CONIFA, die Fußball-WM der Underdogs | Europa | DW | 08.06.2018
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Fußball

CONIFA, die Fußball-WM der Underdogs

Sie heißt Weltfußballmeisterschaft und ihre Teams kommen aus Tibet, Nordzypern oder Kaskadien. Ihre Fans finden die WM der Regionen und staatenlosen Völker viel spannender als die offizielle WM. Aus London Ruairi Casey.

Aus der ganzen Welt sind 16 Fußballmannschaften nach London gekommen, um ihre ganz eigene Weltmeisterschaft auszutragen - weit weg vom allmächtigen Weltverband FIFA. Sie alle haben eines gemeinsam: Die Teams von Barawa, Pandschab oder Abchasien spielen für Staaten, Minderheiten, staatenlose Völker und Regionen, die nicht Mitglied der FIFA sind. Ihr Verband heißt CONIFA (Confederation of Independent Football Associations), sitzt im schwedischen Lulea und gilt nicht unbedingt als bester Freund der FIFA. Offizieller Gastgeber der derzeitigen Weltfußballmeisterschaft ist Barawa, eine Stadt im Süden Somalias, deren Einwohner eine eigene Volksgruppe bilden. Gespielt wird in zehn Londoner Stadien, das Finale ist am 9. Juni. Darin stehen sich diesmal Nordzypern und die Karpatenukraine gegenüber.

Gegenentwurf zur FIFA

Die CONIFA-Weltfußballmeisterschaft - ein sorgfältig gewählter Begriff, der Rechtsstreitigkeiten vermeidet - wird seit der Gründung des Verbands 2013 jährlich ausgetragen. Seitdem ist die CONFIFA auf 47 Mitglieder aus fünf Kontinenten angewachsen. Insgesamt repräsentieren ihre Mitglieder 334 Millionen Menschen. Den Verband leiten die Mitstreiter ehrenamtlich.

Sie gestalten Entscheidungsprozesse und Finanzen transparent: So können Sitzungsprotokolle oder Beschlüsse einfach von der CONIFA-Website heruntergeladen werden. Damit schafft der Verband demonstrativ einen Gegensatz zur FIFA. Er will nicht nur Plattform für all diejenigen sein, die vom großen Weltverband ausgeschlossen sind, sondern auch für die von ihm Enttäuschten und Desillusionierten. Und von denen gibt es viele, angesichts der zahlreichen Skandale um gekaufte Stimmen, Pöstchenschiebereien und Zusammenarbeit mit fragwürdigen Ausrichtern wie etwa Katar.

"Ein Traum wird wahr"

Auf einem glatt gemähten Fußballplatz im Süden Londons versucht Justin Walley, seiner abgekämpften Mannschaft nach dem Spiel wieder Mut zu machen. Walley ist Trainer des Teams aus Simbabwes westlicher Region Matabeleland, das gerade mit 1:6 gegen den amtierenden CONIFA-Europameister Padania aus Norditalien verloren hat. Für die Simbabwer ein enttäuschendes Ende des ersten Wettkampfspiels.

London CONIFA Weltmeisterschaft 2018 (DW/R. Casey)

Die Mannschaft aus Matabeleland probt für die Eröffnungsfeier der CONIFA-WM 2018

"Viele Zuschauer sind gekommen, um euch zu unterstützen und bei vielen habt ihr euch Respekt erarbeitet", ruft Walley seiner Mannschaft zu und meint damit deren wiederkehrenden Kampfgeist in der zweiten Spielhälfte, die von leidenschaftlichem Gebrüll der Zuschauer begleitet wurde. Seine Worte scheinen zu wirken. Aus einem leisen Brummen formen sich schließlich die Stimmen der Spieler zu einem gut gelaunten Lied, der Niederlage zum Trotz. "Für viele von uns ist es ein Traum, an diesem Turnier teilzunehmen", erzählt Matabelelands Kapitän Bruce Sithole der DW. "Wir werden bis zum Ende kämpfen."

Vom Dorfplatz aufs Fußballfeld

Kämpfen musste sein Team bereits im Vorfeld, um überhaupt in London dabei sein zu können. Weil sie keine Sponsoren fand, setzte die Mannschaft auf ein Fundraising und auf den Verkauf von Trikots, um das Geld für Reise, Unterkunft und Teilnahme zusammenzubekommen. Das Trikot-Design, angelehnt an traditionelle Farben und Formen ihrer Heimat, war von den Fans in einer Online-Umfrage ausgewählt worden.

Die Spieler haben fast keine professionelle Fußballerfahrung und kommen aus den unteren Rängen der Fußballliga Simbabwes. "Einige dieser Jungs haben vor nicht allzu langer Zeit das erste Mal ihr Dorf verlassen", sagt die Kulturbotschafterin Matabelelands, Sisa Mkandla, die das Team von der Tribüne aus gemeinsam mit einem einen lebhaften Chor unterstützt.

London CONIFA Weltmeisterschaft 2018 (DW/R. Casey)

Matabelelands Kulturbotschafterin Sisa Mkandla feuert ihr Team an

Dieses Jahr sei ein besonders wichtiges für die Region Matabeleland - es sei schließlich das erste ohne Simbabwes langjährigen Diktator Robert Mugabe. "Alles ist neu. Wir haben einen neuen Präsidenten, eine neue Art, Dinge zu tun, eine neue Mannschaft aus Matabeleland, die zu einer Weltmeisterschaft kommt", sagt Mkandla. "Wer hätte sich vor zehn oder 20 Jahren so etwas vorstellen können? Das wäre nicht möglich gewesen. Aber hier sind wir!"

Unterdrückte oder Separatisten?

Die CONIFA preist sich selbst gerne als ein Verband, der jene aufnimmt, die von der Weltgemeinschaft oder ihren eigenen Regierungen unterdrückt werden. "Wir geben ihnen eine globale Plattform, die Möglichkeit, sich der Welt präsentieren zu können", sagte CONIFA-Präsident Per-Anders Blind der DW.

Kritiker dagegen werfen der CONIFA vor, sie fördere Nationalismus. Als ein Beispiel gilt die Mannschaft aus Padania - denn es war die rechtspopulistische und rassistische Lega Nord, die in den 1990er-Jahren mit dem Begriff "Padanien" die Region Nord- und Mittelitalien bezeichnete, die sich aus Sicht der Lega vom Süden abspalten sollte.

2015 kam es gar zu einem Eklat beim CONIFA-Europapokal: Das Austragungsland Ungarn weigerte sich, Spielern aus Abchasien und Südossetien ein Visum zu erteilen.

London CONIFA Weltmeisterschaft 2018 (DW/R. Casey)

CONIFA-Präsident Per-Anders Blind

Er freue sich, dass der diesjährige Wettbewerb frei von politischen Auseinandersetzungen sei - denn die gingen ab und an mit der Förderung nicht anerkannter Staaten einher, so CONIFA-Chef Blind. Blind selbst ist Schwede samischer Herkunft - sein Vater hütet immer noch Rentiere. Er verstehe, was es bedeute, sein Volk jenseits der Grenzen eines Nationalstaates zu vertreten. Der Schwede war erstmals 2006 als Schiedsrichter beim Vorgänger der CONIFA, dem NF Board, eingesetzt. Als sich dieser 2013 auflöste, entwarf er mit dem Deutschen Sascha Düerkop eine Verfassung für einen neuen Verband - die CONIFA.

Das besondere Etwas

In dem Moment, als er zum ersten Mal bei einem Spiel außerhalb der FIFA dabei war, sei ihm bewusst geworden, dass es dabei um mehr gehe als um Fußball, sagt Blind. Es sei dieses besondere Etwas in der Luft. Und wer nur ein bisschen Zeit bei diesem Turnier verbringt, der weiß, was der Schwede meint.

Besonders deutlich wird dieses Etwas beim Spiel Tibet gegen Nordzypern. Es ist ein heißer Nachmittag, an dem rund 1500 Fans auf den mit den Flaggen Tibets und Nordzyperns geschmückten Fußballplatz strömen und sich einen Platz am Spielfeldrand erkämpfen. Die Mehrheit der in Großbritannien lebenden Tibeter ist gekommen, einschließlich eines Vertreters des Dalai Lama.

London CONIFA Weltmeisterschaft 2018 (DW/R. Casey)

Tibetische Fans beim Spiel gegen Nordzypern

Aber auch aus Frankreich, der Schweiz und sogar den USA sind Tibeter angereist, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Mit dieser Übermacht kann selbst die in London stark vertretene türkisch-zypriotische Gemeinschaft nicht mithalten.

Ein Gewinn trotz Niederlage

Das Team bilden tibetische Studenten, die in Indien, Europa und Nordamerika leben. Die tibetische Gemeinschaft hat hart dafür gearbeitet, sie eine Woche früher nach London zu bringen, um die Mannschaft gemeinsam trainieren zu lassen. "Jede Möglichkeit für uns, unser Land auszurufen, ist eine große Chance", sagt Phuntsok Dalu. "Ich weiß, das Turnier hier ist viel kleiner als die FIFA-Weltmeisterschaft, aber für uns ist das eine große Bühne. Und für die Jungs ist es wirklich eine tolle Chance, Tibet zu vertreten."

Auf dem Spielfeld erzielt Stürmer Kalsang Topgyal für die tibetische Mannschaft kurz vor der Pause zwar noch einen Ausgleichstreffer, doch am Ende gewinnt das disziplinierte Nordzypern-Team die Partie mit 3:1. Das Ergebnis bedeutet zwar, dass sich Tibet nicht für die weiteren Runden qualifizieren kann, aber als die Spieler ihren Gegnern gratulieren und ihre Fans umarmen, sehen sie alles andere als geschlagen aus. 

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