Corona als Bewegungsbremse: Kinder und Jugendliche leiden besonders | Deutschland | DW | 10.05.2021
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Corona und Sport

Corona als Bewegungsbremse: Kinder und Jugendliche leiden besonders

Sport in Schulen oder Vereinen ist für Heranwachsende in der Pandemie kaum möglich. Kann man das Versäumte aufholen? Erste Projekte zeigen: Mit Kreativität lässt sich das Problem angehen.

Neulich in einer Praxis für Physiotherapie in einer Kleinstadt unweit von Berlin: Wie immer reden Patienten und Angestellte viel über den Alltag im Lockdown. Das Thema an diesem Tag: Der fehlende Sport für den Nachwuchs. Weil kein Sportunterricht an den Schulen stattfindet und weil viele Vereine geschlossen sind. Das habe bestimmt auch langfristig schädliche Folgen, sei man sich schnell einig gewesen, berichtet einer der Patienten, der aber nicht namentlich genannt werden möchte.

Mit dieser Einschätzung stehen sie nicht allein. "Vielleicht sind die langen Einschränkungen im Bewegungsbereich ein größeres Problem für Kinder und Jugendliche als die Lerndefizite im kognitiven Bereich, wo durch Online-Unterricht zumindest der Zugang zu Informationen gegeben war." Das sagt Alexander Woll der DW. Er ist Sportwissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie. Dort forscht Woll seit beinahe zehn Jahren über das Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen.

Porträtfoto Alexander Woll, Leiter KIT Karlsruhe

Alexander Woll: Im zweiten Lockdown ging es mit der Bewegung bergab

Einzige Vorher-Nachher-Studie

Kurz vor Beginn der Pandemie hatte das Institut eine Studie durchgeführt, die Fitness und Gesundheit bei repräsentativ ausgewählten 2800 Probanden zwischen 4 und 17 Jahren maß. Mit diesen Daten im Gepäck machte Woll dann während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 und aktuell im zweiten Lockdown eine Vergleichsbefragung.

"Unsere Motorik-Modul-Studie ist die einzige Studie in Deutschland, die einen direkten Vergleich vorher-nachher ermöglicht", betont Woll. Im ersten Lockdown habe die Bewegung überraschenderweise sogar zugelegt - von 107 auf 143 Minuten am Tag. "Der Anstieg konnte den fehlenden Sport in der Schule oder im Verein kompensieren", interpretiert Woll das Ergebnis. "Das hat womöglich am damals besten Frühlingswetter gelegen und daran, dass viele Eltern zuhause bleiben mussten, viel Zeit für die Familie hatten."

Tobende Kinder im Freien

Auch Toben im Freien war für viele Kinder so nicht möglich

Doch im zweiten Lockdown sei der Wert auf nur 61 Minuten gefallen. Bei der Hälfte der Kinder und Jugendlichen sei die Fitness schlechter geworden. "Doch Kinder brauchen Bewegung, um sich gesund zu entwickeln - nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und geistig."

Sport: Teil der Lösung 

Die Politik hat die negativen Folgen der Pandemie für die Heranwachsenden nur zögerlich thematisiert. Das ändert sich langsam. Gerade wurden zwei Milliarden Euro im Bundeshaushalt für ein sogenanntes Aufholpaket eingeplant. Dabei soll es nicht nur um Lerndefizite in der Schule gehen. Sondern auch um den außerschulischen Bereich, also um Vereine und Freizeit generell. Das Thema Sport wird in dem Plan genannt, aber nicht besonders hervorgehoben.

Woll sieht ein allgemeines Problem: "Lange Zeit hat man Sport nur unter der Facette Infektion gesehen." Dabei zeigten neue Studien, "dass Bewegung und Sport sogar ein Schutzfaktor sind". Eine aktuelle US-Studie beispielsweise zeige, "dass körperliche Inaktivität ein wichtiger Prädiktor für einen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf ist". Bewegung sei Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Zum Glück habe es in Deutschland - anders als in manchen anderen EU-Staaten - keinen eingeschränkten Bewegungsradius gegeben. Das, glaubt Woll, habe im ersten Lockdown dazu beigetragen, dass Deutschland vergleichsweise gut durch die erste Welle kam. Nun brauche es dringend entsprechende Angebote.

Schwimmunterricht in den Ferien

Manche denken bereits konkret über das Aufholen nach. Im Saarland, dem kleinsten deutschen Flächen-Bundesland, erarbeiteten die beiden CDU-Landtagsabgeordneten Frank Wagner und Raphael Schäfer ein Konzept, um speziell im Wasser Versäumtes nachzuholen.

"Wir haben ein Sonderprogramm aufgelegt, um in den Sommerferien ab Ende Juli Schwimmschulen als Nachholprogramm anzubieten", berichtet Frank Wagner der DW. Denn auf diesem Gebiet sei sehr greifbar, "was die Pandemie bei Kindern so alles angerichtet hat".

Die Resonanz sei "gewaltig", so Wagner. Viele Vereine, Verbände und Eltern wollten mitmachen und helfen, dass Kinder schwimmen lernten. Die Teilnahme werde beinahe kostenlos sein. Denn für den Zwei-Wochen-Kurs gebe es einen Zuschuss von 75 Euro pro Kind vom Land. "Falls das Geld nicht reicht, wird nachgeschlagen", verspricht Wagner. Auch er werde einen Kurs übernehmen - Wagner ist ausgebildeter Sportlehrer.

CDU-Politker Raphael Schäfer und Frank Wagner stehen am Beckenrand im Schwimmbad

Bereit zu helfen: CDU-Politiker Raphael Schäfer (links) und Frank Wagner

Sportunterricht musste warten

Doch das allein wird wohl nicht reichen. Im Saarland sei es mit dem Sportunterricht in der Pandemie schwierig gewesen, berichtet der Landespolitiker Wagner. "Draußen zu unterrichten war zwar teils erlaubt, aber im Herbst/Winter schwierig umzusetzen". Vom Wetter geschützt in die Hallen auszuweichen sei nicht einfach gewesen. "Uns fehlten Hallen, weil viele zu Test- oder Impfzentren umfunktioniert waren." Zudem habe es sehr viele Vorgaben zu Hygiene und Abstandsregeln gegeben. "Das ist im Sportunterricht sehr schwierig einzuhalten."

Nun gehe es darum, den Kindern etwas zurückzugeben - und auch den Familien, sagt Wagner stolz. "Den Eltern ein wenig Sicherheitsgefühl zu geben, dass ihre Kinder trotz der Pandemie schwimmen gelernt haben."

Unter dem Motto #BewegtEuch steht ein anderes Hilfsprojekt in den Startlöchern. Es geht Medienberichten zufolge um eine kontrollierte Öffnung des Kinder- und Jugendsports, die im Rahmen von Modellprojekten ausprobiert werde soll. Dahinter stecken die Ärztin Lisa Federle und einige Prominente.

Doch in welchem Maße lässt sich das Versäumte überhaupt nachholen? Bewegungsexperte Woll sagt, dafür seien langfristige Studien nötig. "Gibt es auf Dauer eine Corona-Generation, die mehr Defizite hat, oder werden diese in der weiteren Entwicklung wieder ausgeglichen? Wir wissen es nicht!"

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