Chinas Christen: Ein Leben wie im Käfig | Kultur | DW | 30.12.2013
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Kultur

Chinas Christen: Ein Leben wie im Käfig

In China praktizieren über 50 Millionen Christen ihren Glauben. Allerdings lieber im Untergrund als in den staatlich kontrollierten Kirchen. Doch vor allem diesen Christen drohen Schikanen, Unterdrückung und Haft.

Als Pastor Yun 1988 aus einem Lager zur sogenannten "Umerziehung durch Arbeit" entlassen wurde, sah er zum ersten Mal seinen vierjährigen Sohn. Vier Jahre lang war er als angeblicher Konterrevolutionär eingesperrt worden. 1991 wurde er wieder ins Arbeitslager geschickt. Diesmal wurden ihm "Störung der gesellschaftlichen Ordnung“ und "Subversion" vorgeworfen. Die dritte Haft folgte 1997. Diesmal aber gelang ihm auf abenteuerliche Weise die Flucht. Am Ende fand Yun Asyl in Deutschland. Seine Biographie "Himmelsbürger" wurde in 50 Sprachen übersetzt und zählt zu den Bestsellern christlicher Literatur in aller Welt.

"Hauskirchen" im Untergrund

Yun war Leiter einer protestantischen Hauskirche in der nordchinesischen Provinz Henan. Diese Gemeinden stehen im Gegensatz zu den staatlichen Kirchen. Die Patriotische Drei-Selbst-Bewegung der Protestantischen Kirche und die Katholische Patriotische Vereinigung wurden in den 1950er Jahren unter der Regie der Kommunistischen Partei Chinas (KP) errichtet. Der Name Drei-Selbst-Bewegung steht für Selbstverkündung, Selbstverwaltung und Selbsterhaltung. Die Betonung auf "Selbst" ist vor allem gegen Einflussnahme aus dem Ausland gerichtet. Chinas KP möchte die Kirchen in China isolieren und möglichst vollständig kontrollieren. Vielen Christen geht diese politische Einmischung zu weit. Auch Yun wollte mit dieser Kirche nichts zu tun haben: "Es waren keine Christen, die die offizielle Kirche leiteten, sondern Kommunisten, die an den Marxismus-Leninismus glauben," erinnert sich Yun. Christen wie er gründeten und gründen auch heute noch Hauskirchen - im Untergrund. Diese Hauskirchen sind nicht behördlich registriert, nicht offiziell anerkannt und deshalb illegal. Yun bezahlte sein Engagement mehrfach mit Arbeitslager.

Die Hauskirche Shouwang in Peking zum Beispiel hat über 1000 Mitglieder. Dennoch wurde sie viele Jahre geduldet. 2011 aber drehte sich der Wind. Seither werden die Mitglieder eingeschüchtert und schikaniert. Der Pastor und die Ältesten stünden seit über zwei Jahren unter Hausarrest, berichtet Bob Fu. Er ist Gründer von China Aid, einer Organisation gegen Christenverfolgung mit Sitz in den USA.

Bob FU

Bob Fu von China Aid sieht keine grundsätzliche Veränderung der Religionspolitik der KP

Selbst die offiziell anerkannte protestantische Kirche bleibt nicht verschont. Unlängst wurde Pastor Zhang Shaojie festgenommen, Vorsitzender der örtlichen Patriotischen Kirche in Puyang, einer Stadt in der Provinz Henan. Er habe versucht, die Gläubigen vor der Willkür und Verfolgung der Behörden zu schützen und sei selbst ins Visier der lokalen Behörden geraten, erklärt Menschenrechtsaktivist Bob Fu. Außerdem gebe es zunehmend Konflikte zwischen Kirche und Behörden wegen Zwangsumsiedlungen, Korruption oder anderen Ungerechtigkeiten.

Boomendes Christentum

Trotz aller Schwierigkeiten: Die Zahl der Christen in China steigt. Einige Autoren gehen von mehr als 100 Millionen aus. Dem Nationalen Büro für Religiöse Angelegenheiten zufolge sind rund 23 Millionen Chinesen offiziell registrierte Protestanten. Darüber hinaus sind laut einer Studie der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften mindestens 45 Millionen Protestanten in Hauskirchen organisiert.

Die Zahl der Katholiken in China werde auf rund zwölf Millionen geschätzt, sagt Pater Anton Weber vom katholischen China-Zentrum im rheinischen St. Augustin. Die Zahl der "offiziellen" Katholiken soll mit sechs Millionen dabei etwa genau so hoch sein wie die der katholischen Untergrundkirche. China hat keine offiziellen Beziehungen mit dem Vatikan. Und offiziell wird der Führungsanspruch des Papstes über die katholische Kirche Chinas von der Patriotischen Vereinigung, also der offiziellen Kirche, nicht anerkannt. Pater Weber hält das allerdings für reine Theorie.

In der Praxis fühlten sich fast alle chinesischen Katholiken eng mit dem Papst verbunden, sagt Weber, der seit 1991 oft in China unterwegs war. "Sie beten für den Papst. Sie wollen treu bleiben, und das nicht nur bei den Untergrundkatholiken, sondern auch bei den Katholiken der offiziellen Kirche", so der Kirchenmann aus St. Augustin. Das sei nicht immer so gewesen, betont Weber. Es habe eine Zeit gegeben, als man nicht einmal für den Papst beten durfte.

Symbolbild - Christentum und Christenverfolgung in China

Eine katholische Kirche in Shanghai. Der Bischof Ma Daqin steht bis heute unter Hausarrest

Papsttreue ist gefährlich

Öffentlich Papsttreue zu zeigen, kann auch heute zu ernsten Schwierigkeiten führen. Das zeigt der Fall Ma Daqin. Ma war letztes Jahr von der offiziellen Kirche zum Bischof von Shanghai geweiht worden. Aber auch Rom hatte Ma als Bischof anerkannt. Als der ankündigte, sich von der Patriotischen Vereinigung zu trennen, wurde er sofort unter Hausarrest gestellt.

Wer nicht gehorcht oder nicht gefügig ist, wird schikaniert, sagt Pater Weber. Schikanen richten sich vor allem gegen die Geistlichen der christlichen Kirchen, also gegen Priester und Bischöfe. "Manche werden zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt. Oder sie werden misshandelt oder unter Hausarrest gestellt. Oder ihnen werden Schulungskurse aufgezwungen, die schon sehr nah an Gehirnwäsche grenzen."

Verschiedene Priester und Bischöfe - vor allem der Untergrundkirchen - seien zur Zeit in Gewahrsam, sagt Pater Weber. Vor kurzem sei Bischof Liu Guandong aus der Diözese Yixian mit über 90 Jahren gestorben. Er habe 30 Jahre im Gefängnis verbracht. 1981 kam er frei, blieb jedoch unter strenger Beobachtung. Seit 1997 hielt er sich versteckt. "Liu hat jede Art von Kompromissen mit den Behörden abgelehnt," berichtet Weber, der noch viele ähnliche Schicksale kennt.

Hongkonger Bischof Joseph Zen Ze-kiun

Der Hongkonger Kardinal Zen Ze-kiun: "Ein Käfig bleibt ein Käfig."

"Ein großer Käfig"

Der Hongkonger Kardinal Zen Ze-kiun vergleicht die Glaubensfreiheit in China mit einem Käfig. "Ob klein oder groß, sogar wenn er sehr groß ist: Ein Käfig bleibt ein Käfig. Ein Vogel im Käfig ist nicht frei," sagt Zen gegenüber Journalisten. Die Reform der Wirtschaft und die damit verbundene Öffnung der Volksrepublik China hat zu gewissen Lockerungen geführt. In einigen Regionen werden christliche Veranstaltungen im größeren Umfang geduldet. Aber was die Religionspolitik der KP angeht, sieht Bob Fu keine grundsätzliche Veränderung.

Pastor Yun lebt heute in Frankfurt. Den Kontakt mit seiner evangelischen Hauskirche in Henan hält er per Internet. Zurück nach China darf er nicht.

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