China zwischen Pandemie und Prestige: ″Mir steht nicht der Sinn nach Sportevents″ | Sport | DW | 20.09.2022
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Sport

China zwischen Pandemie und Prestige: "Mir steht nicht der Sinn nach Sportevents"

Deutschlands Tischtennis-Ass Dang Qiu reist als Frontmann zur Team-WM nach Chengdu. Für China ist es das erste Sport-Großereignis nach Olympia. Die Null-COVID-Politik sorgt für strikte Regeln und Frust bei Einwohnern.

Deutschlands Tischtennis-Ass Dang Qiu bei einem Spiel. Er spielt mit hochkonzentriertem Blick einen Vorhandball. Charakteristisch zu erkennen ist seine Penholder-Griffweise.

"Eine schöne Bestätigung", sagt Deutschlands Dang Qiu selbstbewusst zur Nominierung für die Team-WM

Dang Qiu ist gut gelaunt. Vor wenigen Wochen hat der 25 Jahre alte Deutsche den EM-Titel gewonnen. "Im richtigen Moment abgeliefert zu haben, das freut mich daran besonders”, verrät er im Gespräch mit der DW direkt nach dem Training in Düsseldorf. "Auf diesem Erfolg ausruhen werde ich mich aber definitiv nicht." Sein Blick geht schon weiter: Bei der anstehenden Team-WM wird er zum ersten Mal das deutsche Nationalteam anführen. Es ist der erste Schritt zu einem Generationswechsel, der sich langsam andeutet. Nach erfolgreichen Jahren mit Topspielern wie Timo Boll and Dimitrij Ovtcharov, seinen Vereinskollegen in Düsseldorf, steht Qiu erstmals als Einzelspieler bei einer WM in der ersten Reihe.  

Nicht nur deswegen stehen die Titelkämpfe unter besonderen Vorzeichen. "Wir wissen, dass die Corona-Pandemie in China sehr viel strikter bekämpft wird. Darauf müssen wir uns einstellen”, erzählt Richard Prause, der Sportdirektor des deutschen Teams. "Insgesamt mit einem guten Gefühl" fahre er nächste Woche nach China, sagt Qiu. Er spricht die Sprache, hat dort Familie, es ist die Heimat seiner Eltern - und doch "bleiben ein paar Bedenken, vor allem, wenn ein Corona-Test positiv ausfallen würde." 

Lockdown in Chengdu  

In Chengdu, dem Austragungsort der Team-WM, wurde ein  strikter Lockdown erst Anfang dieser Woche aufgehoben. Mehr als zwei Wochen mussten die 21 Millionen Einwohner zu Hause verbringen.

Jetzt werden die Regeln gelockert. Einschränkungen, wie das Verbot zwischen gewissen Stadtvierteln zu pendeln, gelten weiterhin, ebenso wie vorgeschriebene Corona-Testungen. Es überwiegt jedoch die Erleichterung der Menschen über die wiedererlangte Bewegungsfreiheit. Die vom Frühjahr in den Herbst verlegte Tischtennis-WM bewegt die Gemüter dagegen bisher kaum. 

China I Stadtansicht von Chengdu

21 Millionen-Metropole: Chengdu im Süden Chinas

Dabei ist die Bedeutung enorm. "Alle anderen Großveranstaltungen verschiedener Sportarten wurden abgesagt, das unterstreicht den Stellenwert von Tischtennis in China”, betont Richard Prause, der Sportdirektor des Deutschen Tischtennisbundes. Nach den olympischen Winterspielen ist die Team-WM das wichtigste Sportereignis dieses Jahres in China. "Darauf sind wir sehr stolz”, erklärt auch ein Sprecher des Tischtennis-Weltverbandes ITTF auf Anfrage der DW. "Wir haben hart dafür gearbeitet, dass die mehr als 1000 Teilnehmenden auf höchstem Niveau spielen können."

Fans werden wohl nicht dabei sein

Wie die Spiele in Peking wird das Turnier in einer "Blase" stattfinden. Schutzmasken sind fast überall ein Muss. Die Teams sind von der geltenden Quarantänepflicht bei der Einreise nach China zwar ausgenommen, dürfen aber während der Wettkämpfe festgelegte Areale im Umfeld der Halle und der Hotels nicht verlassen. "Das reicht aus", meinen Qiu und Prause vom deutschen Team. "Wichtig ist, dass es die Möglichkeit gibt, mal eine kleine Runde an der frischen Luft zu drehen. Große Ausflüge wären auch unter normalen Umständen gar nicht drin", gibt der Sportdirektor zu bedenken. Strikt bleiben die Regeln für chinesische Helfer und das Hotelpersonal, die in direktem Kontakt stehen: Sie müssen nach der WM in Quarantäne. 

Symbolbild I Tischtennis Fans aus China

Prause: "Frenetische Fans werden fehlen"

"Es ist sehr bitter für die chinesischen Tischtennis-Fans, dass sie wegen der strengen Regeln ihre Idole nicht in der Halle anfeuern können," kritisiert eine lokale Sportzeitung im Süden Chinas. "Kleine Gruppen werden auf Einladung dabei sein - ähnlich wie bei den Winterspielen", heißt es dagegen von Seiten des Weltverbands. Viele Fans in Chengdu und aus anderen Regionen hoffen jedenfalls darauf, dass sie doch noch die Chance bekommen, vor Ort dabei zu sein. In der Realität wird das äußerst schwierig, weil auch bei Reisen innerhalb Chinas Quarantäneregeln in Kraft sind.  "Ich würde die Turnierspiele wahnsinnig gerne besuchen. Aber wegen der COVID-Situation sollte ich mir wohl keine Hoffnungen machen. Das macht mich traurig", heißt es in einem Post eines Weibo-Nutzers. 

Null-COVID-Politik bringt große Einschnitte 

China hält als eines der wenigen Länder weiterhin an seiner Null-COVID-Politik fest. Strikte Lockdowns in Städten und ganzen Regionen, drakonische Maßnahmen und vorgeschriebene Massentests sind die Instrumente der Behörden. Anfang September waren in China 33 Städte und damit 65 Millionen Einwohner von einem Lockdown betroffen, rechnet das Wirtschaftsblatt Caixin vor. Das bremst die wirtschaftliche Entwicklung, die Unzufriedenheit wächst.  

Song Song betreibt eine Software-Firma in Chengdu. Im Gespräch mit der DW erzählt sie, dass ihr Betrieb heftige Einbußen verkraften müsse, weil viele der Kunden in die Pleite gerutscht seien. "Mir steht der Sinn gerade nicht nach irgendwelchen Sportevents. Ich habe Sorge, wie meine Firma weiter überleben kann", erzählt sie. "Viele meiner Kunden aus der Dienstleistungsbranche können kaum den Lohn ihrer Angestellten zahlen." Ein anderer Einwohner Chengdus, der lieber anonym bleiben möchte, kritisiert, dass die Stadt viel Geld für ein Sportevent aufwende, von dem die Anwohner in Chengdu jedoch kaum profitierten. Menschen, die, wie er sagt, noch an den Folgen des Lockdowns litten und von denen einige tagelang ohne Nahrung hätten auskommen müssen. 

Die Furcht vor einem weiteren COVID-Ausbruch geht um. Und die Vermutung, dass die  Behörden die Lockerungen möglicherweise verfrüht veranlasst haben könnten, um die Tischtennis-WM nicht zu gefährden. Deren Teilnehmer, die ohne Quarantäne anreisen, könnten das Virus wieder in die Stadt bringen, befürchten manche Anwohner in ihren Weibo-Posts - allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz. "Wenn die Ausländer wieder abgereist sind, sitzen wir vielleicht wieder im Lockdown", heißt es in einer dieser Textnachrichten.  

China zwischen Pandemie und Prestige

China ist die einzige große Volkswirtschaft, die ihre Grenzen auch nach zwei Jahren Pandemie geschlossen hält. Solange die Null-COVID-Politik andauert, gibt es Zweifel daran, ob das Land künftig große Sportveranstaltungen ausrichten kann und wie sich der enorme Aufwand dafür rechtfertigen lässt. Experten weisen jedoch darauf hin, dass es für China eine Prestigefrage ist.

Tokio I Olympia 2020 I Tischtennis

Olympiasieger Ma Long spielt für China in Chengdu

"Solche Großveranstaltungen erfolgreich zu organisieren, ist für China von großer Bedeutung", erklärt Shi Chenyu von der Shanghai Sport-Universität gegenüber der DW. "Damit kann es beweisen, dass China über überlegene organisatorische Fähigkeiten verfügt, selbst wenn es gegen eine Pandemie kämpft."

Ums Prestige geht es für China natürlich auch an der Platte. Der Rekordweltmeister ist bei der Team-WM seit 20 Jahren ungeschlagen. Das deutsche Team holte 2018 Silber. Dang Qiu fokussiert sich kurz vor der Abreise jedenfalls auf das Sportliche. In Chengdu starte er als Teil einer "relativ unerfahrenen und jungen Mannschaft, aber einer mit Potential", sagt der Europameister. In Abwesenheit von Boll, Ovtcharov und Co. hat das deutsche Team wieder eine Medaille im Blick. Und danach? Danach unterwirft sich Qiu freiwillig den Null-COVID-Mühlen. Für kleinere, aber wichtige Einzelturniere reist er nach Macau und wieder zurück nach China. Quarantäne auf Hin-und Rückweg inklusive.