten auf dem Handy zugegriffen wird."

All das macht die App nicht, auch erstellt sie keine Bewegungsprofile per GPS. Trotzdem sind die Befürchtungen verbreitet. "Aber es geht nicht nur um Datenschutzbedenken", so Carl. Als weitere Beispiele nennt sie "die Sorge, dass die App die Leistung des Smartphones verringert oder eine Menge an Datenvolumen verbraucht".

Fazit der Forscher: Eine bessere Aufklärung - auch über die hohen Datenschutzstandards der App - kann zu einer größeren Verbreitung führen.

Deutschland | Flughafen Tegel in Berlin

Die Bundesregierung wirbt für die Corona-Warn-App: Plakat am Berliner Flughafen Tegel (vor dessen Schließung)

Gegen die "Datenschutz-Fetischisten"

In einem Experiment konnten die Forscher nachweisen, dass selbst Menschen, die der App grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, sich durch Aufklärung umstimmen lassen. Nachdem sie kurze Informationsvideos zur App gesehen hatten, gaben fast ein Drittel der Probanden an, die App nun doch installieren zu wollen.

Allerdings gibt es auch zunehmend Menschen, die weniger Datenschutz im Kampf gegen Corona fordern. "Es muss jetzt darum gehen, Leib und Leben der Menschen wirksam zu schützen, statt die Datenschutz-Fetischisten in unserem Land fröhlich zu stimmen", sagte etwa der CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph de Vries der Bild-Zeitung.

Ähnlich äußerte sich im selben Blatt sein Fraktionskollege Michael Kuffer (CSU). Die App müsse "schnellstens" so geändert werden, dass "sichtbar ist, wann und wo die erfassten Risiko-Begegnungen stattgefunden haben. (…) Datenschutz darf nicht über dem Lebensschutz stehen." Zustimmung kam von einem Grünen, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer: "Runter von diesem Datenschutz-Kult."

Auch in abendlichen Talkshows wird immer wieder eine Tracking-App gefordert, die Bewegungsprofile der Nutzer erstellen kann, zuletzt vom Philosophen und ehemaligen Staatsminister Julian Nida-Rümelin. Als Vorbilder werden dann asiatische Länder wie Taiwan und Südkorea genannt, wo die Pandemie unter Kontrolle gebracht wurde, ohne ganze Branchen in den Lockdown zu schicken.

App als Sündenbock

Das sei allerdings ein Missverständnis der dortigen Methoden, sagt Markus Beckedahl, Gründer des Blogs netzpolitik.org. So setze Südkorea das Tracking ein, um die Einhaltung der 14-tägigen Quarantäne zu überwachen, was in Deutschland gar nicht richtig kontrolliert werde. "In Südkorea wird sehr genau nachgeschaut, ob man in den zwei Wochen mit seinem Handy das Haus verlassen hat oder ob man mit Kreditkarten irgendwo anders eingekauft hat - und dann gibt es harte Sanktionen", sagte Beckedahl dem Sender SWR.

Nun zu behaupten, man könne die deutsche Corona-Warn-App mal eben um ein paar Überwachungsfunktionen erweitern, grenze an "Desinformation" und gehe am eigentlichen Problem vorbei. "Der Fehler liegt im System und daran, dass wir immer noch analoge Infrastrukturen in Teilen unseres Gesundheitssystems haben", sagte Beckedahl. So laufe die Kommunikation zwischen Gesundheitsämtern und Laboren zum Teil noch immer per Fax, was zu großen Verzögerungen führe.

"Wir sollten aufhören, den Datenschutz für alle Fehler verantwortlich zu machen, die in der Corona-Pandemie gemacht wurden", forderte der netzpolitische Aktivist.

Was uns zurückbringt zur Frankfurter Studie über die Corona-Warn-App. Die Forscher haben gezeigt, dass schon "Missverständnisse und Falschannahmen" dazu führen, eine App mit hohem Datenschutzstandard nicht zu nutzen. Eine App, die tatsächlich Bewegungsprofile speichert und weiterleitet, dürfte da wohl kaum neue Download-Rekorde aufstellen. Vorausgesetzt natürlich, ihre Nutzung bleibt freiwillig.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema