Vandalismus auf dem Zionsberg | Nahost | DW | 29.12.2013
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Nahost

Vandalismus auf dem Zionsberg

Christliche Einrichtungen gehören zum Stadtbild von Jerusalem. Doch im letzten Jahr wurden sie vermehrt Zielscheibe anti-christlicher Attacken. Die Polizei vermutet radikale Juden als Täter. Festnahmen gibt es nicht.

Der Zionsberg gleich vor den Toren der Jerusalemer Altstadt ist Christen, Juden und Muslimen heilig. Jesus soll hier mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert, und auch der biblische König David seine letzte Ruhestätte gefunden haben. Fast ist der Ort ein Mikrokosmos der drei großen Weltreligionen. Doch in den letzen Monaten ist der Hügel, auf dem auch die benediktinische Dormitio-Abtei liegt (Artikelbild), in die Schlagzeilen geraten: Als Tatort anti-christlicher Angriffe.

"Jesus ist ein Hurensohn" oder "Tod den Christen" hatten Unbekannte im Mai auf die Klostermauer der Dormitio-Abtei gesprüht. Auch zwei Autos der Mönche wurden besprüht, Reifen zerstochen. Wenige Monate später wurde der protestantische Friedhof getroffen: Steinkreuze wurden zerbrochen, die Gräber beschädigt.

Anarchie auf dem Zionsberg

Bruder Nikodemus Schnabel auf dem Zionsberg (Foto: DW/Tania Krämer)

"Beinahe Anarchie auf dem Zionsberg": Pater Nikodemus Schnabel

"Allmählich herrscht auf dem Zionsberg fast Anarchie", sagt der Sprecher der Dormitio-Abtei, Pater Nikodemus Schnabel, der die Entwicklungen der letzten zwei Jahre mit Sorge sieht. "Das geht über Spannungen in der Nachbarschaft oder unschöne Begegnungen hinaus. Die gibt es überall auf der Welt, und in Jerusalem natürlich besonders. Aber dass man sich nicht sicher sein kann, ob man gesund auf den Zion kommen, sich nachts hier bewegen kann, oder wenn einfach auch massiv Sachen zerstört werden - das ist neu."

Dabei hat sich der junge Mönch aus Deutschland, der seit zehn Jahren in der Abtei lebt, längst an die religiösen Besonderheiten im Jerusalemer Alltag gewöhnt. "Wir erleben es oft, dass Leute vor oder hinter uns ausspucken. Dass wir selbst angespuckt werden, das machen nur die Mutigsten, das passiert zum Glück selten", erzählt Pater Nikodemus. Dazu kommen Verbalattacken gegen Jesus, den Glauben oder der Standardsatz 'Go home to Italy'. " Wir kommen aus acht verschiedenen Nationen, aber keiner von uns ist Italiener. In dem Horizont der Leute ist es wohl so, dass jeder Mönch aus Italien kommt", sagt er lächelnd.

Suche nach den Tätern erfolglos

Die israelische Polizei nahm kurz nach dem Vorfall auf dem Friedhof vier junge Israelis fest. Zwei davon sollen der sogenannten "Hügeljugend" angehören: junge radikale Siedler, die sonst im palästinensischen Westjordanland ihr Unwesen treiben. Doch nach zwölftstündigem Verhör hätte man sie wieder gehen lassen müssen, sagt Micky Rosenfeld, Sprecher der israelischen Polizei. Die Verdächtigen hätten glaubhaft machen können, nur eine Mikveh, ein jüdisches Ritualbad, auf dem Friedhof suchen zu wollen. Die Ermittlungen dauern an, Täter wurden bislang nicht gefasst.

Ariel Scharon auf dem Tempelberg, 8,9. 2000 (Foto: DW/Tania Krämer)

Umkämpftes Terrain: Ariel Scharon auf dem Tempelberg. Der Besuch löste im Jahr 2000 die zweite Intifada aus

Die Täter sucht die Polizei im Umfeld der nationalreligiösen jüdischen Siedlerjugend, die für ihre Ziele auch Gewalt in Kauf nimmt. "Preisschild-Attacken" werden solche Angriffe genannt. Damit machen jüdische Rechtsextremisten deutlich, dass jeder Angriff auf ihr Weltbild einen "Preis" hat. Bislang richten sich ihre Angriffe vor allem gegen Muslime im israelisch besetzten Westjordanland: Olivenhaine werden zerstört, Moscheen angezündet. Zunehmend sind auch säkulare jüdische und christliche Einrichtungen Ziel der Hass-Attacken. Die Angriffe auf Personen oder heilige Stätten treffen aber nicht nur Christen. Auch die Schändung von Moscheen, Synagogen, muslimischen und jüdischen Friedhöfen hat zugenommen: 2013 wurden insgesamt 39 Angriffe auf heilige Stätten von der Organisation Search for Common Ground registriert. Das seien mehr als doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren.

Auf dem Berg Zion könnten einige Mitglieder der radikalen "Hügeljugend" in einer Jeshiva untergekommen sein. Das zumindest vermutet man bei der Polizei. Die Diaspora-Jeshiva, in der rund 130 Studenten Tora lernen, liegt direkt neben der Benediktiner-Abtei. Der Leiter der Tora-Schule, Rabbi Avraham Goldstein, weist den Verdacht gegen einige seiner Studenten entschieden von sich: "Als ich von den Übergriffen auf den Friedhof hörte, war ich schockiert", sagt Rabbi Goldstein. "So etwas lehren wir hier nicht. Wir lehren, dass Rabbiner der Welt Frieden bringen." Und die Übergriffe? Sie könnten von vielen Leuten stammen, auch von Muslimen oder Gruppen innerhalb der Kirche. "Wir versuchen alles, um die Situation zu beruhigen", erklärt der Rabbiner. "Unsere Beziehungen zu den Nachbarn ist gut, wir haben doch gerade erst das jüdische Hanukkah zusammen gefeiert."

Wenig Aufklärung

Orthodoxe Pilger auf der Via Dolorosa, 3.5. 2013 (Foto: REUTERS)

Glaubensstark: Orthodoxe Pilger auf der Via Dolorosa

In der Dormitio-Abtei heißt man jeden Dialog willkommen. Doch hofft man vor allem auf mehr Hilfe von staatlicher Seite. Bei der israelischen Polizei stehe die Aufklärung der "kriminellen Aktivitäten mit nationalitischem Motiv" ganz oben auf der Prioritätenliste, betont Polizeisprecher Micky Rosenfeld. "Wir haben die Präsenz von Polizeipatrouillen verstärkt und die Anzahl der Kameras nochmals erhöht." 320 Kameras überwachen die Altstadt und Umgebung. Trotzdem wurde noch kein Täter überführt. Das sieht man auch im lateinischen Patriarchat kritisch: "Die Angriffe auf heilige Stätten und Personen häufen sich, und es gibt keine strafrechtlichen Konsequenzen", sagt Wadie Abu Nasser, Sprecher des lateinischen Patriarchats. "Ich denke, der Staat Israel kann da viel mehr tun."

Das meinen auch Israelis wie Yisca Harani, Expertin für christliche Geschichte. "Wenn ein Palästinenser jüdische Grabsteine zerschlagen hätte, hätte man den Täter längst überführt", sagt Harani. Gemeinsam mit anderen Israelis hat sie eine Lobbygruppe gegründet, um auf höchster Ebene auf das Problem aufmerksam zu machen. "Der Zionsberg ist wie eine Metapher für unser Land. Es ist schlimm, dass hier solche Dinge passieren." Bei den Mönchen in der Dormitio ist man froh über jede Unterstützung. "Ich würde mir wirklich wünschen, dass man auch von offizieller Seite erkennt, dass der Zion ein Problembrennpunkt geworden ist", sagt Pater Nikodemus Schnabel. "Dabei sollte es doch ein Ort sein, den Pilger zu jeder Tag und Nachtzeit unbeschwert betreten können - egal ob Juden, Christen oder Muslime."

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