Chemnitz fürchtet um seinen Ruf | Deutschland | DW | 28.08.2018
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Nach den Ausschreitungen

Chemnitz fürchtet um seinen Ruf

Gewalt zwischen rechten und linken Demonstranten, Angriffe auf Ausländer und eine überforderte Polizei prägen seit dem Wochenende das Bild der Stadt - zu Unrecht, sagen viele Chemnitzer. Ben Knight berichtet.

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Rechte Gruppierungen in Sachsen: Gespräch mit Werner Patzelt, Politikwissenschaftler

Am Tag nach neuen gewaltsamen Massendemonstrationen in Chemnitz gehen die Einwohner wieder ihren normalen Alltagsgeschäften nach. Rechte Demonstranten und linke Gegendemonstranten konnten von der Polizei kaum auseinandergehalten werden; es gab mehrere Verletzte. Nach jüngsten offiziellen Zahlen standen sich 6000 rechte Demonstranten, darunter Neonazis aus allen Teilen Deutschlands, und gut tausend Gegendemonstranten verschiedener linker Organisationen gegenüber. 

Die Polizei meldete anschließend rund 20 Verletzte durch Feuerwerkskörper und Steine, die von beiden Seiten geworfen wurden. Von der Straße aus hatte man den Eindruck, als hätten hier zwei Subkulturen, die es in Deutschland schon seit Jahrzehnten gibt, wieder mal eine Gelegenheit gefunden, aufeinander loszugehen, während die Chemnitzer sich heraushielten und höchstens aus sicherer Entfernung zuschauten.  

Auffällig war, dass die Parteien, sogar die AfD, sich von den Demonstrationen fernhielten. Auch bei der Gegendemonstration, die von Tim Detzner, dem Chef der Chemnitzer Linkspartei, organisiert wurde, waren keine Parteifahnen oder -banner der Linkspartei zu sehen.

Verwirrung und Ärger

Den Einkäufern auf dem alten Marktplatz von Chemnitz ist die mediale Aufmerksamkeit, die ihre Stadt jetzt bekommt, gar nicht recht. Die meisten Passanten weichen Fragen aus, und kaum jemand möchte seinen vollen Namen nennen. "Der Staat muss unbedingt etwas gegen den zunehmenden Nazismus tun", sagt ein älterer Mann der Deutschen Welle. "Das hat nichts mehr mit Demokratie zu tun. Das zerstört die Demokratie. Die Gefahr besteht seit langem. Der Nazismus versteckt sich meist, aber hier hat er sein Gesicht gezeigt, und zwar in einem Ausmaß, das ich hier nie für möglich gehalten hätte. Chemnitz war immer sehr ruhig. Aber dieser Mord, der hat ihnen natürlich in die Hände gespielt."

Deutschland, Chemnitz: Mord an Daniel H. Der Tag danach (DW/B. Knight)

Als wenn nichts gewesen wäre: Der Chemnitzer Marktplatz am Tag danach

Andere Passanten haben Verständnis für die Demonstration der Rechten; durch die Flüchtlinge in der Stadt fühlten sie sich weniger sicher, sie hätten Angst. "Man hört von Vergewaltigungen und ich weiß nicht von was noch alles, und man sieht, wie sie sich abends in der Stadt versammeln, und dann geht man schnell vorbei", sagt eine junge Frau. "In diesem Land muss sich was ändern."

"Die Stimmung jetzt ist furchtbar", findet Brigitte, die nur ihren Vornamen angeben will. "Nachts hier ist es schlimm", sagt sie und deutet auf die breite Einkaufsstraße hinter sich. "Alle diese dunkelhäutigen Menschen, ich weiß nicht, woher sie kommen. Einige von ihnen sind in Ordnung, aber ständig gibt es Konflikte." Doch normalerweise fühle sie sich sicher, fügt sie hinzu, der Anblick von Nazis in der Innenstadt sei "schrecklich".

Einer dieser "dunkelhäutigen Menschen", der junge Syrer Jamel, der sich am Montag der Gegendemonstration angeschlossen hatte, sagt, er sei "dankbar, dass nicht jeder glaubt, wir seien wie dieser Mann" - er meint den 23 Jahre alten Syrer, der unter dem Verdacht, Daniel H. erstochen zu haben, festgenommen wurde. Jamel sagt, er sei mitgegangen, "um zu sehen, was diese Neonazis gegen uns haben".

Sorge und Spannungen

Die Ereignisse der vergangenen Tage hätten für die Flüchtlingsdebatte in Deutschland kaum giftiger sein können: Ein junger Deutscher (auch wenn er als Halbkubaner ebenfalls etwas dunklere Haut hatte) starb nach Messerstichen in einem Streit. Die mutmaßlichen Täter: Zwei Männer nahöstlicher Herkunft. All dies in einer  Großstadt in Sachsen, einem Bundesland, in dem nach der jüngsten Umfrage jeder Vierte die AfD wählen würde.

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In der Chemnitzer Brückenstraße, wo der tödliche Streit in der Nacht auf Sonntag während des Stadtfestes ausgebrochen war, werden unterdessen immer mehr Blumen und Kerzen zum Gedenken an den 35jährigen Toten abgelegt. Ein Mann, der dabeisteht, zeigt gegenüber der Deutschen Welle Verständnis, dass Leute auf die Straße gehen, um gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu protestieren. "Sie sollen die Probleme im Ausland lösen, damit die Migranten zuhause bleiben. Man kann doch die Demos verstehen, wenn Leute erstochen werden. Früher ist sowas nicht passiert. Man kann das nicht beschönigen. Wir wollen nur unsere Ruhe haben. Und dann sind die Leute überrascht, wenn die AfD stärker wird! Das Land ist gespalten. Aber das da" - er deutet auf die Blumen - "das können wir nicht akzeptieren".

Eine Frau findet dagegen, die Migrationsfrage sei nur ein Vorwand. "So viele Flüchtlinge sind es doch gar nicht. Wenn ich ehrlich bin, habe ich hier nur gute Erfahrungen mit Ausländern gemacht. Ich bin zweimal auf der Straße schlimm gefallen, und wer hat mir geholfen? Ausländer! Die Deutschen sind einfach vorbeigegangen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn sie zu uns kommen - wenn sie sich benehmen, nach ein, zwei Jahren die Sprache lernen und sich an die Gesetze halten, habe ich nichts dagegen."

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