Ceferin: ″Ich bin der Richtige″ | Fußball | DW | 12.09.2016
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Fußball

Ceferin: "Ich bin der Richtige"

Der Niederländer Michael van Praag und der Slowene Aleksander Ceferin wollen neuer UEFA-Präsident werden. Die Wahl ist wegweisend, beide Kandidaten versprechen Reformen - die sind auch dringend notwendig.

Aleksandar Ceferin. Foto: dpa-pa

Der slowenische Kandidat Aleksander Ceferin

Dieser Mittwoch könnte ein sportpolitisch historischer Tag werden, zumindest aber ist er richtungsweisend. Es geht um nichts anderes als die Zukunft des europäischen Fußballs. Die 55 Mitgliedsverbände der Europäischen Fußball-Union (UEFA) wählen in Athen ihren neuen Präsidenten, den Nachfolger des wegen Korruption gesperrten Michel Platini. Der Fußball-Weltverband FIFA hat seinen neuen Präsidenten schon gefunden, jetzt ist Europa dran. Es ist die nächste, auf Jahre hinaus prägende Wahl für das Fußballgeschäft. Zwei Kandidaten stellen sich dem Votum: Michael van Praag, Chef des niederländischen, und Aleksander Ceferin, Chef des slowenischen Fußballverbandes.

Michael van Praag, mit 68 kurz vor der UEFA-Altersgrenze von 70 Jahren, galt bis vor einigen Wochen noch als der Favorit. Einst Präsident von Ajax Amsterdam, Präsident der niederländischen Liga und im Jahr 2015 FIFA-Präsidentschaftskandidat gegen Sepp Blatter. Jetzt sagt er: "Viele Sachen sind in den letzten Jahren falsch gelaufen. Es ist wichtig, dass die Umwelt Vertrauen in die UEFA hat und auch Vertrauen darin hat, wie die Sachen entschieden werden. Und deswegen finde ich es wichtig, dass wir schnell etwas ändern." Aber wie glaubhaft sind seine Aussagen? Van Praag sitzt selbst seit sieben Jahren im Exekutivkomitee, dem Vorstand der UEFA. Und erste Reformen wie in der FIFA haben das Exekutivkomitee oder die Mitgliedsverbände nie angestoßen. Ganz im Gegenteil.

Fehlende Demokratie und Teilnahme

Der Status quo in der UEFA liest sich wie der Inbegriff fehlender Demokratie und Teilhabe: Es gibt keine externe Ethikkommission, keine Kontrollinstanz, ein sogenanntes Compliance-Komitee. Bisher sitzt gerade mal eine Frau im Exekutivkomitee. Die Gehälter von Exekutivkomitee-Mitgliedern und des UEFA-Präsidenten sind weiterhin nicht öffentlich. Doch genau diese 16 Personen vergeben immer noch die Europameisterschaft - in geheimer Wahl.

All das will van Praag nun ändern, sagt er. In der ARD Sportschau und im WDR-Magazin "sport inside" sagt er erstmals auch, dass der Kongress künftig die EURO vergeben müsse, damit mehr Menschen darüber entscheiden als nur das kleine Gremium. Die FIFA hatte das für zukünftige WM-Vergaben schon vor Jahren geändert.

UEFA-Präsidentschaftskandidat Michael van Praag. Foto: dpa-pa

Der Niederländer Michael van Praag will dem UEFA-Kongress mehr Macht geben

Van Praag bietet das detailliertere Programm, legt sich klarer auf Reformen fest als Aleksander Ceferin. Auch der will sie, aber die Transparenz der Gehälter und die Vergabe der EM sind für ihn noch kein Thema. "Ich glaube", sagt der 48-jährige Ceferin, "es muss sich einiges ändern. Ein neuer Wind muss her, neue Ideen. Und dafür bin ich der Richtige."

Einflussreicher Anwalt und Machtmensch

Aber wer ist dieser Aleksander Ceferin überhaupt, der Mann, der auf einmal der Favorit auf Europas Fußball-Chefposten ist? Wenn man sich in Slowenien umhört, wenn man mit Menschen spricht, die ihn kennen, dann lernt man so einiges über den smart daherkommenden Ceferin. Einen Kämpfer nennen ihn einige. Nicht wegen seines schwarzen Gürtels in Karate, nicht weil er fünf Mal die Sahara durchquert hat, das letzte Mal sogar gemeinsam mit der Familie und seinen drei Töchtern. Sondern weil Ceferin ein Machtmensch ist, intelligent und kalkuliert. Er weiß, wie sich Macht anfühlt und wie man sie einsetzt. Geboren in eine mächtige und reiche Familie, hat er mittlerweile eine der einflussreichsten Anwaltsfirmen Sloweniens von seinem Vater Peter übernommen.

Da stellt sich die Frage: Kann einer, der wie er Oligarchen, korrupte Politiker und Drogendealer verteidigt, Europas Fußball nach den Skandalen um Platini, WM 2006 und FIFA zurück in die Glaubwürdigkeitsspur bringen? In einem von nur zwei internationalen Fernseh-Interviews antwortet er in der ARD Sportschau und dem WDR-Magazin Sport Inside. "Das ist mein Job, und ich bin froh, dass ich ihn gut mache. Und er ist eine große Errungenschaft der Demokratie."

Mangelnde Ethik und Unwissen?

UEFA-Hauptquartier in Nyon. Foto: dpa-pa

Wer regiert bald am UEFA-Sitz in Nyon?

Aber in Slowenien gibt es noch mehr Vorwürfe, sie sind kaum öffentlich, und sie sind kompliziert. Ein Beispiel: Ceferin gilt als guter, aber sehr forscher Anwalt, sagen alle, die mit ihm vor Gericht zu tun hatten. Hinter den Kulissen heißt es plötzlich, Ceferin habe den Ethikcode des slowenischen Anwaltsvereins gebrochen. Roman Zavrsek, Präsident des Anwaltvereins Sloweniens, bestätigt das. "Ja, es gab eine Beschwerde, weil er sich zu einem offenen Fall geäußert hat. Die Ethikkommission fand das unangebracht." Ceferin sagt dazu, er habe nur das öffentlich gesagt, was das Gericht hinterher bestätigt habe.

Nächstes Beispiel: Der Fußballklub NK Koper bekam gerade eine Lizenz für die 1. Liga - trotz Millionen Schulden. Hinter dem Club steht ein Mandant von Ceferin. Dazu sagt der UEFA-Präsidentschaftskandidat in der Sportschau und "sport inside": "Wir wussten nicht, dass NK Koper diese Schulden hat. Wir konnten das gar nicht wissen." Das verwundert, denn in den letzten Jahren wurde immer wieder öffentlich über die Schulden des Vereins berichtet.

Undurchsichtiges Spiel

Die Grundfrage bleibt: Wie kann es sein, dass ein bisher fast Unbekannter vermeintlich schon die Hälfte aller Verbände hinter sich zu haben scheint? Inklusive Deutschland, Frankreich, Italien, Irland und großen Teile Osteuropas. Ceferin gilt als gut organisiert, als ein Netzwerker, einer, der Dinge anpackt und verändert. Sein Alter 48 Jahre sehen viele Verbände als Vorteil, um endlich mit alten Strukturen aufräumen zu können.

Klar ist aber auch, dass die Russen für ihn intensiv Lobbyarbeit betrieben haben. Auch FIFA-Chef Infantino, so heißt es. Ceferin selbst habe den nordischen Ländern die Europameisterschaft versprochen. Eine Lüge, entgegnet er - und dass niemand seinen Wahlkampf von außen organisiere oder berate. Dass er auch nicht von irgendeiner fremden Macht gesteuert sei.

Der Wahlkampf zum neuen UEFA-Präsidenten bleibt ein undurchsichtiges Spiel der Macht. Zwei Kandidaten. Ein Slowene als klarer Favorit. Die Hoffnung auf Reformen mit im Gepäck. Nach der Wahl am Mittwoch in Athen wird sich zeigen, wie ernst es der neue Chef des europäischen Fußballs mit Veränderung dann wirklich meint.

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