China: Auf dem Weg zum ″qualitativen Wachstum″? | Wirtschaft | DW | 17.01.2020
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Konjunktur

China: Auf dem Weg zum "qualitativen Wachstum"?

6,1 Prozent. Die Wachstumsrate der chinesischen Wirtschaft für 2019 ist die niedrigste seit 30 Jahren. Aber ist das eigentlich ein Problem? Oder liegen die Probleme nicht ganz woanders?

Noch im Jahr 2013 zitierte ein deutscher Radiosender den damaligen und heutigen Ministerpräsidenten Chinas Li Keqiang mit der Einschätzung, sein Land brauche ein Wirtschaftswachstum von wenigstens 7,2 Prozent, um einen stabilen Arbeitsmarkt gewährleisten zu können. So könnten jährlich zehn Millionen neue Jobs geschaffen werden, und die Arbeitslosenquote bliebe in Grenzen.

Damals lag diese Quote bei gut vier Prozent, und das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts erreichte muntere 7,3 Prozent. Li Keqiangs Äußerung passte zur gängigen Weisheit, dass allein durch (hohes) Wachstum die chinesischen Herrscher dafür sorgen könnten, in die Städte nachrückende Landbewohner in Lohn und Brot zu bringen. Dadurch sinke das eklatante Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land und es sei für soziale Stabilität gesorgt - Voraussetzung jeder stabilen Herrschaft.    

Infografik China Wirtschaftswachstum

Der Bevölkerungsdruck lässt nach

Sieben Jahre später wird bei einem Wachstum von 6,1 Prozent mit einer Arbeitslosigkeit von 3,8 Prozent gerechnet - soziale Unruhen auf dem Terrain sind nicht bekannt. Das mag daran liegen, dass der Bevölkerungsdruck in dem an Einwohnern größten Land der Erde nachlässt, die Zahl der arbeitsfähigen Menschen schrumpft. Ob allerdings die seit vielen Jahren bei vier Prozent klebende Quote der Arbeitslosen so ganz richtig ist, wird im Land durchaus bezweifelt, berichtet etwa der Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Rückgang der Arbeitsbevölkerung aber steht außer Zweifel.

China Senioren (Getty Images/China Photos)

Alte Leute in Shanghai

Für das laufende Jahr rechnen Ökonomen nach einer Umfrage des Wirtschaftsdienst Bloomberg für China noch mit einem Wachstum von 5,9 Prozent. Gleichzeitig aber kommt das Institute für Economic Research an der Volks-Universtät in Peking zu dem Schluss, dass die kommunistische Führung eines ihrer wichtigsten Ziele auch mit einem Wachstum von 5,8 Prozent noch erreichen könnte: Das Versprechen nämlich, das Einkommen der Menschen im Land von 2010 bis 2020 zu verdoppeln.

720 Millionen Arme

Auch auf diesem Gebiet hat China zwar einen beeindruckenden Weg zurückgelegt. Noch Mitte des letzten Jahrhunderts lag die chinesische Wirtschaftsleistung pro Kopf unter der von 1820, entsprechend hoch war die Armut. Mittlerweile gibt es eine stattliche Anzahl von Milliardären, eine wohlhabende Mittelschicht breitet sich aus. Aber dennoch liegt China derzeit auf der weltweiten Wohlstandsskala nur auf Platz 80 - es dauert Prognosen zufolge noch bis ins Jahr 2049, bevor China eine vollentwickelte Industrienation sein wird. Mit entsprechendem Wohlstand für eine breite Bevölkerung. Noch wird die Zahl der armen Bauern und Wanderarbeiter auf 720 Millionen geschätzt - bei insgesamt 1,4 Milliarden Einwohnern.

Infografik China Arbeitslosenquote

Wenn also das Pro-Kopf-Einkommen der Chinesinnen und Chinesen im letzten Jahr in etwa bei dem der Bevölkerung Mazedoniens oder Algeriens liegt, bleibt noch einiges zu tun - selbst wenn das Land, wie manche mutmaßen, im Jahr 2028 die USA als größte Volkswirtschaft der Erde ablösen sollte. Wobei in den USA nur etwa 327 Millionen Menschen leben, eine Viertel der Bevölkerungszahl Chinas.

Auf Pump erkauft

Ein gewisser sozialer Frieden ließe sich also auch bei weniger als sechs Prozent Wachstum halten. Für den Entwicklungsprozess wäre das nicht schlecht, urteilte jüngst das Wochenblatt Die Zeit: "Derzeit schrumpft das Wachstum auf ein gesundes Maß." Die Einschätzung zielt unter anderem auf ein potentiell brisantes Problem der chinesischen Wirtschaft: Vieles vom bisherigen Wirtschaftswachstum ist auf Pump erkauft.

Das gilt nicht nur für die anhaltende Förderung defizitärer und ineffektiver staatlicher Großkonzerne. Es gilt auch für teure Investitionsprogramme für Flughäfen, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitszüge. "Wohlstandszuwachs durch öffentliche Investitionsexzesse in den Provinzen teuer erkauft", so nennt das Die Zeit.

Kaum verwunderlich, dass die Schulden des Landes gigantisch sind. Die Gesamtverschuldung liegt nach einer Meldung der Neuen Züricher Zeitung bei knapp 300 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Diese Schulden sind breit gestreut, bei Banken, Regionen, Staatsbetrieben und privaten Haushalten. Neben Konsumangeboten befördern mangelnde Vorsorgemöglichkeiten diese private Verschuldung - um für Alter und Krankheit vorzusorgen. Mehr als die Hälfte der privaten Schulden entfallen übrigens anderen Quellen zufolge auf Immobilienkredite. Und das Volumen fauler Kredite bei den Banken ist stark gestiegen. Eine Zeitbombe, wenn man an die Welt-Finanzkrise von 2008 denkt.

Eröffnung Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn Hongkong und chinesischem Festland (Getty Images/AFP/Tyrone Siu)

Investitionsobjekt in China, Bahnhof Shenzhen

Qualitatives Wachstum

So befindet denn inzwischen das Sprachrohr der Kommunistischen Partei China People's Daily in einem Kommentar, die sechs Prozent Wachstum seien "keine wichtige Schwelle" mehr, die Qualität des Wachstums sei entscheidend.

"Noch mehr Maschinen und Straßen braucht China nicht", meinte schon im letzten Jahr eine Autorin von Le Monde Diplomatique. "Stattdessen fehlt es vor allem an einer staatlichen Sozialversicherung." Auch dadurch würden dann neue Arbeitsplätze entstehen, etwa in Krankenhäusern oder Altersheimen.

Ob 'qualitatives' Wachstum oder Wachstum ohne Qualität -  wird es in China geringer, hat das Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. So berechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) folgendes Szenarium: "Wenn das chinesische BIP bis 2028 real jährlich um einen Prozentpunkt weniger wächst, als derzeit angenommen, würde das Wachstum des weltweiten BIP um insgesamt 2.8 Prozentpunkte geringer ausfallen." Bräche Chinas Wachstum gar um drei Prozent ein, so würde es weltweit acht Prozent Wachstum weniger geben.

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