Charité hilft Ecuador in der Corona-Krise | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 16.06.2020
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COVID-19

Charité hilft Ecuador in der Corona-Krise

Mit Guayaquíl verbindet man seit dem Ausbruch des Coronavirus Bilder von Dutzenden Toten, die einfach auf der Straße abgelegt wurden. Virologen der Berliner Charité waren nun in Ecuador - mit COVID-19-Testkits im Gepäck.

Experten aus Deutschland übergeben ein symbolisches Testkit-Paket an Ecuadors Präsidenten (GIZ)

Experten aus Deutschland übergeben ein symbolisches Testkit-Paket an Ecuadors Präsidenten Moreno

Als sich Mitte April in der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquíl die Leichen auf den Straßen häufen, als Ecuador zum Corona-Hotspot Lateinamerikas wird und Guayaquíl als Stadt des Schreckens Bergamo in Italien ablöst, ist auch der Virologe Andrés Moreira-Soto geschockt. Schließlich liegt Ecuador nicht weit von seiner Heimat Costa Rica entfernt.

Der Wissenschaftler der Berliner Charité denkt aber auch: "Da ist etwas passiert, dass wir unbedingt wissenschaftlich untersuchen müssen". Moreira-Soto bricht nur einige Wochen später mit einem fünfköpfigen Team von Ärzten auf - und versteht heute viel besser, warum Ecuador damals an seine Grenzen stieß.

Särge mit Corona-Opfern in Guayaquíl (AFP/j. Sanchez)

Särge mit Corona-Opfern in Guayaquíl (im April): Stadt des Schreckens

"In Guayaquíl war die Ansteckungsrate anfangs extrem hoch. Und die Ärzte und Virologen mussten mit dem arbeiten, was sie hatten", sagt Moreira-Soto, der seit Jahren an der Charité an Arboviren forscht, aber auch die Übertragung von Wildtierviren auf den Menschen untersucht. "Es gab kein strukturiertes System bezüglich der vielen Corona-Tests, die ausgewertet werden mussten. Aber so etwas ist ja nicht nur in Ecuador passiert, sondern in vielen Ecken der Welt."

Bevölkerung braucht mehr Informationen zum Virus

Heute zählt Ecuador über 47.000 Corona-Infizierte, die Hälfte davon gilt als genesen. Fast 4.000 Menschen sind offiziell in dem kleinen Land an den Folgen einer Ansteckung mit COVID-19 gestorben, in Lateinamerika gibt es nur in Brasilien, Mexiko und Peru mehr Corona-Tote.

Und das hat für Andrés Moreira-Soto einen einfachen Grund: "Ecuador hat hier in kürzester Zeit sehr viel auf die Beine gestellt, die Leidenschaft der Ärzte ist trotz der Schwierigkeiten, denen sie gegenüberstehen, beeindruckend."

Das größte Problem sei aber - wie auch in anderen Teilen Lateinamerikas - der Mangel an Informationen, so der Virologe der Charité: "Wissenschaftliche und valide Informationen müssen einfach mehr in der Bevölkerung verbreitet werden." Außerdem fehle es in Ecuador an finanziellen Mitteln und demzufolge auch an Tests.

Deutsche Experten im weltweiten Einsatz

Dass Virologen wie Andrés Moreira-Soto überhaupt nach Ecuador fahren konnten, haben sie Menschen wie Kirstin Meier zu verdanken. Meier ist Mitarbeiterin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und verantwortet den Ecuador-Einsatz der SEEG, der Schnell Einsetzbaren Expertengruppe Gesundheit. "Die SEEG wurde 2015 als Antwort auf die Ebola-Fieberkrise in Westafrika gegründet. Die Bundesregierung wollte schneller aufKrankheitsausbrüche reagieren", sagt Meier.

Nach Sri Lanka schwärmten die deutschen Experten aus, um zu helfen, das Dengue-Fieber einzudämmen, in Peru testeten sie schwangere Frauen auf das Zikavirus, in Sierra Leone packten sie im Kampf gegen das Lassafieber mit an. Für die Corona-Krise heißt das: Testkits, Labormaterial und Training von Ärzten in Namibia, Benin und Kolumbien.

Ärzte im Referenzlaboratorium INSPI in Guayaquíl (GIZ)

Ärzte im Referenzlaboratorium INSPI in Guayaquíl: die Charité Ecuadors

Allein für Ecuador hatte das Team 1000 sogenannte PCR-Testkits im Gepäck - "der Goldstandard", sagt Meier mit einem Lachen, "mit diesen kann man sicher diagnostizieren, ob jemand an COVID-19 erkrankt ist." Die Schnelltests, die auch in Ecuador im Umlauf seien, zeigten dagegen oft falsche Ergebnisse.

Dezentralisierung als erster Schritt

Alle gelieferten Corona-Tests sind für die nördlichen Provinzen Esmeraldas, Carchi und Sucumbíos bestimmt - die Grenzregion zu Kolumbien, in der sich auch viele venezolanischen Flüchtlinge aufhalten und in der medizinische Hilfe am nötigsten ist. "Hier in Ecuador wird sehr zentral getestet, viele Proben werden in die Metropolen Quito und Guayaquíl geschickt", sagt Kirstin Meier.

Das Problem: Die Patienten müssen so bis zu einer Woche auf das Ergebnis warten, oft verschlechtert sich währenddessen ihr Zustand. Die deutschen Experten wollen deshalb die Dezentralisierung forcieren. "Auch in den Provinzen müssen Labore in der Lage sein, zu testen. Und wenn ein kleines Labor zum Beispiel 100 Proben pro Tag bearbeiten kann, hilft das schon enorm", so Meier.

Ecuador im Kampf gegen Corona besser gerüstet

Was in Deutschland die Berliner Charité im Kampf gegen das Coronavirus ist, ist in Ecuador das INSPI in Guayaquíl, das "Instituto Nacional de Investigación en Salud Pública". Und wenn man so will, ist der Institutsleiter der Vorzeigeklinik Alfredo Bruno so etwas wie der Christian Drosten Ecuadors. Bruno war auch in dem Forscherteam, das 2009 in Ecuador das Influenza-Virus AH1N1 entdeckte.

Zur aktuellen Situation in Ecuador sagt er: "Wir haben das Virus derzeit besser unter Kontrolle, die Neuinfektionen sinken, das Gesundheitssystem ist täglich besser vorbereitet. Auch die Ärzte und die Wissenschaftler sind an der Aufgabe gewachsen."

Alfredo Bruno
(privat)

INSPI-Chef Bruno: "Wir mussten alles umstrukturieren"

Damit meint Bruno wohl auch sich selbst. Als die Corona-Krise in Guayaquíl vor zwei Monaten auf ihrem Höhepunkt ist, drückt der Virologe tagelang kein Auge zu. An Schlaf ist auch nicht zu denken, Ärzte und Laboratorien in Ecuador stoßen an ihre Grenzen: "Wir mussten alles umstrukturieren. Damals haben wir nur mit fünf Personen im Labor gearbeitet, jetzt sind wir 50."

Respektvoller Blick nach Deutschland

Vor allem die Menschen in Guayaquíl hätten anfangs das Virus und die Ansteckungsgefahr unterschätzt, so Bruno. Abstände wurden nicht eingehalten, keine Masken getragen, das nationale Gesundheitssystem stand kurz vor dem Zusammenbruch. Der INSPI-Chef schaute schon damals ein wenig neidisch nach Deutschland: "Mich hat die Schnelligkeit, mit der Deutschland das Virus eingedämmt hat, sehr beeindruckt."

Alfredo Bruno lobt den Gedankenaustausch mit den Kollegen der Charité, der Besuch der Berliner Virologen soll der Auftakt für eine längerfristige binationale Kooperation bei wissenschaftlichen Projekten sein. "Wir müssen die Universitäten stärker mit dem öffentlichen Gesundheitssystem zusammenbringen", hat Bruno bei dem Treffen erkannt.

Sei es in Ecuador selbst, oder auch mit anderen Ländern wie Deutschland: Nur eine stärkere Kooperation könne im Kampf gegen das Virus zum Erfolg führen, meint der Virologe: Denn trotz des ganzen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts sei die Menschheit auch 101 Jahre nach der Spanischen Grippe einem kleinen Mikroorganismus immer noch mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert.

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